Kino_Spider-Man 3

Die dunkle Seite der Macht

Sam Raimi hat es geschafft: Obwohl sein neuer "Spider-Man" der teuerste Film aller Zeiten geworden ist und mit Effekten nicht geizt, wartet der engagierte Blockbuster mit vielen Qualitäten eines stark charakterorientierten Erzählkinos auf.    24.04.2007

Daß Erfolg sexy macht, wird Peter Parker (Tobey Maguire) sofort bestätigen. Eigentlich ist der Physikstudent ja ein verträumter und stets gutherziger Durchschnittstyp - doch andererseits ist er auch als Spider-Man unterwegs, um New York und seine Bewohner vor allem Bösen zu beschützen und zu bewahren. Die ganze Stadt, ja das ganze Land liegt ihm zu Füßen. Dabei war es erst der Biß einer mutierten Spinne, die den Nobody in einen Superstar verwandelte. Lang, lang ist´s her. Als Verfilmung der legendären Comics von Stan Lee und Konsorten brachte "Tanz der Teufel"-Regisseur Sam Raimi vor fünf Jahren den Weltverbesserer im rot-blauen Strampelanzug zum ersten Mal auf die große Leinwand - mit durchschlagendem Erfolg. Nach der unerwartet emotionalen und intimen Fortsetzung bläst Raimi nun erneut zum vermutlich einzigen Spinnen-Happening, das selbst für bekennende Arachnophobiker gefahrlos durchzustehen ist.

 

Dabei haben es gleich drei finstere Gesellen auf unseren "All American Hero" abgesehen: Ein entflohener Sträfling (Thomas Haden Church), der - wie sollte es anders sein - zufällig in den Dunstkreis eines wissenschaftlichen Experiments gerät und fortan als wandelnder Sandsturm New York unsicher macht, Peters gekränkter Fotografen-Kollege Eddie Brock (Topher Grace) und Milliardärssohn Harry Osborn (James Franco), der zunächst auf Rache für den angeblich von Spider-Man verschuldeten Tod seines Vaters sinnt. Rache ist in "Spider-Man 3" ohnehin das zentrale Motiv. War es im zweiten Teil eine Mischung aus traditioneller Coming-of-Age-Dramaturgie und der unmißverständlichen Dialektik zwischen Macht und Verantwortung, die Peter Parkers Selbstfindungs-Trip kennzeichneten, so sieht sich der immer noch liebestolle Freizeit-Weltenretter nunmehr mit der dunklen Seite seiner übermenschlichen Fähigkeiten konfrontiert.

Peter will den Mord an seinem geliebten Onkel Ben rächen. Und als die Beziehung zu Mary Jane (Kirsten Dunst) zu zerbrechen droht, weil mit Harry Osborn ein Jugendfreund als Nebenbuhler den Tröster in der Not gibt, richten sich Spideys Aggressionen auch gegen ihn. Der Übertritt auf die dunkle Seite der Macht dürfte seit "Star Wars" wohl immer mit dem Anlegen der martialischen Robe des Imperators verbunden werden. Wie aus Anakin Skywalker schließlich Darth Vader wurde - diese Bilder gehören längst zu unserer vom Kino wesentlich mitgeprägten Popkultur. Der Bösewicht trägt bekanntlich schwarz, und so zwängt sich Peter Parker diesmal in ein entsprechendes windschnittig designtes Spinnen-Outfit, das er - Ordnung muß sein - nach jedem Einsatz fein säuberlich in einer separaten Kiste aufbewahrt. Wirklich böse Menschen sehen anders aus.

Das neue Abenteuer ist vor allem ein Flirt mit dem Verbotenen und kein echter Ausflug in die Abgründe von Peters Seele. Es macht einfach Spaß, nicht immer den moralisch unantastbaren Sunnyboy geben zu müssen, zumal der Bösewicht in den klassischen Superheldengeschichten fast ausnahmslos den interessanteren Charakter abgibt. Seien wir ehrlich: Wie spannend wären zwei Stunden mit Michael Keaton alias Batman gewesen, wenn nicht Jack Nicholson oder Danny DeVito gleichzeitig ihrem Ego in der Psychopathenrolle freien Lauf gelassen hätten? Der zuweilen etwas langweilige Peter blüht richtig auf, als er eine erzwungene Beziehungspause einlegt und mit gestärktem Selbstbewußtsein und neuer Frisur (höhö!) die Ladies anbaggert. Geradezu exaltiert schwingt er die Hüften zur Musik von Tom Jones, was ebenso wie die Szenen mit seinem notorisch schlecht gelaunten Boss (J. K. Simmons) für reichlich Zwerchfellmassage sorgt.

 

"Spider-Man 3" führt das von Raimi bereits in Teil zwei verfolgte Konzept eines zeitgemäßen Blockbuster-Kinos fort, das sich trotz neuer Rekordbudgets und aller Schauwerte ungewöhnlich charakterfixiert gibt. Es kommt nicht wirklich darauf an, was Peter Parker respektive seinem Alter ego einfällt, um die Gegenspieler in ihre Schranken zu verweisen. Es geht vielmehr um die Illustration des "Wie", um seine innere Einstellung zu den Ereignissen. "One person can make a difference“ heißt es an einer Stelle - ein Satz, der wie in Stein gemeißelt über dem gesamten Film stehen könnte; vor allem, wenn man bedenkt, wer ihn aufsagt. Raimi appelliert an die Verantwortung des Individuums, an die Freiheit des eigenen Willens und der eigenen Entschlußkraft. Obwohl mit dem phantasievoll animierten Sandman ein durchaus ambivalenter Antagonist die Bühne betritt, ist auch der neueste "Spider-Man" kein brachialer Thrill-Ride auf der Rasierklinge, sondern vielmehr sublimes, wertgebundenes Kino, das seine Botschaft offensiv vertritt. Vielleicht ist es das, was den Erfolg der "Spider-Man"-Reihe ausmacht und ihre Popularität über alle Gruppen von Kinozuschauern begründet. Man muß kein Freund quietschbunter Comic-Verfilmungen oder donnernder Action-Spektakel sein, damit einen das Spinnen-Gen infiziert.

Zu mäkeln gibt es nicht viel. Angesichts eines geschätzten Budgets von 300 Millionen Dollar verwundert zwar der eine oder andere allzu schlampige Special Effect, und das nicht endenwollende Taschentuchfinale dürfte echten Kerlen ein Dorn im Auge sein. Beides fällt in der Rückschau jedoch kaum ins Gewicht, weil Raimi und sein Team den wichtigsten Schauplatz ihrer märchenhaften Jedermann-Geschichte nie aus dem Auge verlieren. Die eigentliche Action - soviel ist sicher - spielt sich in dir ab, Peter Parker!

Marcus Wessel

Spider-Man 3

ØØØØ 1/2


USA 2007

140 Min.

dt. Fassung und OF

Regie: Sam Raimi

Darsteller: Tobey Maguire, Kirsten Dunst, Thomas Haden Church u. a.

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Kommentare_

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Gerhard - 01.05.2007 : 09.46
mir hat der film überhaupt nicht gefallen - einfach nur schlecht, nicht spannend und auch nicht witzig...
ms - 01.05.2007 : 11.23
Lieber Gerhard,
darf man fragen, wie dir die ersten beiden gefallen haben?
Gerhard - 02.05.2007 : 11.45
tja - die habe ich nicht gesehen... ich weiß - ich bin unwürdig. generell schau ich mir gerne comicverfilmungen an, aber spiderman hat mich nicht überzeugt.
Batz - 05.05.2007 : 19.10
Ich muß zugeben ich bin immer wieder überrascht, wenn ich lese das in diese absolut banalen Allerweltsaussagen und Soapmomente tatsächlich echter Anspruch und wahre Emotionen reininterpretiert werden. Ich mochte den ersten Teil, auch wenn ich dort schon die allzu sülzigen Momente mit Kirsten Dunst unerträglich fand, aber er hatte ansonsten doch viele nette Momente die die eher mittelprächtigen tricks aufgewogen haben. Teil 2 und 3 sind hingegen weder sauber erzählt noch wirklich mitreißend, für mein Empfinden. Keine Aussage geht über Apothekenkalenderweisheiten hinaus, alles hat diese übertriebene Seifigkeit, die es schwer macht die Figuren auch nur eine Sekunde ernst zu nehmen.

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