Kino_Das Gesetz der Rache

Vergebung war gestern

Die goldene Ära der Selbstjustizfilme ist schon lange vorbei, da kommt F. Gary Grays "Law Abiding Citizen" um die Ecke: ein Film, der nicht wie so viele andere vor Reaktionärem strotzt, sondern die Zustände nach 9/11 im Action-Gewand anprangert.    16.11.2009

Es gibt wohl kaum einen anderen Schauspieler, den man so mit dem "Vigilantenfilm" in Verbindung bringt wie Charles Bronson. In der "Death Wish"-Reihe war er gleich mehrere Male hinter bösen Jungs her, die irgendwie durch das amerikanische Justizsystem gefallen waren oder dieses erst gar nicht zu Gesicht bekommen hatten. Bronson verlor dabei Stück für Stück seine gesamte Familie, hatte also jeden Grund, vor Wut an die Decke zu gehen.

So ergeht es auch Gerard Butler, seit "300" einer der neuen Action-Stars, in "Das Gesetz der Rache". Der Film läßt sich nicht einmal fünf Minuten Zeit, bevor Clyde Shelton (Gerard Butler) die schlimmsten Minuten seines Lebens ertragen muß: Zwei Männer dringen in sein Haus ein, stechen ihn nieder und töten seine Frau und Tochter. Shelton überlebt schwer verletzt und schwört Rache ...

Was in der Tat nach den üblichen Genretopoi klingt und bisweilen auch so aussieht, entpuppt sich jedoch immer wieder als subtiler Seitenhieb gegen die amerikanische Justiz. Das fängt bereits beim Setting an, das nach Philadelphia verlagert wird, eine Stadt, die wie kaum eine andere die Geschichte der Vereinigten Staaten prägte, hier, wo die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung unterschrieben wurden - ein Ort mit großem Symbolcharakter also. Regisseur F. Gary Gray ist sich dessen bewußt, läßt die Kamera deshalb auch immer wieder über das Rathaus fahren, an dessen Spitze Gründungsvater William Penn thront. Gray kleistert seinen Film jedoch nicht mit diesem Symbolismus zu, sondern konzentriert sich primär auf seine Geschichte, die für sich genommen viele Klischees erfüllt und dann aber doch wieder nicht.

Vieles, was in "Das Gesetz der Rache" vonstatten geht, kennt man aus genügend anderen Filmen, die sich mit dem Thema Rache und Selbstjustiz beschäftigen - aber immer dann, wenn man zu wissen glaubt, was kommt, liegt man falsch. Natürlich ist das nicht permanent der Fall, aber Grays Film geht das Sujet doch von mehreren Seiten an. Urplötzlich wird man Zeuge von Gewaltausbrüchen, die man so in amerikanischen Actionern nur selten bis gar nicht zu sehen bekommt. Kreativ ist das zwar nur bedingt, aber Gray befördert es nicht nur einmal over the top.

 

Demgegenüber steht die Fähigkeit des Films, über sich und in Ansätzen sogar darüber hinaus zu reflektieren. "Das Gesetz der Rache" bleibt dabei jedoch stets in hollywoodschen Gefilden, sodaß ein echter Diskurs um das amerikanische Justizsystem, das von vielen als effektiv und gerecht angesehen wird, nicht wirklich stattfindet. Und dennoch macht sich der Unmut über eben jenes System immer wieder breit, nicht nur im Plot selbst, sondern auch in Dialogen oder Monologen verantwortlicher Juristen. Was ist mit dem Rechtssystem im Land der Freien seit den Anschlägen von 9/11 nur passiert? Homeland Security und Guantánamo sind nur zwei konkrete Stichwörter, die so vielleicht nicht direkt im Film fallen, die man aber assoziiert und die "Das Gesetz der Rache" auch evoziert.

Das Rechtssystem verwalten in Grays Film schon lange nicht mehr Idealisten, für die die amerikanischen Werte und Normen das Höchste sind, sondern Opportunisten, die auch nicht davor zurückschrecken, Deals mit Mördern und Vergewaltigern einzugehen. Jamie Foxxs Charakter zeigt diese Haltung eindringlich, wenn er im Lauf des Films dadurch sogar zum District Attorney befördert wird. Shelton bleibt bei diesem äußerst ökonomischen System also gar nichts anderes übrig, als es mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Dabei ist er eigentlich ein "Law Abiding Citizen" (dt.: "gesetzestreuer Bürger"; erst hier offenbart sich, wie unangebracht und reißerisch der deutsche Verleihtitel ist), wie er betont. Dieses Vorgehen findet in einer sowohl urkomischen als auch nachdenklich stimmenden Gerichtsszene seinen Höhepunkt, wenn Shelton der Richterin den Spiegel vorhält.

Gray schafft den Spagat zwischen Komik und hartem Actioner gekonnt. Dabei ist er keineswegs immer politisch korrekt, doch dafür ist "Das Gesetz der Rache" auch ein schön straighter Rache-Thriller geworden, der keine Rücksicht auf Verluste nimmt - und das in vielerlei Hinsicht. Es scheint, als sei Grays Film eine Art Michael-Moore-Doku über das US-Rechtssystem, nur eben im Gewand eines Blockbusters mit Star-Besetzung. Wie Moore gibt aber auch Gray nur bedingt Antworten auf das, was er kritisiert. Aber das wäre vielleicht auch einfach zuviel verlangt.

Stefan Rybkowski

Das Gesetz der Rache

ØØØØ

(Law Abiding Citizen)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2009

109 Min.

Regie: F. Gary Gray

Darsteller: Gerard Butler, Jamie Foxx, Colm Meaney u. a.

 

(Filmstart: 20. 11.)

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