Print_Greg Iles - Natchez Burning

WTF?

Der Rassenwahn in den Südstaaten Amerikas ist ein Thema, das den US-Autor Greg Iles nicht zum ersten Mal beschäftigt - diesmal allerdings ambitioniert und (fast) ohne Kompromisse.    13.03.2015

Nicht umsonst ist der Titel des neuen Greg-Iles-Romans, "Natchez Burning", an einen Song des legendären Blues-Musikers Howlin´ Wolf angelehnt - und auch an einen der vielleicht besten Filme zum Thema: "Mississippi Burning".

Das Prekäre an diesem neuen Thriller: Der Autor lebt selbst in dem kleinen Kaff Natchez, und wie er in seinem Nachwort einräumt, sind die Fälle, die er diesmal erzählt, keineswegs reine Fiktion: "Die Inspiration für viele der hier erörterten Fälle waren ungeklärte, rassistisch motivierte Morde, die in den sechziger Jahren in der Gemeinde Concordia, Louisiana, und in Süd-West-Mississippi begangen wurden. Bis heute hat es nach diesen schrecklichen Verbrechen nur eine einzige Verurteilung gegeben."

Dr. Tom Cage, ein renommierter und beliebter Arzt, leistet Sterbehilfe bei seiner ehemaligen Krankenschwester Viola. Die Schwarze war einst seine Geliebte und hatte in Natchez Fürchterliches erleiden müssen, weshalb sie dem Ort 35 Jahre lang ferngeblieben ist - bis zu ihrem freiwilligen Tod hier und heute. Doch was heißt hier freiwillig? Der schwarze Staatsanwalt Shad Johnson hat da so seine Zweifel. War Violas Tod in Wahrheit ein Mord? Und was hat Dr. Cage mit den Ereignissen von damals zu schaffen?

Dieser Frage muß sich auch sein Sohn Penn Cage - Iles´ Lesern ein inzwischen vertrauter Protagonist - stellen. Der ehemalige Staatsanwalt hat es in früheren Romanen zum erfolgreichen Schriftsteller gebracht, bevor er der Schreiberei abschwor und Bürgermeister von Natchez wurde. Jetzt steht er vor dem schwierigsten Fall seines Lebens: Was hatte sein Vater mit den Morden an schwarzen Bürgerrechtlern Ende der 60er Jahre zu tun, an denen der Ku-Klux-Klan und eine besonders brutale Splittergruppe mit Namen "Doppeladler" beteiligt gewesen sein sollen? Etliche Leichen wurden angeblich in den Sümpfen entsorgt, bei einem Baum, der nicht ohne Grund "Knochenbaum" genannt wird. Nur - wo soll der sein?

Hilfe erhofft sich Penn Cage von seiner Verlobten, der Journalistin Caitlin Masters, doch die denkt mehr an ihren nächsten Pulitzerpreis. Stattdessen steht dem Ermittler der Lokalredakteur Henry Saxton zur Seite, der sich - aus ganz eigenen Gründen - seit Jahren an den Morden abarbeitet und schon etliche Bedrohungen der inzwischen alten Doppeladler und ihrer nicht minder rassistischen Nachfahren hinnehmen mußte, ohne daß er Beweise für die Straftaten finden, geschweige denn das FBI von seinen Theorien überzeugen konnte. Als er nun endlich einen Zeugen auftreibt, setzt er damit einen mörderischen Sturm in Gang - und das nur wenige Monate nach dem Hurrikan Katrina.

Es ist zweifellos eine gewaltige und beklemmende Geschichte, die Greg Iles hier erzählt; eine Story, die weit über das Schicksal der erwähnten Figuren hinausreicht. Der Autor zeigt nicht nur auf, wie erschreckend aktuell das Thema Rassismus nach wie vor ist, sondern knüpft darüber hinaus sehr ambitioniert Verbindungen zum mexikanischen Drogenkartell, zum Vietnamkrieg und zum Koreakonflikt, sogar zu den Attentaten auf John F. Kennedy, dessen Bruder Robert und Martin Luther King. Dabei ergeht er sich in einer Vielzahl von Verschwörungstheorien, die sich durchaus interessant und phasenweise spannend lesen, sodaß sich beim Leser zwischenzeitlich der Verdacht aufdrängt, Iles versuche sich hier an einem zweiten "Tage der Toten", zweifellos einem der besten Thriller der letzten Jahre.

Dafür reicht es dann aber doch nicht ganz, denn Iles´ Sprachvermögen ist bei weitem nicht so geschliffen wie das eines Don Winslow. Zu oft geriert sich der Autor geschwätzig, was umso erstaunlicher ist, als fast keine seiner Figuren wirklich mit den anderen spricht, sondern jeder jedem mißtraut und deshalb wichtige Hinweise verschweigt. Und das ist angesichts der Gefahren, die durch die Doppeladler - die munter einen Zeugen nach dem anderen entführen, foltern, oder gleich über den Haufen schießen - drohen, töricht, ja, absolut unlogisch. Aber nun gut, so müssen Figuren in einem Thriller nun mal handeln, vor allem wenn er über mehr als 1000 Seiten geht. Andernfalls wäre das Werk ganz sicher nicht so gewaltig geworden, sondern nach 500 Seiten schon beendet gewesen.

Apropos Ende: Es gibt in "Natchez Burning" einen Showdown, den man sich nach allen Ränkespielen aber doch etwas raffinierter gewünscht hätte, nicht mit dem üblichen Hollywood-Krach-Bumm-Feuerwerk (noch ein Punkt, der gegen den Winslow-Vergleich spricht). Viel schlimmer aber wiegt: Auch nach 1000 Seiten findet der Roman kein richtiges Ende. Zwar erwischt es den einen oder anderen Bösewicht, aber viele kommen davon. Etliche Handlungsstränge, auch die der Hauptfiguren, bleiben offen, werden sogar mitten im dramatischen Geschehen abgebrochen. Und als Leser sitzt man da und denkt: WTF?

Ein Blick auf die Website des Autors verrät, daß mit "The Bone Tree" (Der Knochenbaum) in den USA nicht nur das Erscheinen einer Fortsetzung zu "Natchez Burning" für April geplant ist, sondern der Nachfolger auch der zweite Teil einer Trilogie sein soll. Puh ...

Bleibt zu hoffen, daß der deutsche Verlag nicht allzu lange mit der Übersetzung wartet.

Marcel Feige

Greg Iles - Natchez Burning

ØØØØ

(Natchez Burning)

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Rütten & Loening (D 2015)

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