Kino_Shine A Light

Rendezvous mit dem Urgestein

Stones-Fan Martin Scorsese hat sich einen Lebenswunsch erfüllt und mit Hilfe von 18 Kameras zwei Auftritte der Alt-Rocker festgehalten. Damit hat er die 19. Doku über die Band vorgelegt - nicht mehr, aber auch nicht weniger.    09.04.2008

Die erste Szene des Films dokumentiert das Lampenfieber der in die Jahre gekommenen Rockband: nervöses Auf- und Abgehen hinter der Bühne, letzte Änderungen der akribisch ausgetüftelten Setlist, dann noch schnell Händeschütteln mit Bill Clinton, Hillary kommt auch gleich. Die Fotografen warten noch auf Hillarys Mom, ja, der ganze Clan will ein Foto mit den Stones.

Diese Szene ist eine der wenigen, die das Geschehen abseits der Bühne einfangen. Ansonsten zeigt Regie-Maestro Martin Scorsese ("Departed", "Taxi Driver") in seiner Konzertdoku "Shine A Light" fast ausschließlich Mitschnitte zweier Gigs. Ursprünglich war es Mick Jagger höchstpersönlich, der die Idee hatte, eines der Stones-Konzerte zu dokumentieren - er wollte das größte Konzert aller Zeiten veranstalten. Scorsese kippte die Idee allerdings ins andere Extrem. Letztendlich wurden im Herbst 2006 zwei Konzerte im intimen Rahmen des Beacon Theatre in New York abgefilmt.

 

Der Aufwand blieb dennoch ein beachtlicher. Scorsese holte großartige Kameramänner und -frauen an Bord; insgesamt 18 Kameras filmten das Rock-Gestein aus allen möglichen Blickwinkeln bei seiner Arbeit. Dem Zuseher wird das Gefühl vermittelt, live auf der Bühne dabei zu sein. Die Linse verfolgt scheinbar alles: Mick Jagger in Großaufnahme, Schwenk, die Kamera folgt dem hyperaktiven Frontmann auf Schritt und Tritt. Der Breitmaulfrosch läuft arschwackelnd in Röhrenjeans die Bühne auf und ab, fast so, als wäre er auf dem Catwalk. Schwenk, gitarrenverliebte Großaufnahmen, Schwenk, ein etwas müde wirkender Charlie Watts hinter seinem Schlagzeug schaut auf und schnauft in die Kamera. Schwenk, Keith Richards und Ron Wood hauen in die Saiten. Alles in allem vier verbraucht aussehende Männer, die in altbewährter Manier sowohl weniger bekannte Lieder als auch Hits spielen.

Zu den Highlights des Films zählen ohne Zweifel die Gastauftritte, etwa jener der Blues-Legende Buddy Guy oder von Jack White. Der White-Stripes-Gitarrist trällert mit Jagger "Lovin´ Cup", sie begleiten einander mit Akustikgitarren, zu guter Letzt stimmt auch Pop-Röhre Christina Aguilera ein Duett mit dem Bandleader an.

Während die 120minütige Konzertdoku sicherlich Pflichtprogramm für Stones-Fans ist, werden sich alle anderen früher oder später die Frage stellen: "Was mache ich hier?" Die Aufregung, das besagte Lampenfieber in der Anfangsszene, ist nämlich das einzige, womit "Shine A Light" überrascht - bei so einer alteingesessenen Rockband erwartet man routinerte Coolness statt Nervosität.

Scorsese, bekennender Anhänger der Band, schafft es mit dieser inzwischen 19. (!) Doku über die Rocker im Pensionsalter nicht, einen neuen Blickwinkel auf die Legende zu werfen. Stattdessen hat er eine Konzertdoku von einem Fan für andere Fans gedreht - und das ist enttäuschend. Man bekommt das zu sehen, was man von den Stones schon weiß oder zu wissen glaubt. Und daß die Jungs ihr Handwerk beherrschen, kann man nach 46 Jahren Bühnenerfahrung ja wohl voraussetzen ...

Bettina Figl

Shine A Light

ØØ 1/2

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USA 2008

120 Min.

Regie: Martin Scorsese

Darsteller: Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood, Charlie Watts u. a.

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