Texte_Berlinale 2010 / Journal III

Alltags- Geschichten

Normalerweise bietet das Forum die spannendste Filmauswahl der Berlinale. Dieses Jahr mußte man Wiederaufführungen und unkonventionelle Dokumentationen in anderen Sektionen suchen.
Michael Kienzl berichtet im dritten Teil seines Journales über Sehenswertes am Rande des Festivals.    08.03.2010

Das Internationale Forum des Jungen Films wurde vor vierzig Jahren als Alternative zum Starrummel der Berlinale gegründet. Heute ist es jene Sektion, die Mut zum Experiment zeigt und auch kleinere Filme im Programm hat - häufig die interessantesten des Festivals. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr schien die Auswahl aber etwas mager zu sein. Zwar gab es mit "Orly" und "Im Schatten" zwei ansehnliche Arbeiten der Berliner Schule, oder mit Sharon Lockharts "Double Tide" ein weiteres interessantes Experiment zur Wahrnehmung von Zeit im Kino; wirklich Herausragendes suchte man aber vergebens.

 

In der Reihe Perspektive Deutsches Kino, von der sonst eher abzuraten ist, gab es dagegen einen quasi typischen Forum-Film zu sehen; und zwar einen von der guten Sorte. Die Dokumentation Portraits Deutscher Alkoholiker von Carolin Schmitz hat es sich nicht - wie der Titel vermuten ließe - zur Aufgabe gemacht, Alkoholkranke auf mitfühlende Weise vorzustellen. Die Protagonisten bleiben unsichtbar, nur ihre Erzählungen sind zu hören: aus dem Off berichten sechs Menschen verschiedener sozialer Milieus davon, wie die Abhängigkeit ihr Leben zertört hat. Das reicht von dem Anwalt, der nur noch betrunken zur Arbeit erschien und seine Fahne mit Hustenzuckerln übertünchte, bis zu der Hausfrau, die so lange besoffen in ihrem eigenen Erbrochenen lag, bis die Tochter sie fand. Die emotionslose Art, mit der die Beteiligten ihre Geschichten erzählen, ist dem Thema angemessen; Betroffenheitsgetue sucht man hier vergeblich. Die Bilder dazu zeigen Vororte, öffentliche Plätze und die leeren Eigenheime der Porträtierten. Es läßt sich nur erahnen, wieviele Abgründe sich noch hinter solchen Momentaufnahmen einer vermeintlichen gesellschaftlichen Idylle verbergen.

 

Zu den Höhepunkten im Forum wiederum zählte ein schnörkellos erzähltes Melodram: The Man Beyond The Bridge handelt von einem verwitweten Forstaufseher, der sich in eine psychisch kranke Bettlerin verliebt und damit den Zorn der Dorfgemeinschaft erregt. Regisseur Laxmikant Shetgaonkar nähert sich in seinem Film einem Tabuthema in der indischen Gesellschaft. Psychische Krankheit wird dort als Strafe Gottes gesehen; wer daran leidet, wird gnadenlos aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Der sehr schlicht inszenierte Film hat zwar einen humanistischen Anspruch, ist aber keineswegs verkitschtes World Cinema, wie es zuhauf im Panorama zu sehen ist. "The Man Beyond The Bridge" steht in einer Tradition mit Werken von Douglas Sirk, Rainer Werner Fassbinder oder Lino Brocka. Shetgaonkar teilt nicht nur deren Sympathie für gesellschaftliche Außenseiter, sondern auch die explizit sozialkritische Interpretation des Genres. Bis zum Ende folgt "The Man Beyond The Bridge" einem ernüchternden Realismus: Weder kommen die bigotten Dorfbewohner zur Einsicht, noch wird die Frau durch die Beziehung geheilt; die Liebenden müssen letztlich in völliger Isolation zur Außenwelt ihren Frieden finden.

 

Auch Fassbinders Leidenschaft für das Melodram ist hinlänglich bekannt. Weniger dagegen sein einziger Science-Fiction-Film Welt am Draht, der 1973 als Zweiteiler fürs Fernsehen entstand. Basierend auf dem Roman "Simulacron-3" von Daniel F. Galouye erzählt er die Geschichte einer ausschließlich zu Versuchszwecken eingerichteten Welt, in der jeder Bewohner nur aus elektronischen Impulsen besteht, sich selbst aber als Mensch wahrnimmt. (Die Grundidee stammt, nebenbei erwähnt, von dem Schriftsteller Stanislaw Lem; Plots mit simulierten Realitäten wurden später auch von Roland Emmerich in "The 13th Floor" oder in den "Matrix"-Filmen aufgegriffen, die sich wiederum bei Philip K. Dick bedienten.)

Unter der Leitung von Kameramann Michael Ballhaus wurde "Welt am Draht" nun digital restauriert. Die für Fassbinders Verhältnisse recht konventionelle Roman-Adaption vermag allerdings in der Interpretation des Genres nicht zu überzeugen; so wirken etwa die für ihn typischen Sprünge zwischen ernsthaften Augenblicken und albernen Spielereien im Kontext eines SF-Filmes mitunter deplaciert. Fassbinder-Anhänger werden trotzdem gut bedient: Barbara Valentin gibt die sinnliche Sekretärin, die Spielweise ist gewohnt künstlich, und es geht um das ewige Leid mit der unerfüllten Liebe. Arthaus hat übrigens neulich die restaurierte Fassung auf DVD veröffentlicht.

 

Normalerweise ist ja das Forum für solche Wiederentdeckungen zuständig; der Name Fassbinder schien der Sektion aber wohl zu groß, weshalb "Welt am Draht" in der Reihe Berlinale Special lief. Dafür gab es eine schöne Mini-Retrospektive des japanischen Regisseurs Yasujiro Shimazu, mit drei Filmen aus den späten dreißiger Jahren. Noch vor Ozu und Mizoguchi machte sich Shimazu einen Namen mit japanischen Alltagsdramen, den sogenannten Shomingeki. Die Filme sind nicht nur historisch interessant - die Entwicklung des aufstrebenden Vergnügungsviertels Ginza wird ebenso beleuchtet wie der zunehmende westliche Einfluß - sondern auch, über siebzig Jahre nach ihrer Entstehung, erstaunlich lustig.

Schön, daß gerade solche alten Filme, von denen es nur noch mäßig erhaltene Kopien gibt, auch heute noch ihre Wirkung beim Publikum erzielen. Bei der Vorführung gab es mehrmals Szenenapplaus - und das ist auf einer ansonsten eher unlustigen Veranstaltung wie der Berlinale durchaus bemerkenswert.

Michael Kienzl

Berlinale 2010

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