Stories_Berlinale 2009/ Journal III

Rache ist süß

Unser Abschlußbericht über die Berlinale 2009 widmet sich Frauen auf Rachefeldzug, schwulen Liebespaaren und einem neuen Brenner-Fall. Außerdem kürte die internationale Jury ihre Gewinner.    24.02.2009

Jedes Jahr sollen die Stars auf dem roten Teppich - heuer sind es unter anderem Michelle Pfeiffer, Kate Winslett, Demi Moore und Clive Owen - der Berlinale einen Hauch von Hollywood-Glamour verleihen. Dabei haben gerade deren Filme ein Festival am wenigsten nötig. Doch nicht nur im Wettbewerb, auch im "Panorama" finden sich Filme, deren Vorführung einer Preview gleicht. Heuer waren das etwa Gus Van Sants "Milk" und Wolfgang Murnbergers "Der Knochenmann".

Nach "Komm Süßer Tod" und "Silentium" handelt es sich bei letzterem um Murnbergers dritte und bisher gelungenste Zusammenarbeit mit Autor Wolf Haas und Josef Hader in der Rolle des unkonventionellen Ermittlers Brenner. Diesmal verschlägt es Brenner als Schuldeneintreiber auf einen steirischen Gasthof. Dort verliebt er sich unglücklich in die Bedienung Birgit und geht dem nächtlichen Lärm einer Zerkleinerungsmaschine für Hühnerknochen auf den Grund. Wie seine Vorgänger folgt auch Der Knochenmann den Konventionen eines gewöhnlichen Krimis, geht aber durch seinen sarkastischen Humor, die düstere Grundstimmung und den sympathischen Antihelden darüber hinaus. Mit tollen Schauspielern wie Birgit Minichmayr und Josef Bierbichler sowie einer soliden Inszenierung zählte "Der Knochenmann" zu den angenehmen Überraschungen des "Panoramas".

 

Mehr erwartet hätte man dagegen von der vielversprechenden Handlung von Skirt Day. Eine aufgeschwemmte, kaum wiederzuerkennende Isabelle Adjani spielt darin eine labile Lehrerin, die tagtäglich den Schikanen ihrer Schüler ausgesetzt ist. Als ihr die Pistole eines Schülers in die Hände fällt, nimmt sie die Klasse als Geisel und versucht ihr Manieren beizubringen. Hätte sich der Film auf seine Qualitäten als dichtes Kammerspiel beschränkt, wäre wahrscheinlich so etwas wie ein politisch inkorrekter Gegenentwurf zu Laurent Cantets "Die Klasse" herausgekommen. Es macht regelrecht Spaß, dabei zuzusehen, wie die zum Opfer abgestempelte Lehrerin zu Höchstform aufblüht, den Rassismus und die Frauenfeindlichkeit ihrer überwiegend muslimischen Schüler entlarvt und sogar einen Kopfstoß à la Zidane verteilen darf. Leider versieht Regisseur Jean-Peter Lilienfeld seinen Film mit einem überflüssigen Nebenerzählstrang über einen frustrierten Polizisten und beleidigt schließlich die Intelligenz seiner Zuschauer mit einer unglaubwürdigen Schlußwendung, die dem Film dann doch noch jegliche Brisanz raubt.

 

Weitaus routinierter als die labile Lehrerin wehren sich die vier Prostituierten und Gelegenheitsräuberinnen aus dem spanischen Beitrag Just Walking gegen die Unterdrückung des Patriarchats. Ein mexikanischer Gangsterboß, der eine der Frauen ins Koma befördert hat, bildet das Angriffsziel für die wütenden Weiber. Agustin Diaz Yanes erzählt in seinem Film eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte mit feministischem Unterton. Die schicke Optik und die detaillierte Darstellung der Einbrüche - aus einem Fahrrad wird ganz in der Tradition MacGyvers schon einmal ein Maschinengewehr gebastelt - zählen noch zu den Stärken des Films. Leider verspielt "Just Walking" sein Potenzial durch dramaturgische Ungereimtheiten und eine sich immer wieder in Nebensächlichkeiten verlierende Inszenierung. Als Action-Film ist er schließlich zu langatmig, und als Drama geht er zu oberflächlich mit den Frauenfiguren und ihren Beziehungen untereinander um.

Als spanischer Beitrag gehört "Just Walking" jener Kategorie des "Panoramas" an, die sich auf World Cinema im weiteren Sinn konzentriert. Der zweite Schwerpunkt der Sektion liegt traditionell auf Filmen mit schwul-lesbischer Thematik. Hier bekommt man immer wieder den Eindruck, daß es mehr um Quantität als Qualität geht. Besonders die Dokumentationen sind entweder schematisch konstruiert, wie im Falle von Little Joe über die legendäre Warhol-Muse Joe Dallesandro, oder verlassen sich einzig und allein auf ihre politische Intention, was meist eine laienhafte filmische Ausführung zur Folge hat. Gerade unter den Spielfilmen finden sich jedoch auch Beiträge, die auf mutige Weise mit Erzählkonventionen experimentieren.

 

Jan Krüger erzählt in seinem zweiten Spielfilm Rückenwind von Robin und Johann, die sich bei einem Ausflug in den Wäldern Brandenburgs verlaufen und bei einer Suche nach sich selbst landen. Zunächst verweigert Krüger dem Publikum eine nähere Charakterisierung seiner Figuren und ihrer Absichten, was "Rückenwind" - auch in Hinblick auf die Konstellation zweier umherirrender Männer - an Gus Van Sants "Gerry" erinnern läßt. Wenn die beiden plötzlich zu einem Bauernhof kommen und dort mit einer Frau und ihrem Sohn leben, wird der Film auf einmal zugänglicher und widmet sich der Beziehung zwischen den beiden Männern und ihrer unklaren Rollenverteilung. So abrupt wie Krüger sein Publikum mit einer linearen Handlung konfrontiert, läßt er diese auch wieder ins Leere laufen und begibt sich mit der Sage über einen verwilderten Adelsjungen endgültig in die mystische Welt des Waldes. "Rückenwind" bleibt lange Zeit spannend, weil er stets im Unklaren darüber läßt, in welche Richtung sich die Handlung weiterentwickeln wird. Durch den Wechsel zwischen Beziehungsdrama und formalem Experiment wirkt der Film aber schließlich ein wenig uneinheitlich.

 

Mit einer gehörigen Portion Größenwahn widmet sich auch der mexikanische Regisseur Julian Hernandez in seinem mehr als dreistündigen Raging Sun, Raging Sky einem schwulen Paar. Eigentlich erzählt der Film aber auf sehr abstrakte Weise von der Macht der Liebe. Wie in seinem letzten Film "Broken Sky" verzichtet Hernandez dabei fast völlig auf Dialoge und läßt dafür die choreographierten Körper seiner Darsteller sowie einige Latino-Schnulzen sprechen.

Wie ein schweifender Blick streift die Kamera in grobkörnigem Schwarzweiß durch die leeren Straßen Mexico Citys oder die labyrinthischen Gänge eines schwulen Pornokinos. Immer wieder bleibt sie kurz an den Figuren hängen und überläßt sie kurz darauf wieder der Dunkelheit. Erst nach der Hälfte dieses hypnotischen Bilderrausches zeichnen sich langsam die Protagonisten ab: ein Liebespaar und ein Dritter, eine Art Teufelsfigur, der die unschuldige Liebe sabotiert. Das alles ist mit schmachtenden Jünglingen und großen Gesten immer an der Grenze zum Kitsch inszeniert, bleibt aber durch die freie dramaturgische Form spannend. Schlimm wird es erst, wenn die Handlung im letzten Drittel zum archaischen Endkampf in eine mythologische Welt verlagert wird.

Trotz seiner schwer zugänglichen Form wurde "Raging Sun, Raging Sky" mit dem Teddy, dem schwul-lesbischen Filmpreis des "Panoramas", ausgezeichnet. Der Teddy ist nur einer von mehr als 50 Preisen, die während der Berlinale von verschiedenen Jurys, aber auch dem Publikum vergeben werden. Der eigentliche Höhepunkt des Festivals, zumindest angesichts der Medienresonanz, war dann aber die Preisvergabe der internationalen Jury um Schauspielerin Tilda Swinton.

 

Den Goldenen Bären erhielt der peruanische Film Milk of Sorrow. Damit bestätigte sich ein weiteres Mal das Vorurteil, politische Kriterien würden bei der Vergabe des Hauptpreises eine Rolle spielen. Der Titel des Films beschreibt eine Krankheit, mit der sich vor allem Frauen, die in Zeiten des Krieges vergewaltigt wurden, infiziert haben. Fausta leidet an dieser Krankheit und hat sich aus Schutz vor potentiellen Vergewaltigern eine Kartoffel in die Vagina eingeführt. Mitunter stellt Regisseurin Claudia Llosa das Leid ihrer ständig in Klagegesänge verfallenden, wehleidig dreinblickenden und letztendlich auch noch von ihrer reichen Chefin ausgebeuteten Protagonistin ein wenig zu plakativ aus. Andererseits besticht "Milk of Sorrow" durch scheinbar beiläufig inszenierte Augenblicke, die in einem Armenviertel spielen. Die chaotische Hochzeitsplanung von Faustas Cousine lockert die bedrückende Stimmung des Films ebenso auf wie ein mit Bauplane improvisierter Swimmingpool.

Weitere Preise gingen an Alle Anderen - der Film konnte sowohl den Großen Preis der Jury wie auch einen Silbernen Bären für Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr abräumen -, Regisseur Asghar Farhadi für den iranischen Beitrag About Elly sowie The Messenger für das beste Drehbuch. Alles in allem läßt sich an der diesjährigen Jury-Entscheidung erstaunlich wenig herumnörgeln. Auch wenn "Milk of Sorrow" vielleicht nicht der große Wurf ist, kann man mit dieser Entscheidung leben. Im Gegensatz zu vielen anderen Beiträgen aus dem Wettbewerb hat dieses seltene Beispiel aus dem Filmland Peru ein Festival und die dazugehörige Aufmerksamkeit nämlich wirklich nötig.

Michael Kienzl

Berlinale 2009


59. Internationale Filmfestspiele Berlin

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