Print_Tana French - Sterbenskalt

Kain & Abel reloaded

"Kriminalroman", steht am Cover. Aber das neue Werk der in Dublin lebenden Schriftstellerin ist noch weit mehr - und höllisch spannend dazu.    26.01.2011

Frank Mackey ist Undercover-Ermittler - und regelmäßigen Tana French-Lesern bereits als Nebenfigur aus "Grabesgrün" und "Totengleich" vertraut (die Rezensionen finden Sie hier). Frank wuchs in "Faithful Place" auf - so auch der zutreffendere Originaltitel -, einem der sozialen Brennpunkte Dublins. Doch seit 22 Jahren ist er raus aus dem Viertel, hat keinen Kontakt mehr zu seinen alten Freunden, zu seinen Geschwistern, seinen Eltern. Aus gutem Grund: Der Vater war ein Säufer und Schläger, die Mutter ließ ihren Schmerz am Nachwuchs aus. Für die Kinder der Mackeys gab es keine Perspektive - außer Gewalt und Kriminalität. Frank sah deshalb nur eine Chance: weg, und zwar so schnell wie möglich.

Gemeinsam mit seiner großen Liebe Rosie wollte er damals nach London abhauen, wo sie sich eine Arbeit suchen, heiraten, Kinder kriegen und überhaupt alles besser machen wollten. Doch Rosie erschien nicht zum verabredeten Zeitpunkt. Stattdessen fand Frank nur einen Abschiedsbrief: Sie hatte sich ohne ihn davongemacht. Enttäuscht kehrte er seiner Vergangenheit den Rücken. Später lernte er eine andere Frau kennen, bekam mit ihr eine Tochter - und hing dennoch immer der Hoffnung nach, Rosie werde eines Tages wieder zu ihm zurückkehren.

 

Jetzt, nach all der Zeit, erhält er plötzlich einen Anruf von seiner Schwester: Bei Abbrucharbeiten in Faithful Place ist Rosies Koffer gefunden worden. Franks dunkle Ahnung wird zur Gewißheit, als man kurz darauf die skelettierte Leiche der jungen Frau entdeckt. Seine große Liebe ist niemals über die Grenzen von Faithful Places hinausgekommen.

Obwohl er sich geschworen hatte, niemals wieder in sein altes Viertel zurückzukehren, stellt Frank sich seiner Vergangenheit; der bitteren Heimat, seiner Familie - getrieben von der quälenden Frage: Wer hatte vor 22 Jahren einen Grund, Rosie zu ermorden?

Doch niemand in Faithful Place will dem verlorenen Sohn bei seiner Suche nach Antwort helfen. Für die Leute ist Frank nicht nur ein Cop, sondern ein Verräter, was in der Gemeinschaft der Habenichtse ungleich schwerer wiegt. Auch seine Familie empfängt ihn keineswegs mit offenen Armen - schon von der ersten Sekunde ihres Wiedersehens an schlägt ihm der Zorn seiner Geschwister entgegen, die ihm nie verziehen haben, daß er sie einst alleine ließ mit dem prügelnden Vater und der verbitterten Mutter.

Dann wird Franks jüngerer Bruder Kevin tot aufgefunden. Kevin hat sich aus dem Fenster gestürzt. In seiner Jackentasche befindet sich die zweite Hälfte von Rosies Abschiedsbrief. Hat ihn das schlechte Gewissen zum Selbstmord getrieben?

 

Wer hier tatsächlich schwere Schuld auf sich geladen hat, ahnt man als Leser bereits ab der Romanmitte - dennoch legt man "Sterbenskalt" bis zum Ende nicht mehr aus der Hand. Wie schon bei ihren beiden Erstlingen mag es sich bei Tana Frenchs drittem Roman um keinen lupenreinen Krimi handeln. Aber es geht der Autorin auch nicht darum, verzwickte Plots zu entwickeln, die ihre Protagonisten mühsam entschlüssen müssen. Wer danach sucht, wird bei French nicht fündig.

"Sterbenskalt" ist vielmehr eine Reise in die bittere Vergangenheit, der man, so sehr man sich auch bemüht, nicht entfliehen kann. Es ist daher auch ein Sittenbild unserer Zeit. Ein eindringliches Gesellschaftsporträt. Am allermeisten aber ein Familiendrama, fast schon eine Tragödie biblischen Ausmaßes - aber dank ausgereifter Charaktere, intensiver Sprache, feinsinnigem Humor und einer dichten Atmosphäre zu jeder Zeit fesselnd.

Keine Frage: "Sterbenskalt" ist schon jetzt eines der Highlights 2011!

Marcel Feige

Tana French: Sterbenskalt

ØØØØ

Faithful Place

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Scherz Verlag (D 2010)

 

auch als Audiobook erhältlich
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