Print_Zöe Angel & Charly Blood - Morbus im Doppelpack

Wien ist anders

There´s more to a picture than meets the eye. Das sang schon Neil Young damals, als die 1980er vor der Tür standen. Er wußte nur nicht, wie recht er damit hatte. Klar: Er lebt(e) ja nicht in Wien. Denn gegen die Wiener Achtziger verblaßt selbst die Twilight Zone. Sie glauben uns nicht? Lassen Sie sich eines Besseren belehren ...
   05.08.2014

Kennen Sie Torchwood? Department 19? Den Diogenes Club? Altrove? Mulder & Scully mit ihren X-Akten?

Ja?

Haben Sie schon einmal ernsthaft die Existenz von Geheimorganisationen in Erwägung gezogen, deren Sinnen und Trachten ausschließlich darin liegt, übernatürliche Geschehnisse und außerirdische Angriffe auszuforschen und gegebenenfalls (also immer) Abwehrmaßnahmen zu ergreifen?

Nein? Sollten Sie aber.

Denn die uns - zumeist unbemerkt - umgebenden paranormalen Phänomene sind inzwischen Legion; und die Invasionspläne der Monster-Ungustl-Universale befinden sich soeben auf einem neuen Höhepunkt. Daß derlei Top Secret-Organisationen, wie wir sie oben erwähnten, in Großbritannien, den USA und - dank der italienischen fumetti - auch im Land von giallo und Chianti gang und gäbe sind, ist hinlänglich bekannt. Daß es allerdings auch einen Ableger in Wien gibt, mag für manche Ahnungslose eine Neuigkeit sein. Von der Steiermark wissen das Eingeweihte schon länger: Dort, unterm Grazer Uhrturm, agiert die Gruppe Pantherion, die sich seit urdenklicher Zeit darum bemüht, das Grauen aus anderen Dimensionen von unserer Welt fernzuhalten. Nachzulesen ist das in der Heftserie OMEN, die sich regelmäßig "Akte X"-artiger Fälle in der steirischen Landeshauptstadt und ihrer Umgebung annimmt.

Doch auch in Wien gab es in den 80ern eine Organisation namens Basilisk, die sicherstellte, daß Donauweibchen, Geisterbahn-Skelette, teuflische Bauchrednerpuppen und Rotlicht-Haie dort blieben, wo sie hingehörten. Obwohl die Anderen ja sowieso schon längst unter uns weilten und das immer noch tun - wer´s nicht glaubt, möge doch das Cafè Zeitstop in der Wiener Blutgasse aufsuchen. Falls er es findet. Und den Eintritt überlebt.

 

Und da befinden wir uns schon mitten in der Welt von MORBUS: Die beiden Autoren Zöe Angel und Charly Blood schickten uns in ihren ersten beiden MORBUS-Romanheften in die höllisch pittoreske Unter- beziehungsweise Zwischenwelt der Stadt, zumeist aus der Sicht des erfolglosen Privatdetektivs Bernd Waidmann und des Gruftie-Mädels Petra Jesselmeier erzählt, die dabei ein Wien kennenlernen, das sie sich in ihren kühnsten (Alb-)Träumen nicht vorzustellen gewagt hätten. Dabei schaut ja nach außen alles so hübsch aus: Im U4 geigen die Goldfisch´, die Alternativbewegung sammelt sich (das traurige Endergebnis, die pc-Grünen, sind noch nicht erahnbar), Grufties stellen eine moderne Jugendkultur dar, und im zehnten Hieb herrscht noch nicht die Scharia. "Die gute alte Zeit" wäre man zu sagen versucht, wenn wir nicht eben von gar schauerlichen Mären erführen, die unser Weltbild wahrlich in den Grundfesten erschüttern. Denn Angel & Blood haben jetzt mit dem bei EVOLVER BOOKS erschienenen Taschenbuch MORBUS – Bei Vollmond bist du tot, das auch einen zweiten Heftroman mit dem Titel Im Bann der Mörderpuppe enthält, noch eins draufgesetzt. Nicht nur die alten Sagen sind wahr - die ganze gänsehautfördernde Wahrheit war und ist nämlich nicht da draußen, sondern im Gegenteil sehr, sehr nah.

 

Bei Vollmond bist du tot erzählt die Geschichte grausamer Mordfälle, bei denen ein gnadenloser Killer alte Damen tötet und danach ihre Pelzmäntel schändet. Die Polizei vermutet anfangs radikale Tierschützer hinter den Morden, doch bald wird (selbstverständlich inoffiziell) Basilisk hinzugezogen, da die Lösung doch viel weiter in der Vergangenheit liegen dürfte als ursprünglich angenommen. Steckt ein Gestaltwandler hinter den Greueltaten? Verbergen sich im Tiergarten Schönbrunn übernatürliche Geheimnisse aus der Kaiserzeit? Bernd, Petra und das Basilisk-Team müssen auf jeden Fall an ihre physischen und psychischen Grenzen gehen - und weit darüber hinaus.

Der Nachfolgeroman Im Bann der Mörderpuppe beginnt in der Wiener Zuhälterszene, wo ein Machtkampf der "Strizzis" auf dem Praterstrich, am Gürtel und in anrüchigen Unterweltkaschemmen eine neue Ordnung in der Rotlichtbranche schaffen soll. Bald findet Basilisk in seiner Geheimzentrale unter dem Stephansdom jedoch heraus, daß hinter dieser Eskalation der Gewalt weder hartgesottene Messerstecher noch Pistolenschützen stecken, sondern eine lebendige Puppe, ein böses kleines Mädchen ... und eventuell noch viel mehr.

Daß die Wiener Variante von Die Geheimorganisation vs. Das Böse nicht ohne den typisch wienerischen schwarzen Humor abgeht, liegt auf der Hand. Und dieser Humor ist zuweilen wunderbar deftig und für Menschen, die mit VoxRTLPro7Sat1KnorkeBlödmannTV sozialisiert wurden, möglicherweise auch nicht immer verständlich. Dankenswerterweise ergänzt aber ein Glossar das düster-blutige Treiben auf den Seiten davor und erlaubt es sogar dem bundesdeutschen Reichs-Rezipienten, den stimmigen Plot-twists und saftigen Dialogen zu folgen.

Ein bissl liest sich´s ja, als hätte Dario Argento den Kottan inszeniert. Minus Klamauk. Das Ziel des Autorenteams, den klassischen Gruselkrimi wiederzubeleben, wurde auf jeden Fall mehr als erreicht. Eine leichte Suchgefahr macht sich beim Rezensenten schon jetzt bemerkbar. Operation gelungen, Patient untot.

Seltsam, aber so steht es geschrieben.

Thomas Fröhlich

Zöe Angel & Charly Blood - Bei Vollmond bist du tot / Im Bann der Mörderpuppe

ØØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

EVOLVER Books (Ö 2014)

 

(Fotos: privat)

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Video
Blood on Méliès Moon

All you need is Love

Beim Festival des Phantastischen Films 2016 im katalanischen Sitges sorgte er für Standing Ovations: "Blood on Méliès Moon" von Luigi Cozzi gehört zum Eigenwilligsten und möglicherweise Schönsten, was einem Filmnerd, der im klassischen Genrekino zu Hause ist, derzeit passieren kann. Österreichs Kino- und Festivalbetreiber haben dieses Kleinod (bis auf eine einzige Ausnahme) völlig verschlafen. Gott sei Dank gibt´s seit kurzem die DVD.  

Termine
Termin-Tip: Konzert Paul Roland & Frenk Lebel

Professor Moriarty´s Jukebox

Zwischen Steampunk und Spukhaus, Sherlock Holmes und Jack the Ripper, Cthulhu und Captain Blood: Der britische Exzentriker Paul Roland gastiert mit seinen geisterhaften Klängen endlich wieder in Wien. Das sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen.  

Print
Print-Tips Frühling 2015

Kellerkinder

"Es märzelt!" meinte Karl Farkas einst, wenn der Frühling nach Österreich kam. Wir bleiben ebenfalls im Lande, nähren uns redlich und führen uns drei frische Bücher aus heimischer Wortschmiede zu Gemüte. In denen wird A. gern gestorben und B. noch lieber in den Keller/Untergrund gegangen ...  

Print
Zöe Angel & Charly Blood - Morbus im Doppelpack

Wien ist anders

There´s more to a picture than meets the eye. Das sang schon Neil Young damals, als die 1980er vor der Tür standen. Er wußte nur nicht, wie recht er damit hatte. Klar: Er lebt(e) ja nicht in Wien. Denn gegen die Wiener Achtziger verblaßt selbst die Twilight Zone. Sie glauben uns nicht? Lassen Sie sich eines Besseren belehren ...
 

Print
Lisa Lercher - Mord im besten Alter

Waldesruh

Daß Seniorenheime einen Vorhof zur Hölle darstellen, fürchtet jeder, der einmal ein gewisses Alter erreicht. Daß es dort allerdings so zugeht wie in Lisa Lerchers neuem Krimi, wollen wir doch nicht hoffen. Schließlich ist auch der Rezensent nicht mehr der Jüngste ...
 

Print
EVOLVER-Porträt: Lisa Lercher

"Ich bin immer wieder grauslich"

Mit ihrer Mumien-Kurzgeschichte "Heimkehr" ist sie die Gewinnerin des EVOLVER-Literaturwettbewerbs 2012 "Harte Bandagen". Doch Lisa Lercher zieht schon seit mehr als zehn Jahren ihre dunklen Spuren durch die deutschsprachige Literaturlandschaft, als Krimiautorin und - exklusiv im EVOLVER - jetzt auch als frischgebackene Horrorschriftstellerin.