Kino_Rocky Balboa

Der automatisierte Held

Sly Stallone beschließt seinen populären "Rocky"-Zyklus mit 16 Jahren Verspätung. Leider hat sich das Warten - zumindest für jene, die keine erklärten Fans des Leinwandboxers sind - nur bedingt gelohnt.    12.02.2007

Philadelphias Boxer-Denkmal Rocky Balboa (Sylvester Stallone) ist seiner Heimatstadt treu geblieben. Inmitten der vertrauten Umgebung betreibt "Rock" das kleine italienische Restaurant "Adrian" - benannt nach der an Krebs verstorbenen großen Liebe seines Lebens. Mit dem Verlust Adrians hat Rocky auch seinen inneren Kompaß verloren: Karriere beendet, Frau entrissen, Sohn (Milo Ventimiglia) entfremdet - verscheucht vom übergroßen Schatten des Vaters.

Dem "italienischen Hengst" bleibt nur noch das verzweifelte Festhalten an einer unwiederbringlichen Vergangenheit. Zu diesem Zweck hat er sich ein Refugium aus purer Nostalgie erschaffen, in dem er die Geister von anno dazumal konserviert. Im "Adrian" hat er sie alle versammelt: Die namensgebende Verstorbene ist in einer Photogalerie verewigt, "Spider Rico" (Pedro Lovell), ein bibelzitierender, abgetakelter Ex-Ringgegner Rockys, gehört quasi zum Inventar der Gaststätte. Rocky selbst gibt alte Boxanekdoten zum Besten und verschafft somit auch Außenstehenden Zutritt in längst vergangene, nostalgische Zeiten. Doch Balboa sehnt sich danach, die schmerzlichen Erinnerungs-Trips hinter sich zu lassen. So nimmt ein wahnwitziger Plan - der ernsthafte Gedanke an ein Comeback im Ring - reelle Form an. Glücklicherweise sucht das Management des ungeschlagenen und ebenso unbeliebten Weltmeisters Mason "The Line" Dixon (Antonio Tarver) gerade nach einem attraktiven Gegner für seinen arroganten Schützling ...

 

Mit "Rocky Balboa" verwirklicht Stallone einen eigentlich undenkbaren Film, der bereits im frühen Entwicklungsstadium dem Untergang geweiht schien. Um das Unmögliche möglich zu machen, konzipierte er seinen stark verzögerten "Rocky"-Epilog daher als mit Verweisen und Zitaten gepflasterten Retro-Trip. Balboa - nach wie vor im Hinterhof-Look und typischen Rocky-Slang teils wirr, teils weise, aber stets sympathisch fabulierend - ist außerstande, die bitteren Zäsuren in seinem Leben hinzunehmen. Er klammert sich deshalb an Vertrautes. Dazu zählt auch Marie (Geraldine Hughes), eine flüchtige Bekannte aus den alten Tagen, deren Nähe er instinktiv sucht.

Den alten Ringkrieger mit all seiner eigentümlichen Bodenständigkeit erfolgreich in das Hier und Jetzt einer radikal modernisierten Welt zu verpflanzen, die Balboa als letzten Dinosaurier einer untergegangenen Epoche begreift - dieses Vorhaben muß man Sly hoch anrechnen. Stallone geht erneut in seiner Paraderolle auf und setzt Akzente, während die restliche Darstellerriege leider enttäuscht: Filmsohn Ventimiglia wirkt unangenehm farb- und ausdruckslos, Burt Young überspannt den Bogen als nervtötender Dauergriesgram Pauli, und Marie ist kaum mehr als - zugegeben sympathisches - Beiwerk.

Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Sylvester Stallone orientiert sich bei der Revitalisierung seiner Filmlegende an der einfachen, aber wirkungsvollen Dramaturgie des Originals. Leider fehlt ihm dabei allzuoft das nötige Fingerspitzengefühl; die unverhohlene Zitatenklauberei wirkt verkrampft oder aufgesetzt. Einleuchtende Beweggründe für das Balboa-Comeback bleibt uns der Autor/Regisseur ebenso schuldig wie Genaueres zum Prozeß der wiedererlangten Boxlizenz, der von Stallone nicht vernünftig zu Ende inszeniert wird. (Anmerkung der Redaktion: Wir reden hier von Rocky - also: Who gives a shit?)

Spätestens bei der obligatorischen Trainingsmontage schaltet Stallone dann den "Rocky"-Autopiloten ein. Der kämpfende Rentner bedarf offensichtlich keiner näheren Hinterfragung, er wird von Stallone - als der Zeit und Umgebung völlig entrückte - phantastische, unzerstörbare Ausnahmeerscheinung ein für allemal und ohne Rücksicht einzementiert.

"Rocky Balboa" bleibt somit eine ambivalente Hit-and-Miss-Komposition, die dem Zuschauer eine Extraportion guten Willens abverlangt, für Fans aber genau das ist, worauf sie gewartet haben.

Dietmar Wohlfart

Rocky Balboa

ØØØ


USA 2006

102 Min.

dt./engl. OF

Regie: Sylvester Stallone

Darsteller: Sylvester Stallone, Burt Young, Antonio Tarver.


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