Print_Rex Miller - Fettsack

Dunkler Speck

Während die Buchempfehlungen in allen Medien derzeit weihnachtlich andächtig ausfallen, sucht EVOLVER noch einmal die dunkle Seite der Trash-Literatur auf und warnt: Für stille oder gar heilige Nächte ist dieser Titel garantiert nicht geeignet.    17.12.2008

Chaingang Bunkowski, so der Name des Monsters in Rex Millers Roman "Fettsack", tötet gern. Seine wirren Gedanken kreisen nur um dieses eine Thema. Stimmt schon, Typen wie ihn gibt es in Tausenden Büchern und Filmen - doch Chaingang war 1987 auf dem damals noch jungen Markt der Serienkiller-Thriller so etwas ein Pionier.

Millers absoluter Antiheld begeht seine Morde mit einer Freude und Akribie, die ihresgleichen suchen. Erschwerend (im wahrsten Sinne des Wortes) kommt dazu noch die unbesiegbare Physis des Killers: Er wiegt satte 500 Pfund, also etwa 250 Kilo, ist 1,98 Meter groß - und ähnelt damit dem klassischen Monster aus alten Horrorstoffen. Seine Fähigkeiten als Connaisseur des gewaltsamen Todes hat er sich nicht nur autodidaktisch beigebracht, sondern durfte sie auch während des Vietnamkriegs trainieren. Damals in Asien hat er es genossen, "die kleinen Menschen" zu massakrieren ...

"Fettsack" jedoch handelt lange nach der amerikanischen Schande, nämlich in den 80er Jahren. Zu dieser Zeit treibt sich der völlig enthemmte Chaingang in Chicago herum, frißt sich beinahe zu Tode und zerlegt alles, was ihm in die Quere kommt. Ob Männer, Frauen oder Kinder - der Koloß kennt kein Erbarmen und kann über die Polizei sowie deren Fahndungsmethoden nur höhnisch lachen. Bunkowski stiehlt Autos, schnappt sich sein nächstes Opfer und macht sich an sein grausames Werk. Dabei verleiht ihm der Autor allerdings zu keiner Zeit die Charakteristika des genialen, charismatischen Psychopathen, wie sie etwa Dr. Lecter und seine unzähligen Epigonen aufweisen; sein Protagonist will nur töten, verschlingen, konsumieren - und hält so der amerikanischen Konsumgesellschaft einen häßlichen Zerrspiegel vor die Visage.

Von der Mordlust der alles und jeden vernichtenden Dampfwalze überfordert, engagiert die Chicagoer Polizei einen Serienkiller-Spezialisten namens Jack Eichord. Der ehemalige Alkoholiker und toughe Bulle aus New York soll den "Einsame Herzen"-Killer zur Strecke bringen und merkt bald, daß dieses Ungeheuer, das die Herzen seiner Opfer als kulinarische Souvenirs mitnimmt, der härteste Gegner seiner gesamten Karriere sein wird. Daß sich Jack auch noch in die Witwe eines der Opfer verliebt, macht den Fall noch schwieriger.

Rex Miller (1939-2004) startete seine Karriere als DJ und Radiomoderator in Amerika. In den 70er Jahren gründete er einen Versandshop für Popkultur-Kuriositäten; er war ein international anerkannter Experte auf diesem Gebiet und einer der größten Sammler. In seinem Erstlingsroman "Fettsack" (erschienen 1987) schrieb er ungeschönt den rauhen Humor abgebrühter Cops, die Manipulation durch die Medien, die damals noch neuen Erkenntnisse im Bereich der Ermittlungsmethoden in Serienmordfällen und nicht zuletzt die verrohte Zerstörungswut eines scheinbar unzerstörbaren Geisteskranken nieder.

Eben diese expliziten, wenn auch übertriebenen Gewaltdarstellungen sind in der Neuübersetzung des Romans völlig ungekürzt enthalten. Es ist nicht der Akt des Mordes an sich, der den Leser erschauern läßt, sondern das perfide Spiel, das Bunkowski mit seinen Opfern treibt, bevor er sie tötet. In durchaus ekelerregender Detailtreue beschreibt Miller nicht nur Vergewaltigungsszenen, sondern gewährt auch tiefe (und sehr Pulp-lastige) Einblicke in die kranke Gedankenwelt des in der Kindheit schwer mißhandelten Mörders.

Die schonungslose Darstellung der Gewalt ist natürlich ein Relikt der damaligen "Splatterpunk"-Welle, zeigt aber andererseits in ihrem Hyperrealismus, wie grausam Mord und Totschlag fernab netter Lady-Krimis wirklich sind. Miller schildert in seinem Horrorroman (der übrigens 1988 für den "Bram Stoker Award" nominiert wurde) pornographische Phantasien und Ereignisse, die eindeutig nicht in Kinderhände gehören. Aber die haben ohnehin genug damit zu tun, den nächsten S/M-Streifen fürs Handy zu bestellen ...

Nikolaus Triantafyllidis

Rex Miller - Fettsack

ØØØ 1/2

(Slob)

Leserbewertung: (bewerten)

Phantasia Paperback Crime (Bellheim 2008)

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