Stories_Berlinale 2010 / Journal I

Aller Anfang ist schwer

Vom 11. bis 21. 2. fanden in Berlin die alljährlichen Filmfestspiele statt. Thematisch ging es heuer um aktuelle und historische politische Ereignisse, soziale Miseren und die Frage, ob sich Lyrik in Bilder umsetzen läßt.
Michael Kienzl war vor Ort.    24.02.2010

Täglich versorgt das Branchenblatt Screen Daily während der Berlinale Besucher und Presse mit Prognosen zu den Wettbewerbsfilmen und reichlich Insider-Klatsch. Heuer gibt es zudem mit jeder Ausgabe eine von "Werner Herzogs Weisheiten" zu lesen. Der amtierende Jury-Präsident ist als Eigenbrötler bekannt und gegenüber der Presse nie um einen provokanten Kommentar verlegen.

Gerade auf der Berlinale, wo so gerne konsensfähige und politisch korrekte Filme prämiert werden, hofft man, daß Herzogs aneckende Art zu der einen oder anderen überraschenden Jury-Entscheidung führen wird. Mit den in Screen Daily abgedruckten Zitaten werden die Erwartungen zumindest schon einmal hochgeschraubt: Preise, so Herzog, seien nichts für Filme, sondern eher für Hundeshows, und Filmfestivals würden ohnehin überbewertet; letztes Jahr habe er nur zwei Filme gesehen, und die wären beide fürchterlich gewesen ...

 

Derart vernichtend fällt die erste Bilanz des Wettbewerbs zwar nicht aus, wirkliche Höhepunkte sucht man bisher aber vergebens. Der chinesische Regisseur Wang Quan'an, dessen "Tuyas Hochzeit" vor zwei Jahren mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, eröffnete das Festival am Donnerstag mit seinem neuen Film Apart Together. Darin geht es um Quaio (Lisa Lu), die nach dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 von ihrem Geliebten getrennt wurde und kurz darauf mit einem neuen Mann eine Familie gründete. Nun steht der einstige Liebhaber vor der Tür und möchte Quiao zurückhaben. Da der Vorspann über die historischen Hintergründe des Bürgerkriegs informiert, erwartet man einen politischen Film; das ist "Apart Together" aber mitnichten. Stattdessen sieht man alte Leute, die ein wenig zu penetrant auf harmlos/liebenswert getrimmt sind, satirische Szenen über die Absurditäten chinesischer Bürokratie (bevor sich Quiao von ihrem alten Mann scheiden lassen kann, muß sie ihn wegen einer fehlenden Heiratsurkunde erst einmal heiraten), und immer wieder Szenen, in denen die Protagonisten zusammensitzen und mit glasigen Augen Lieder von früher singen.

Mit seinen wenigen, statischen Einstellungen, sorgfältig eingesetzten Kameraschwenks und einem auf das Wesentliche reduzierten formalen Konzept weiß der Film durchaus zu überzeugen. Die vorhersehbare, meist arg ereignislos vor sich hin dümpelnde Handlung sowie die betont nostalgisch-sentimentale Inszenierung verleihen "Apart Together" aber einen schalen Beigeschmack.

 

Ganz anders nimmt sich der Däne Thomas Vinterberg menschlicher Abgründe an. Allerdings bewies er 1998 seinem Debüt "Das Fest" ein weitaus besseres Gespür für die Sezierung der bürgerlichen Großfamilie als diesmal für die Unterschicht in seinem neuen Film Submarino. Hier wird man in erster Linie mit einer Aneinanderreihung von Klischees über sozialen Absturz konfrontiert. Es geht um zwei Brüder, denen das Leben übel mitgespielt hat: Der eine ist Alkoholiker mit Aggressionsproblemen, der andere ein Junkie und alleinerziehender Vater. Inmitten dieser Misere gelingen dem Film durchaus schöne Momente - gerade für die Darstellung ambivalenter zwischenmenschlicher Beziehungen hat Vinterberg ja eine glückliche Hand (wenngleich den armen Figuren irgendwann derart viel Leid aufgebürdet wird, daß man als Zuschauer nur noch die Augen verdrehen kann).

Das größere Problem von "Submarino" ist jedoch die ganz auf Symmetrie ausgerichtete dramaturgische Struktur. Nicht genug damit, daß die Brüder ein ähnliches Schicksal erleiden, sie landen auch noch zur selben Zeit im selben Gefängnis. Das wirkt letztlich viel zu konstruiert, um noch Anteilnahme am Schicksal der Protagonisten aufkommen zu lassen.

 

Weniger sensationslüstern widmet sich der rumänische Regisseur Florian Serban in seinem Erstlingsfilm If I Want To Whistle, I Whistle einem jugendlichen Straftäter in der Besserungsanstalt. Mit einer Handkamera - immer wieder gerne für authentisch/dokumentarisch anmutende Bilder verwendet - beobachtet Serban den Alltag von Silviu (George Pistereanu) und seinen Mitgefangenen. So wird ein kurzer Handyanruf nach draußen zu einem aufwendigen Unterfangen, das erhebliche Vorsichtsmaßnahmen und Gegenleistungen erfordert. So fesselnd der Film mit solchen Alltagsschilderungen aus der Besserungsanstalt beginnt, konzentriert sich "If I Want To Whistle, I Whistle" im weiteren Verlauf auf ein stereotypes Kindheitstrauma. Um seinen Bruder nicht der Rabenmutter zu überlassen, nimmt Silviu eine Sozialarbeiterin als Geisel.

In dem Bemühen, einerseits eine konventionelle Handlung zu erzählen und gleichzeitig psychologische Hintergründe auszuleuchten, verschenkt der Film sein Potential.

 

Es ist Roman Polanski, der - wenngleich in den Medien aus privaten Gründen derzeit unfreiwillig präsent - für einen der erfreulichsten Momente des Wettbewerbs sorgt. Hochaktuell geht es in der Romanverfilmung The Ghost Writer um einen jungen Autor, der die Memoiren eines britischen Premierministers verfassen soll (Parallelen zu Tony Blair sind offenkundig) und bei Nachforschungen über seinen verunglückten Vorgänger auf eine Verschwörung stößt. Ohne vordergründige Action, mit oft Hitchcockschem Suspense und gewohnt sarkastischem Humor nimmt sich Polanski viel Zeit, seinen Protagonisten hinter ein Polit-Komplott globalen Ausmaßes kommen zu lassen.

Das alles wirkt streckenweise zwar arg routiniert - und ähnelt zahlreichen thematisch verwandten Filmen des Regisseurs wie "Die Neun Pforten" oder "Frantic" -, doch immerhin gelingt Polanski im Gegensatz zu seinen Konkurrenten ein in sich geschlossenes und stimmiges Werk.

 

An einer Stelle von Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans Doku-Fiction Howl über das gleichnamige Gedicht von Beat-Poet Allen Ginsberg heißt es, man könne Lyrik nicht in Prosa übersetzen. Nicht nur, daß der Film im Gegenzug versucht, Lyrik in Bilder zu übersetzen, er tut es auch noch denkbar schlecht: synchron zum vorgelesenen Gedicht gibt es grauenhaft kitschige Animationen zu sehen. Den größten Teil nimmt ein Handlungsstrang über den Prozeß gegen Ginsberg wegen der Verbreitung obszöner Schriften ein, in dem pathetisch die Freiheit der Kunst gefeiert wird. Lediglich einige nachgestellte Interviewszenen, in denen die Hauptfigur (dargestellt von James Franco) von Lebens- und Liebesenttäuschungen berichtet, geben eine Ahnung vom Potential des Sujets; ein konventionelles Biopic hätte wahrscheinlich weniger Schaden angerichtet.

 Epstein überfrachtet seine Filme gerne mit Kitsch und Pathos - wovon man sich schon in Dokumentationen wie "The Times of Harvey Milk" überzeugen konnte. In der Sektion des Forum sieht man aber, daß er seine Karriere als Regisseur durchaus vielversprechend begann. In Word Is Out, den Epstein 1977 als Mitglied des Filmkollektivs Mariposa drehte, werden 28 Schwule und Lesben ausschließlich über intime Gespräche porträtiert. Gerade die schlichte und rohe Form, in der "Word Is Out" ein vielschichtiges Bild unterschiedlicher Lebensentwürfe zeichnet, zeugt von einer Qualität, die von seichtem Bildungskino wie "Howl" meilenweit entfernt ist.

 

Demnächst gibt es an dieser Stelle mehr von dem Wettbewerb sowie den Sektionen Generation, Forum und Panorama.

Michael Kienzl

Berlinale 2010


60. Internationale Filmfestspiele Berlin

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