Kino_Nie wieder Sex mit der Ex

Dick Flick

Judd Apatow und seine Getreuen starten mit dieser sommerlichen, etwas anderen RomCom einen neuen Angriff auf unsere Lachmuskeln. Vom dämlichen deutschen Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen.    10.06.2008

Es gibt nicht viele Filme außerhalb des Porno-Universums, in denen der männliche Hauptdarsteller in der ersten und letzten Szene komplett nackt vor einer jeweils anderen Frau posiert. "Nie wieder Sex mit der Ex", die neue Komödie aus der Kreativwerkstatt des Judd Apatow ("Jungfrau [40], männlich, sucht ...", "Beim ersten Mal"), gelingt dieses besondere Kunststück. Und auch abseits aller nackten Tatsachen grenzen sich Apatow, der diesmal den Job des Produzenten übernahm, sowie seine Mitstreiter Nicholas Stoller (Regie) und Jason Segel (Hauptrolle, Drehbuch) überaus erfolgreich von Hollywoods Konsens-Komödien-Einerlei ab.

Das Erfolgsrezept ist dabei keineswegs neu, sondern - ganz im Gegenteil - nach Box-Office-Hits wie "Beim ersten Mal" sogar betriebswirtschaftlich bestens erprobt. Man nehme einen etwas vertrottelten, aber stets liebenswerten Loser, dem die Liebe übel mitgespielt hat und der nach einem ordentlichen Tritt in den Hintern sein verlorengeglaubtes Selbstbewußtsein zurückerlangt. In diesem Fall ist Peter (Jason Segel) unser good guy. Bereits seit fünf Jahren sind der Musiker und die schöne Schauspielerin Sarah Marshall (Kristen Bell) ein Paar. Dann geschieht es - wie aus dem Nichts macht sie mit ihm Schluß. Der Grund dafür ist so einleuchtend wie niederschmetternd: Sarah hat jemand anderen kennengelernt. Aldous Snow (Russell Brand) ist ein exzentrischer Rockstar und somit das genaue Gegenteil ihres Ex, der sich auch schon mal ganz gerne eine Woche in der gleichen Jogging-Hose auf dem heimischen Sofa aufhält.

Unserem bemitleidenswerten Peter, der sich überdies bei jeder Gelegenheit exzessiv und ausdauernd selbst bemitleidet, zerreißt es fast das Herz vor lauter Liebeskummer. Alle Versuche, Sarah zu vergessen, sind letztlich zum Scheitern verurteilt. Selbst kurze Bettgeschichten, die zumeist eher peinlich enden, können ihn nicht auf andere Gedanken bringen. Erst nach einem Nervenzusammenbruch entschließt sich Peter auf Anraten seines Bruders (Bill Hader) zu einem Kurzurlaub auf Hawaii. In der unbeschwerten Urlaubsatmosphäre hofft er, sein angekratztes Selbstbewußtsein aufpolieren zu können. Doch gerade als er in das luxuriöse Strandhotel einchecken will, holt ihn die Vergangenheit unvermittelt ein. Seine Ex und ihr neuer Lover hatten anscheinend dieselbe Idee - und so kommt es zu einem Wiedersehen, das Peter eigentlich um jeden Preis vermeiden wollte.

 

Der Grund, warum die Filme der Apatow-Crew so gut funktionieren, ist simpel und schnell gefunden. Wenn die Beteiligten an einem Filmprojekt gemeinhin davon schwärmen, welchen Spaß ihnen der Dreh bereitet hat, so steckt dahinter oft nicht mehr als ein kalkuliertes Lippenbekenntnis zu PR-Zwecken. Hier nimmt man dagegen jedem ab, daß er mit Herz ganz bei der Sache ist. Dazu trägt vor allem der unverwechselbare Klassentreffen-Charakter der Apatow-Filme bei. So tauchen in all seinen Produktionen immer wieder die gleichen Gesichter und Namen auf. Dieses Mal gibt es ein Wiedersehen mit Paul Rudd, Bill Hader und Jonah Hill (bekannt aus "Superbad"), die sich mit Hauptdarsteller Jason Segel gekonnt die Bälle und Pointen zuspielen.

Segel tritt mit der Darstellung des gutherzigen Couch-Potato Peter in die zugegeben großen Fußstapfen Steve Carells. Zwar hat Peter nicht das Problem, 40 Jahre auf sein erstes Mal warten zu müssen, dafür durchleidet er echte Höllenqualen in paradiesischer Umgebung. Wie schon Carell gelingt es Segel, sein Alter ego trotz aller zum Teil recht brachialen Gags nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Peter behält immer seine Würde und bleibt dank Segels natürlichem Auftreten stets ein echter Sympathieträger, für den man sich ein Happy-End sehnsüchtig herbeiwünscht. Und - soviel sei an dieser Stelle verraten - das Daumendrücken ist nicht ganz umsonst.

"Nie wieder Sex mit der Ex" spart erwartungsgemäß nicht mit derben Zoten und sehr eindeutigen Anspielungen. Die Komödie richtet sich, wie schon ihre kreativen Ziehväter, weniger an pubertierende Teenies denn an ein älteres Publikum, dem Peters emotionales Waterloo vermutlich nicht ganz unbekannt vorkommen dürfte. Auf eine sehr angenehme Art wird hier unverkrampft über Sex geredet und die Prüderie der amerikanischen Mainstream-Medien als verlogene Doppelmoral entlarvt. Ein bißchen wirkt das alles, als seien die Farrellys endlich erwachsen geworden. Segels Drehbuch macht dabei auch vor dem eigenen Berufsstand nicht halt. Die TV- und Filmindustrie bekommt ihr Fett weg, wenn ein "CSI"-Klon, in dem William Baldwin (was hat der eigentlich die letzten paar Jahre gemacht?) den harten Ermittler gibt, genüßlich durch den Kakao gezogen wird.

Obwohl sich der Film in seiner Dramaturgie nicht substantiell von anderen romantischen Komödien unterscheidet, bietet er das perfekte Kontrastprogramm für alle, denen "Pretty Woman" schon lange übel aufstößt. Hier müssen sich die Charaktere nicht jederzeit an feste Benimmregeln halten, nur weil Moral und Anstand es von ihnen verlangen. Peter wurde schwer enttäuscht. Er hat jedes Recht, unfair, weinerlich und genervt zu sein. Sein Herz ist ein Scherbenhaufen, den er mühsam Stück für Stück neu zusammensetzen muß. Wie ihm das gelingt, davon erzählt dieser überaus charmante, komische und sehr ehrliche Streifen.

Marcus Wessel

Nie wieder Sex mit der Ex

ØØØØ

(Forgetting Sarah Marshall)

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USA 2008

111 Min.

Regie: Nicholas Stoller

Darsteller: Jason Segel, Kristen Bell, Mila Kunis u. a.

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