Print_Michael Robotham - Der Schlafmacher

Mut und Konsequenz

Mit einem Robotham kann man für gewöhnlich nichts falsch machen, findet Marcel Feige. Sein neuer Roman ist allerdings eine Ausnahme.    17.02.2016

Zwei Frauen, Mutter und Tochter, werden brutal ermordet. Schnell zeigt sich eine Verbindung zu einer Vielzahl von Entführungsfällen, in denen die Opfer zwar nicht getötet, ihnen aber ein blutiges "A" in die Stirn geritzt wurde. Was ist die Verbindung zwischen den Fällen? fragt sich zwar der an Parkinson erkrankte Psychologe Joe O´Loughlin, der Leser aber leider nicht so wirklich.

Denn abgesehen von O´Loughlin, den man dank seines kauzigen, gebeutelten Charakters inzwischen über viele Romane hinweg kennen- und liebengelernt hat, berühren die Figuren, mit denen es der Psychologe diesmal zu tun bekommt, kaum. So bleibt der Leser bei den Ermittlungen, die O´Loughlin anstellt, seltsam unbeteiligt, leidet stattdessen an den Widrigkeiten, mit denen er privat konfrontiert wird.

Endlich, ist man geneigt zu sagen, öffnet O´Loughlins Ehefrau Julianne ihm nicht nur wieder die Tür, sondern auch ihr Herz. Für den Protagonisten, der nicht nur unter seiner Erkrankung, sondern auch der Trennung von seiner Familie leidet, geht damit ein langgehegter Wunsch in Erfüllung - bis er erfährt, daß Juliannes Einladung einzig ihrer Krebserkrankung geschuldet ist. O´Loughlin darf nur deshalb wieder zu Hause einziehen, weil Julianne ihre Kinder versorgt wissen möchte, während sie sich im Krankhaus unters OP-Messer legt.

Als wäre diese Enttäuschung nicht genug, beschließt Tochter Charlie, die selbst Opfer eines Verbrechens wurde, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Sie will endlich verstehen lernen, was Menschen böse macht. Deshalb begleitet sie ihren Vater während seiner Ermittlungen und gerät dabei ins Fadenkreuz des "A"-Killers - ausgerechnet in einem Moment, in dem das Leben ihrer Mutter am seidenen Faden zu hängen scheint.

Von da an überstürzen sich die Ereignisse, und das ist ausnahmsweise nicht einfach so dahergesagt. Als O´Loughlins Mordfall zur Privatsache wird, nimmt der Roman rasant an Fahrt auf - bis hin zum bitteren Finale, das jedem, wirklich jedem, ein paar Tränen in die Augen treibt. Soviel Mut muß man als Autor erstmal haben.

Kurzum: Nicht unbedingt Robothams bester, auf jeden Fall aber sein konsequentester Roman.

 

 

PS: Was sich der deutsche Verlag allerdings mit dem Titel "Der Schlafmacher" (Original: "Close Your Eyes") gedacht hat, will sich mir beim besten Willen nicht erschließen.

Marcel Feige

Michael Robotham - Der Schlafmacher

ØØØ

(Close Your Eyes)

Leserbewertung: (bewerten)

Goldmann (D 2016)

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Print
Michael Connelly - Götter der Schuld

Der schmale Grat

"Götter der Schuld" werden die zwölf Geschworenen genannt, die im Gerichtssaal über die Schuld eines Angeklagten entscheiden. Nur was, wenn der unschuldig ist, die Beweise dafür aber fehlen? Marcel Feige klärt auf.  

Print
Katja Bohnet - Messertanz

Kleine Welt

Das Romandebüt der deutschen Autorin ist vieles: ein Thriller, ein Familiendrama, eine Rachestory. Vor allem ist es jedoch unbedingt lesenswert, wie Marcel Feige findet.  

Print
Stephen King - Basar der bösen Träume

Königliches Gemenschel

Hat´s der Schöpfer von Klassikern wie "The Shining", "Carrie" oder "Misery" nach all den Jahrzehnten immer noch drauf? Marcel Feige hat sich in seine neue Kurzgeschichtensammlung vertieft.  

Print
Michael Robotham - Der Schlafmacher

Mut und Konsequenz

Mit einem Robotham kann man für gewöhnlich nichts falsch machen, findet Marcel Feige. Sein neuer Roman ist allerdings eine Ausnahme.  

Print
John Grisham - Anklage

Seifenblase

Das muß einem Autor erst einmal gelingen: einen Roman schreiben, in dem nichts passiert. John Grisham hat es geschafft.  

Print
Greg Iles - Natchez Burning

WTF?

Der Rassenwahn in den Südstaaten Amerikas ist ein Thema, das den US-Autor Greg Iles nicht zum ersten Mal beschäftigt - diesmal allerdings ambitioniert und (fast) ohne Kompromisse.