Stories_Enrique S. Abulì & Jordi Bernet - Torpedo

Kollateralschäden

Er gilt als Blaupause fürs Personal von "Sin City" und Artverwandte - hart im Nehmen, noch härter im Geben. Gefangene werden keine gemacht, ihm schenkt schließlich auch keiner was.
Ein Mann zieht im New York des Jahres 1936 und im definitiven "Comic noir" seine Kreise: der Torpedo.    03.12.2007

Prolog

 

Er sollte vorsichtiger mit mir sein. Zwischen mir und ihm herrschte jetzt Krieg - und entweder gewann ich ihn oder er verlor ihn …

 

Der Torpedo

 

Wir schreiben das Jahr 1936. New York. Ein eiskalter Wind durchweht die Straßen der Stadt. Die einzigen, die nicht frieren, sind die Fettsäcke, die "es sich gerichtet haben". Vielleicht auch noch deren zumeist blonde Schlampen mit den richtigen Kurven an den richtigen Stellen. Zumindest jene, die die fünf Grundrechnungsarten beherrschen: Addieren, Subtrahieren, Dividieren, Multiplizieren und Erigieren ...

Die anderen - so wie du - frieren, wenn sie überhaupt noch am Leben sind. An das klammern sie sich wie die Kakerlaken an den Bettbezug. Oft im ungeheizten Zimmer, immer bereit, die versiffte Bude über die Feuerleiter zu verlassen, sollten Bullen oder die Mafia auftauchen. Oft auch in der Bar mit den blinden Scheiben, in der du dich mit einem gepanschten Drink in eine schmutzige Ecke kauerst, um dort auf bessere Zeiten zu warten - oder auf einen Job, der nur in der Dunkelheit durchführbar ist. Oder im Gefängnis, wo´s wenigstens warm ist. Denkst du.

 

Weihnachten kam ich raus. In der Bronx war es so kalt, daß selbst die Schneemänner erkältet waren.

 

Keine gute Zeit für anständige Menschen: Zwischen den Fettsäcken auf der einen, den korrupten Bullen auf der anderen Seite und der Mafia auf beiden brauchst du eine Moral, nach der du leben, oder besser gesagt überleben kannst. Vor allem: eine, die du dir leisten kannst. So wie die von Luca Torelli. Seine Moral: keine Moral!

Torelli. Luca Torelli. Doch unter dem Namen kennen ihn wohl die wenigsten. Besser bekannt ist er als - Torpedo!

Er ist ein einsamer Wolf, ein Profikiller, der im Amerika der dreißiger Jahre seine blutigen Kreise zieht. Sein kantiges Gesicht, die beinahe ausgemergelt anmutende Gestalt, seine - zumeist - erlesene Garderobe und seine ausschließliche Ausrichtung auf Geld, Sex und souverän ausgeübte (Waffen-)Gewalt: Man kennt ihn, respektiert ihn und ist froh, wenn man mit ihm nichts zu tun hat - außer es gibt schwerwiegende Gründe dafür. Den Wunsch, jemanden ganz dringend loszuwerden, zum Beispiel: einen Schuldner, einen Konkurrenten, die lästige Freundin. Dann setzt man sich mit dem Torpedo in Verbindung und hofft, daß er nicht nach hinten losgeht - ins eigene Gesicht.

 

Die Geschichte

 

Ich kam wie so viele in dieses Land. Der amerikanische Traum. Aus Italien hatte ich den Hunger mitgebracht, und in Amerika fand ich den Appetit.

 

So erzählt der Italoamerikaner Luca Torelli in einer seiner - seltenen - Reminiszenzen an die eigene Vergangenheit. Doch stimmt dies auch nur zum Teil. Geboren wurde er im Grunde viel später ...

Der aalglatte und skrupellose Torpedo erblickte 1980 das Licht der Welt, genauer gesagt der Comic-Welt. In meist kurzen, aber pointiert erzählten und in schwarzweißen Zeichnungen gehaltenen Episoden, die der in Spanien lebende Franzose Enrique Sanchez Abuli gemeinsam mit den Zeichnern Alex Toth und Jordi Bernet entwickelte, trat der Torpedo erstmals in respektgebietende Erscheinung. Süffisant und zynisch im Off-Kommentar (Hammett- und Chandler-Fans werden ihre Freude haben), nicht weniger hinterhältig in der direkten Rede und mit stimmungsvoll-sinistren Bildern versehen, breitet sich da ein Noir-Tableau vor der Leserschaft aus, wie es stimmiger (und amoralischer) schwer geht.

Dieser Killer hält keine geschwätzigen Vorträge über Gott, die Welt oder Hamburger - er nimmt sich einfach, was er will, ob es sich nun um seinen wohlverdienten Lohn, einen Drink oder eine Frau, willig oder nicht, handelt. Die Stories sind durch die Bank schmutzig, schmierig, frauenfeindlich, gewalttätig und natürlich für jeden politically correct aufgeklärten Zeitgenossen absolut nicht vertretbar. Was sie allerdings vom Gros dessen abhebt, was uns heute auch im Bereich der graphic novel so vorgesetzt wird, ist ihre Detailverliebtheit, ihre Ästhetisierung und Rhythmisierung von scheinbar bekannten Noir-Sujets auf einer Pulp-Ebene, die - trotz cartoonhafter Einsprengsel - ernstgenommen sein will.

Dazu brauchen Abuli und seine Mitstreiter keine Splatter-Orgien oder über Gebühr forcierte Sexszenen: Die misanthropische Grundhaltung seines Protagonisten macht keine Gefangenen. Und selbst wenn man im Lauf der Zeit so manches (Schlimmes) über Kindheit und Jugendjahre des Torpedo erfährt, macht ihn dies weder sympathischer, noch läßt sich daraus eine "Laß-uns-drüber-reden"-Schmalspur-Psychologie ableiten. Im Gegenteil: Die mit Zynismen jeglicher Art angereicherten und mitunter recht eruptiven Sex/Gewaltdarstellungen verbleiben immer noch im 16+-Feld - und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.

Gerade sie brachten die Serie in ihren Anfängen jedoch beinahe zum Kippen ...

 

Die Hintermänner

 

E. S. Abuli, dem 1946 geborenen Franzosen mit spanischen Wurzeln, gelang mit "Torpedo" der ganz große Durchbruch. Zu Beginn mit der amerikanischen, 1928 geborenen und 2006 verstorbenen Comic-Legende Alex Toth und danach mit dem 1944 in Spanien geborenen Zeichner Jordi Bernet schuf er eine Gestalt, deren Alben nach einem ersten Auftritt im spanischen Magazin "Creepy" auf die vorderen Aufmerksamkeitsränge von Publikum und Kritik drangen. (Einer dieser Bände erhielt 1986 auf dem Comic-Festival in Angoulême den Preis fürs beste Album des Jahres.)

Besagter Alex Toth, der unter anderem auch für Disney gearbeitet hatte, mochte allerdings die "menschenverachtende" Ausrichtung des Torpedo überhaupt nicht. Nach einigen kürzeren Einträgen, bei denen er sich geweigert hatte, ihm nicht gefällige Passagen zu zeichnen, warf er das Handtuch - was unter widrigen Umständen ein vorzeitiges Ende der Serie herbeigeführt hätte.

Doch 1982 übernahm Bernet die Serie. Er führte sie vom Beinahe-Karikaturistischen der Will-Eisner-Schule Alex Toths zu jenem unverwechselbaren, dynamischen Stil, der ihn als einen Meister des realistischen Comics etablierte und den Torpedo ebenso neu wie unverwechselbar definierte. Und das war ein Glücksfall für die Beteiligten.

Allerdings sahen das nicht alle so: Hatte Alex Toth zuvor ein wenig Selbstzensur betrieben, so war das Problem der Zensur nun zumindest ausgelagert. Die Zeitschrift "El Pais", in der der Torpedo gelegentlich abgedruckt wurde, weigerte sich einige Male, die Panels eins zu eins wiederzugeben - und auch andere Vertriebskanäle wie Comic-Zeitschriften, die ein mitunter eher junges Publikum ansprachen (oder - familienfreundlich - auch deren Eltern), ließen manche Folgen "aus Gründen der Moral" beiseite.

Doch das alles änderte nichts am Siegeszug des Torpedo. Im Gegenteil.

 

Begleiterscheinungen

 

Klarerweise lebt auch ein einsamer Killer wie der Torpedo nicht alleine auf der Welt - auch wenn er dafür sorgt, daß das Problem Überbevölkerung in seinem Einflußbereich nicht überhandnimmt. Seine Auftraggeber sind beispielsweise ganz wesentliche Herrschaften, ob nun der Hurensohn J. Th., der Fettsack oder die femme fatale. Sie sorgen dafür, daß der Torpedo zu tun hat.


Es gibt Menschen, die gut essen, und andere, die dann die Scheiße wegputzen ... J. Th. wollte, daß ich seine Scheiße wegputze. Das Klopapier waren zehn Riesen. Ich bekam eine Anzahlung, und dann erklärte er mir die Details meines Auftrags.

 

Die Aufträge - das sind die Namen der zu erwartenden Opfer, Modernisierungsverlierer im klassischen Sinne, die aufs falsche Pferd gesetzt haben, manchmal auch wortwörtlich.

Allerdings können im Panel-Umdrehen auch aus den Auftraggebern selbst die Verlierer in spe werden. Alles dreht sich, alles bewegt sich: Pistolenläufe und der Torpedo sind da flexibel. Und manchmal zahlt auch der Herr Torelli selbst drauf, trägt dann eine Narbe mehr im Gesicht. Für den Verursacher der Narbe ist es danach natürlich nur noch eine Frage der Zeit, bis er mit einer Ladung Blei im Bauch im Brackwasser des Hafenviertels als Fischfutter endet.

Nicht zu vergessen ist da natürlich noch Rascal, der Sidekick des Torpedo: ein wenig schwerfällig im Denken wie im Handeln, aber als Mitarbeiter und lebender Punchingball (für Gegner wie den Torpedo selbst) von - nicht nur - psychohygienischer Bedeutung. Ja, als Chef ist der Torpedo wahrscheinlich ähnlich empfehlenswert wie als Sympathieträger (aber Menschen, die Wellness-flauschiges Gutmenschentum zum Nachmachen vorgeführt bekommen wollen, sollen lieber Paulo Coelho lesen - oder für immer schweigen); der Torpedo zögert nicht, seinen besten Freund oder seine Lieblingshure zu ermorden. Er schießt einem Mann in den Rücken, tötet einen Polizisten und vergreift sich an einer verheirateten Frau, weil diese ihn nicht bezahlen kann. Keine Figur im verwaschenen Mainstream-Outfit, sondern eine mit Ecken und Kanten - und Blutspuren am Maßanzug.

Like him or not - der Torpedo wird sich einen Dreck drum scheren.

 

Torpedo in deutschsprachigen Landen

 

Auf deutsch erschien "Torpedo" zuletzt 1988 bis 1991 bei Carlsen, zunächst als Album, dann als Taschenbuch. Die Reihe blieb unvollendet und geriet allmählich in Vergessenheit. Aber nicht ganz ...

An dieser Stelle folgt jetzt eine Lobpreisung - und zwar auf den sensationell geschmackssicheren und überaus rührigen deutschen Verlag Cross Cult. Der bringt nicht nur US-Weltliteratur wie "Hellboy" oder "Walking Dead" heraus, sondern nun auch den "Torpedo". Und zwar als Gesamtwerk in fünf Bänden in wunderbar düsterem Schwarzweiß und ebensolchem Humor, von Joaquim Balada Hartmann kongenial ins Deutsche übersetzt. Drei sind bis jetzt erschienen, demnächst erwarten uns auch die Ausgaben vier und fünf.

Der Torpedo kehrt also bald wieder - schließlich hat er es ja versprochen: Was mir blieb, war der Wunsch nach Rache. Sie hätten mich besser töten sollen, ich bin sehr nachtragend. In meiner Heimat sagt man, Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Und was er verspricht, das hält er. In diesem Sinne: Es ist angerichtet!

 

Epilog

 

Auf dem Heimweg mußte ich lächeln. Sagt man nicht, nach Regen kommt Sonnenschein? Na dann ...

Thomas Fröhlich

Enrique S. Abulì & Jordi Bernet - Torpedo Bd. 1

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Cross Cult (Asperg 2006)

Links:

Enrique S. Abulì & Jordi Bernet - Torpedo Bd. 2

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Cross Cult (Asperg 2007)

Links:

Enrique S. Abulì & Jordi Bernet - Torpedo Bd. 3

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Cross Cult (Asperg 2007)

 

(Band 4 & 5 erscheinen 2008)

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