Literatur_Ballhausen/Spunda/Gruber - Phantastisches

Cthulhu beim Heurigen

Phantastik in Österreich findet im Grunde nicht statt - als hätte es Perutz, Meyrink und Lernet-Holenia nie gegeben. Das letzte Aufbäumen waren die Lovecraft-Übersetzungen von H. C. Artmann. Umso erfreulicher, daß jetzt gleich zwei Neuerscheinungen plus ein Nachdruck österreichischer Autoren auftauchen, die - in jeder Hinsicht - phantastisch sind.
   11.12.2007

Vorsicht! Wer sich im folgenden Anmerkungen zu heroischen Schwertkämpfern oder putzigen Elfen erwartet, darf diese düsternisumflorten Empfehlungen getrost überspringen. Die Herren Ballhausen, Gruber und Spunda haben anderes im Sinn ...

Thomas Fröhlich

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Thomas Ballhausen - Die Unversöhnten

ØØØØØ

(Skarabäus Verlag 2007)

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Außen regnet es, innen bleibt die Zeit stehen. Der Auftrag an mich war, wie immer, im toten Briefkasten hinterlegt worden.

 

So beginnt der Roman "Die Unversöhnten" von Thomas Ballhausen.

Der Beauftragte ist Asterios, Berufskiller, zudem eine respektgebietende Mischung aus Mensch und Stier. Seine Geschichte, seine Herkunft gehen bis auf die Antike zurück (inklusive Minotaurus). Asterios sieht sich aus der archaischen Welt der Mythologie, wo er an der Seite seiner geliebten Ariadne aufwuchs, und Daedalus, der Vater des Ikarus, sein Lehrer war, in eine nicht weniger archaische neuzeitliche Atmosphäre versetzt. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Zur "Zeit" des Buches treibt sich Asterios in einer namenlosen, ziemlich apokalyptisch anmutenden Stadt herum, um dort seiner Arbeit nachzugehen. Eine wie auch immer geartete Regierung scheint nicht mehr zu existieren, eine schleichende "Vervorortung" hat die Städte zum A-Level rivalisierender Syndikate, religiöser -isten und unabhängiger (?) Einzelner verkommen lassen. Zwischen unbefriedigenden Liebesaffären (unter anderem mit dem davongekommenen Opfer eines Serienmörders) und rituellen Besuchen einer langsam verfallenden Bibliothek erledigt er seine Aufträge, gewohnheitsmäßig, ohne Begeisterung, ohne Ekel, ohne Gefühle.

Thomas Ballhausen, selbst - nebst anderem - auch Leiter des Studienzentrums des Filmarchivs Austria und Mitarbeiter in der dortigen Bibliothek, hat die Absätze bzw. Absatzfragmente der vier Kapitel von "Die Unversöhnten" in kurze Paragraphen unterteilt: für den Bibliothekar aus Leidenschaft ein ordnendes Prinzip, für die Leser eine Gliederung, die nicht selten an Panels erinnert und so eine angenehme Nähe zu guten Comics erzeugt. Überhaupt besitzt die Geschichte einen massiven (Comic-)filmischen Appeal, und es wäre absolut nicht verwunderlich, wenn demnächst eine graphic novel-Version derselben das fahle Licht der Welt erblicken sollte. Daß der Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Thomas Ballhausen im deutschen Feuilleton derzeit ein wenig als Darling der österreichischen Literaturszene gehypt wird, sollte dabei niemanden bekümmern, am allerwenigsten den Autor selbst. Vom Betroffenheitsschwulst diverser Kolleginnen und Kollegen ist er ebenso weit entfernt wie vom aufgesetzten Eklektizismus fußballernder Austropop-Autoren. Und Menschen, die das von John Brunner erfundene "Lexikon der Hip-Delikte" in die Story einfließen lassen, muß man sowieso liebhaben.

Nicht nur deswegen.

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Franz Spunda - Baphomet

ØØØØØ

(Festa Verlag 2007)

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Der 1890 in Wien geborene und 1963 verstorbene Franz Spunda gehört zu jener Generation österreichischer Phantastikautoren, die auch Herrschaften wie Gustav Meyrink, Karl Hans Strobl, Leo Perutz und Alexander Lernet-Holenia hervorgebracht hat. Die kombinierten gern die Reflexion und Beschreibung zeitgenössischer (gesellschafts)politischer Entwicklungen mit mystisch-phantastischen Ideen. Allerdings: So weit wie Franz Spunda gingen sie üblicherweise nicht. Dessen "Baphomet" ist nämlich - neben einer ziemlich spannenden Story - zugleich auch als Führer durch die Alchemie zu lesen. Doch bevor Sie jetzt freudig damit beginnen, Pentagramme auf den Fußboden zu malen und ihre Lebensabschnittspartnerin (oder den Partner) mit Beschwörungsmantras zu nerven, sollten Sie zur Sicherheit einmal das Buch zur Gänze lesen. Und sich´s nachher nochmal überlegen ...

Zur Geschichte: Der junge Vincente Lascari erbt von einem ihm eher unbekannten Verwandten ein paar Ländereien und eine geheimnisvolle Villa. Der Verwandte ist auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen; Lascari und sein Bruder scheinen die einzigen Erben zu sein. Im Zuge seiner Untersuchungen stellt der Protagonist fest, daß der Verblichene ein Mitglied der Tempelritter gewesen sein dürfte. Zudem hat er offensichtlich mit gesundheitsgefährdender Ausdauer der hohen Kunst der Alchemie gehuldigt. Lascari, der sich zu allem Überfluß auch noch in eine junge Dame verliebt, die als schwierig zu bezeichnen die Untertreibung schlechthin darstellt, muß sich entscheiden: zwischen alchemistischen Riten und aufdringlichen Templern einerseits und der - so scheint´s - Liebe seines Lebens andererseits.

Klar: Da der Roman 1928 das erste Mal erschienen ist, erwartet den Leser eine Sprache, die Äonen von dem "krassen" SMS-Gebrabbel hirnamputierter Zeitgenossen entfernt ist. Wer also unter Phantastik ausschließlich Typen wie Wolfgang Hohlbein oder womöglich Dan Brown versteht, sollte die Finger von "Baphomet" lassen. Wer aber bereit ist, sich auf einen auf den ersten Blick befremdlichen Mix aus Erzählung und okkulten Anweisungen einzulassen, wird mit einer atmosphärisch dichten und stimmigen Neuausgabe eines Werks belohnt, das man - nicht zuletzt auch aufgrund der wunderschönen, beinahe bibliophil ausgerichteten Hardcover-Gestaltung des deutschen Festa-Verlags - immer wieder gern in die Hand nimmt.

Und wenn Sie danach immer noch Lust auf alchemistische Betätigung haben - nur zu! Aber sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt! Per aspera ad astra ... oder so!

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Andreas Gruber - Der Judas-Schrein

ØØØØØ

(Festa-Verlag 2008)

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Der Schriftsteller Andreas Gruber ist ein Genreautor.

Ja, sowas gibt´s in Österreich.

Schreibanlaß ist für ihn in erster Linie die Freude am Erzählen, die gute Story: Horror, Science Fiction, Thriller. Vor etwa zwei Jahren legte der "Unterhaltungsschriftsteller" (O-Ton Gruber) mit "Der Judas-Schrein" sein fulminantes Romandebüt hin. Und zwar nicht irgendwo, sondern als ansprechend gestalteten Hardcover-Band beim deutschen Festa-Verlag in der Reihe der "Lovecraft-Bibliothek", gleichsam einer Weihestätte für düstere Phantastik, die sich um die Privatmythologien des Einsiedlers aus Providence rankt. Ein erster Platz beim Deutschen Phantastik-Preis 2006 war ihm daraufhin sicher.

Zur Geschichte: Im abgeschiedenen österreichischen Dorf Grein am Gebirge, eingeschlossen zwischen Fluß und Bergen, wird eine verstümmelte Mädchenleiche entdeckt. Der Wiener Ermittler Alexander Körner wird mit seinem Team nach Grein geschickt, um den Fall zu lösen. Zunächst deutet alles auf einen Serienkiller hin, doch Autopsie und Recherchen ergeben ein weitaus schrecklicheres Bild. Der Fall reicht offensichtlich weit in die Vergangenheit zurück. Die Morde, ein Kirchenbrand und eine Bergwerkskatastrophe, die im vorigen Jahrhundert stattgefunden hat, sind auf seltsame Weise miteinander verstrickt. Die Lage spitzt sich zu, als aufgrund des anhaltenden Regens der Fluß über die Ufer tritt und die einzige Brücke wegreißt. Vom Hochwasser umgeben und von der Außenwelt abgeschnitten, bringt Körner eine furchtbare Wahrheit ans Licht, die letztendlich auch mit seiner eigenen Kindheit zu tun hat ... und das Morden geht weiter.

Feines Lokalkolorit, das aber nie selbstzweckhaft eingesetzt wird, ein Plot, der wie ein klassischer Thriller anhebt und sich langsam und ungemütlich Richtung Lovecraft-Universum bewegt, und ein Autor, der weiß, wie man die Spannungsschraube bis zum Gehtnichtmehr anzieht: "Der Judas-Schrein" ist ein Pageturner reinsten Wassers. Zwar läßt Gruber ein wenig die hübsch-abgedrehten Bösartigkeiten seiner Kurzgeschichten vermissen, dafür spielt er auf der Suspense-Klaviatur, daß es eine wahre Freude ist. Einige sprachliche Piefkenismen (wie "Krämerladen" statt "Greißler" in einem niederösterreichischen Dorf) muten zwar etwas befremdlich an - da dieses Buch aber in erster Linie für den deutschen Markt geschrieben wurde (und in einem deutschen Verlag publiziert), kümmert das, ehrlich gesagt, "auch nicht die Bohne". Und ein durchgehendes Bundes-Deutsch ist immer noch besser und schlüssiger als das aufgesetzte Pseudo-Österreichisch diverser Schreiberlinge oder Regisseure "künstlerisch wertvoller" Sozialdramen, bei denen wir theatralisch deklamierenden Jungschauspielern als bildungsfernen Plattenbaubewohnern beim Dialektradebrechen zuhören dürfen.

Anfang 2008 erscheint nun - ebenfalls bei Festa - die Taschenbuchausgabe des "Judas-Schrein": keine Neuerfindung des Genres, aber eine sauspannende Verortung Lovecraftoider Düsternis in heimischen Gefilden und im Mäntelchen eines handwerklich hervorragend aufbereiteten Thrillers. Gönnen Sie sich also wieder einmal einen Österreich-Urlaub - mit Andreas Gruber in Grein am Gebirge: Nägelbeißen kann so schön sein!

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