Kino_The Sentinel

Helden im Hintergrund

"24"-Star Kiefer Sutherland auf den Fersen von Michael Douglas: Der Polit-Thriller alter Schule erlebt in Zeiten des Neoimperialismus ein höchst unterhaltsames Comeback.    14.06.2006

Ein Relikt ist wieder da: der Polit-Thriller in bester "In the Line of Fire"-Tradition. Heutzutage, da Spannungskino entweder mit revitalisierten Horrorfilmen oder SF-Spektakeln gleichzusetzen ist, klafft eine gewaltige Lücke zu den glatten und schnörkellosen Agenten- und Verschwörungswerken der 70er und 80er Jahre. Wie bezeichnend ist es da, daß der zuletzt einzig wirklich nennenswerte Vertreter dieser Richtung mit "Der Manchurian Kandidat" das Remake eines Klassikers war.

Michael Douglas ist auch irgendwie ein Relikt. Biologisch schon jenseits der sechzig, konnte er sich dank seiner jungen Gattin Catherine Zeta-Jones immer wieder jugendlich in der Yellow Press reproduzieren. In "The Sentinel" beweist er als Secret-Service-Agent Pete Garrison, daß man(n) auch in diesem Alter fit wie ein Turnschuh sein kann und einem MacGyver in Sachen Kreativität und Einfallsreichtum nicht das Feld überlassen muß.

Im Secret Service genießt Pete einen ausgezeichneten Ruf. Er ist eine Legende, da er einst die Kugeln eines Attentäters abfing und so dem Präsidenten das Leben rettete. Mittlerweile kümmert er sich um den Schutz und die Sicherheit der First Lady (Kim Basinger). Als jedoch ein Mordkomplott gegen den Präsidenten bekannt wird, sieht sich Pete auf einmal im Zentrum der Ermittlungen. Sein nicht zu erklärendes Verhalten und ein nicht bestandener Lügendetektortest machen seine Vorgesetzten mißtrauisch. Petes ehemaliger Schüler David Breckinridge (Kiefer Sutherland) und dessen Kollegin Jill Marin ("Desperate Housewife" Eva Longoria) werden auf den Fall angesetzt. Immer undurchsichtiger werden die Spiele hinter der Fassade des Weißen Hauses. Es scheint einen Maulwurf im Secret Service zu geben. Nur: Ist es tatsächlich Pete?

 

Mit "24"-Star Kiefer Sutherland versucht "The Sentinel" die große Fan-Gemeinde der Serie für sich zu nutzen. Das Spieltableau, ein Minenfeld aus falschen Verdächtigungen, Intrigen und Mordkomplotten, ist nahezu identisch - insofern war die Besetzung nur konsequent. Nach einer Einführung in den Tagesablauf eines Secret-Service-Mitarbeiters (die einzelnen Stationen aus dem Kalender des mächtigsten Mannes der Welt werden eher sporadisch und episodenhaft abgehandelt) nimmt der Film dann aber gewaltig an Tempo und Dynamik zu. Wie Nadelstiche tauchen erste Indizien gegen Pete auf, die der zunächst nicht wahrhaben will. Aus einem anfänglich eher süffisanten Kopfschütteln wird ein vehementes Leugnen.

Pete hat ein Geheimnis, soviel steht fest, und es ist dramaturgisch geschickt, daß das Drehbuch von George Nolfi (basierend auf einem Roman von Gerald Petievich) dieses alsbald lüftet, um uns Pete Garrison als Sympathieträger nicht zu nehmen. Es muß klar sein, daß Pete nicht aus Feigheit oder Heimtücke die Wahrheit verschweigt, sondern mit seinem verdachterregenden Verhalten etwas/jemand Wichtigeres/n beschützen will.

Tom Clancy hätte seine helle Freude an "The Sentinel". Männer mit Sonnenbrillen, wohin man auch blickt, schwarze Limousinen, Agenten-Gadgets - und dazu viel Laufarbeit, gleich im doppelten Sinn. In Hinterzimmern und bei konspirativen Treffen wird der große Coup geplant, den es - dafür haben wir schließlich unseren tapferen, durch und durch aufrechten Pete - in letzter Minute zu vereiteln gilt.

Die Fragmente dieses von der ersten bis zur letzten Minute altmodischen Thrillers sind teilweise derart offensichtlich kopiert und lediglich neu zusammengesetzt worden, daß die Kaltschnäuzigkeit der Produzenten erst verwundert und schließlich begeistert. So erfrischend es ist, im Horrorbereich augenblicklich eine wahre Flut an harten Genre-Perlen auf der Leinwand erleben zu dürfen, so wunderbar "Old School" mutet Clark Johnsons Regiearbeit an. Daß die scheinbar unsichtbaren Helden des Hintergrunds überhaupt schon Handys und anderen neumodischen Firlefanz verwenden, wirkt in einem solch nostalgischen Kontext beinahe wie eine kleine Sensation.

"The Sentinel" strahlt zu jeder Zeit ein so verspieltes, aber zugleich souveränes Understatement aus, daß es schwer fällt, diesen Film nicht zu mögen. Die Spannung entsteht nicht aus der Frage nach einem möglichen Happy-End; es sind die kleinen Haken und Nebenkriegsschauplätze, die hier zu begeistern wissen. Das Vater-Sohn-ähnliche Duell zwischen dem Dinosaurier Garrison und dem jungen Karrieristen Breckinridge, Petes an Dr. Kimble erinnernde Fluchtmanöver oder die ohne technische Spielereien abgefilmte Schießerei in einem Einkaufszentrum - alles wirkt befreit von der Diktion des Zeitgeists. Das Ganze ist eine Show, inszeniert als Rückgriff auf alte, irgendwie friedlichere Zeiten, in denen es noch eine klare Trennung zwischen Gut und Böse, zumindest in Hollywoods Welten, gab.

Der Kalte Krieg war, retrospektiv betrachtet, eine seltsam verkrampfte, bierernste Veranstaltung mit klaren Regeln und Ritualen und verglichen mit den unberechenbaren Gotteskriegern und Terroristen der Neuzeit geradezu eine Wohltat. Diese scheinen auch in "The Sentinel" ihre Finger im Spiel zu haben. Doch zum Glück gibt es da noch Pete Garrison: den Mann mit der Kraft der zwei Herzen.

Marcus Wessel

The Sentinel

ØØØØ


USA 2006

108 Min.

dt. Fassung und engl. OF

Regie: Clark Johnson

Darsteller: Michael Douglas, Kiefer Sutherland, Kim Basinger u. a.

 

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