Musik_The Notwist - The Devil, You + Me

Weilheim revisited

Das Wiedersehen mit Bayerns Besten gerät auf deren sechstem Album zu einer sanften und melancholischen Reise ins Innere.    11.08.2008

Nach der Veröffentlichung von "Neon Golden" im Jahre 2002 stand eines sofort fest: Fans und Kritiker trafen einander in seltener Eintracht in der Feststellung, daß es für The Notwist schier unmöglich wäre, jemals wieder ein Album von ähnlich fulminanter Brillanz einzuspielen. Man war sich darüber einig, daß alles, was auch immer sie in Zukunft machen würden, niemals an "Neon Golden" herankommen könne. Zu hoch lag die Latte, die sich das Quartett rund um das Brüderpaar Micha und Markus Acher mittels wohldosiertem Sentiment und prickelndem Indie-Elektropop gelegt hatte.

Hört man sich ihr neues Werk "The Devil, You + Me" zum ersten Mal an, läßt man sich allzuleicht dazu verleiten, dieser kassandrischen Vorhersage Glauben zu schenken. Wer nur an der Oberfläche kratzt, wird auf "The Devil" keinen einzigen Song finden, der an Indie-Hitparaden-Höhenflüge wie "Pilot" herankommt. Das soll aber nicht heißen, daß die Platte langweilig ist - man muß sie sich bloß öfter anhören, da sie mit jeder Umdrehung besser wird; aber auch trauriger. Das liegt zum Teil an Markus Achers unschuldig-heller Stimme selbst, doch auch äußere Umstände verdunkeln die Texte und tragen somit zusätzlich zur gedämpften Grundstimmung bei.

2003 gingen The Nowist ein Joint-Venture mit dem Rap-Duo Themselves des US-Experimental-HipHop-Labels Anticon ein. Aus dieser Verschmelzung resultierte das phantastische Album "13&God". Seit damals besteht zwischen den Acher-Brüdern und Dax Pierson von Themselves eine innige, nicht nur musikalische Freundschaft. Die gemeinsame Live-Tour wurde jedoch am 24. Februar 2005 abrupt beendet, als Dax Pierson in einen Autounfall verwickelt wurde. Er ist seit damals von der Brust abwärts querschnittgelähmt.

 

Die Trauer, die Sinnfrage der menschlichen Existenz, die Verzweiflung über eine gescheiterte Beziehung: dies sind die klassischen Themen aller guten Songlyrics. Und davon bietet "The Devil" reichlich. Gleich der Opener "Good Lies" beginnt mit einer Bestandsaufnahme einer sich im Scheitern befindlichen Liebe. Lakonisch und kontemplativ stellt Micha Acher fest: "I remember good lies/When we carried them home with us/To our bedside table and coffee sets." Hm, das klingt ein bißchen nach IKEA-Romantik im ruralen Weilheim. Dabei sollten sich The Notwist, die mitunter als Ghostwriter für internationale Stars wie Björk oder Depeche Mode arbeiten, eigentlich hochwertigere Einrichtungsgegenstände leisten können.

Aber Micha Acher ist eben kein englischer native speaker. Hören kann man das als Nicht-Brite kaum, aber manchmal schummelt sich eine etwas exotische Wortwahl in die Übersetzungen. Das ist eine Eigenheit, die speziell im angelsächsischen Raum gut aufgenommen wird, ja sogar ein Plus darstellt. Es ist an sich schon interessant, daß die derzeit wichtigste deutsche Band ausschließlich englisch singt.

Musikalisch hat sich seit "Neon Golden" wenig verändert. Die Ingredienzen sind dieselben. Nur Martin Gretschmann (Mr. Console) hält sich mit seinen Synthies und Samples deutlich mehr zurück, sodaß "The Devil" insgesamt sehr organisch klingt und noch weiter aus der Elektropop-Ecke heraus in Richtung "echten" Postrock rückt. Das Gitarren-Intro zu "Good Lies" könnte etwa von Interpol stammen. Die hektischen Streicher von "Where In This World" werden bald von crispy beats à la Radiohead/Thom Yorke unterwandert, auch punkto Melodramatik tun sich gewisse Parallelen auf. "Boneless" ist der beschwingteste Song und eine ebenso potentielle wie potente Single-Auskopplung. "Gloomy Planets" schließt mit seinem Balladencharakter direkt an "Neon Golden" an - und Micha Acher fragt sich "Why is everything so locked up?" Eine kluge Reflexion über die eigene Isolation, die aber in Wahrheit nicht so groß sein kann, spielen die Acher-Brüder doch in ihrer Freizeit gemeinsam mit ihrem Vater in einer Dixie-/Folk-Band. Aber vielleicht ist es mit der Einsamkeit so wie mit der Linkshändigkeit: Man wird einfach damit geboren.

Die elf Songs schweben allgemein zwischen Sentiment und Bedrohlichkeit: "The Devil, You + Me" bietet wie die alle Notwist-Platten ein solides emotionales Wechselbad. Der letzte Song "Gone Gone Gone" läßt zumindest einen zierlichen Silberstreifen am Horizont aufleuchten. Das Leben geht schließlich weiter - und hoffentlich müssen wir währenddessen nicht wieder sechs Jahre auf ein neues Album warten.

Ernst Meyer

The Notwist - The Devil, You and Me

ØØØØ

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City Slang/Universal (D 2008)

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