Stories_Calypso Craze

Calypso is everywhere

Schon "Calypso Craze" - der Titel einer neuen 6-CD/DVD-Box des ambitionierten Raritätenlabels Bear-Family - tut kund, daß dieser Sommer noch einen Tick "heißer" werden kann! Emmerich Thürmer berichtet über die Geschichte eines exotischen Musikstils.    22.08.2014

Rocking In The Congo?


In den Annalen der Musikgeschichte sind die fünfziger Jahre eindeutig das Jahrzehnt des Rock´n´Roll und all seiner Spielarten, von Rockabilly bis zum "rockin´ Rhythm´n´Blues". Elvis, Johnny Cash, Bill Haley oder Hank Thompson dominierten die Medien sowohl in der Jugendkultur als auch der Erwachsenenwelt - und Modeszene sowie Charts natürlich genauso. Dennoch waren die Vereinigten Staaten und später auch der Rest der Welt in diesem Jahrzehnt zugleich Anlaufstelle, Zufluchts- oder gar Heimathafen für andere, exotischere Musikstile aus der Ferne, beispielsweise aus der Karibik oder von den polynesischen Inseln (man höre sich nur die wehmütigen Twang-Gitarren der Hillbilly-Cowboys an!).

Folglich schossen neben Rock´n´Roll-Jukejoints einerseits auch diverse Restaurants mit Tiki-Ambiente aus dem Boden, ausstaffiert mit polynesischen Accessoires und musikalischen Pazifik-Perlen in den Jukeboxes, zum anderen avancierte ziemlich genau die Mitte der "rocking Fifties" zum großen Höhepunkt des "Crazy Calypso Sound".

 

 

Auf einmal, für knapp eineinhalb Jahre, hauptsächlich zwischen 1956 und 1957, tobte der "Calypso Carnival" auch im Kulturbetrieb Amerikas: Zum Beispiel wissen nur wenige, daß es kein Elvis-Album war, das erstmals die Millionen-Schallmauer bei den Verkaufszahlen durchbrochen hat, sondern Harry Belafonte mit seinem 1956 erschienenen Album "Calypso". Im Dezember dieses Jahres titelte dann auch das prestigeträchtige Lifestyle-Magazin "Variety" zum Höhepunkt der Calypso-Welle: "Hot Trend: Trinidad Tunes". Und einige ganz vorschnelle Zeitschriften und Kulturexperten intonierten gar schon den Abgesang auf den Rock´n´Roll, wie beispielsweise ein Musikjournalist aus Boston: "Warning: Calypso Next New Beat; RIP for R´n´R?"

Neben Elvis, Perkins und Co. waren plötzlich die Interpreten, Sounds und Beats aus Trinidad, St. Thomas, Nassau oder sogar Kingston überall in den USA zu hören. "Originale" amerikanische Künstler und Ikonen wie Nat King Cole, Louis Armstrong oder Leinwandbösewicht Robert Mitchum zogen musikalisch nach oder legten vor, Wirtschaft und Kulturindustrie machten mit Calypso-Witterung in den Nasen begeistert mit: Kinderspielzeug, Kartenspiele, Szenerestaurants, Nachtclubs und Bars mit Calypso-Cocktails oder -Feeling wie Fischernetzen an der Decke oder Holzbootwandschmuck - die westindischen Inseln als Szenevorbild. Vor allem in der Mode, vom klassischen Strohhut über die berühmten, zu kurzen und etwas abgewetzten Stoffhosen bis zu Lippenstiften - "sways to the rhythm" by Max Factor! - galt das Motto: "Calypso is everywhere".

 

 

The Calypso Way


Rückblende - The History Of The Calypsonian Beat: Calypso war die Party- und Tanzmusik, die eigentliche Volksmusik der Karibik. Im 17. Jahrhundert zusammen mit den afrikanischen Sklaven "angekommen", adäquat zur Geschichte des Rock und Rockabilly aus Jazz und Blues auf dem amerikanischen Kontinent.

Die Wurzel des zweitaktigen Calypso liegt wahrscheinlich auf der Insel Trinidad. Die großen Stars des vor allem für Freizeit, Ablenkung und Karneval komponierten Calypso, z. B. Andre Toussaint, Sir Lancelot, Lord Kitchener oder Mighty Panther musizierten in den 30er, 40er und 50er Jahren, wobei die Texte dieses Sounds trotz der Party-Atmosphäre - oder vielleicht auch gerade deswegen - schon immer vor Witz, (Selbst-)Ironie, Sarkasmus und sozialkritischer Bissigkeit strotzten. Später werden in England manche Calypso-Lieder aufgrund ihres anzüglichen Spotts und ihrer Gesellschaftskritik staatlich indiziert oder ganz verboten: "Working Fo´ The Yankee-Dolla ...." (aus "Rum And Coca-Cola") oder Songs wie "Stone Cold Dead In Thee Market" zum Beispiel. Es war eben eine Musik mit viel Geschichte, Humor und politischem Potential.

 

 

Calypso Craze


Bear Family hat nun als Raritätenlabel zum zweiten Mal diesem Sound eine ganze Box gewidmet. Vor knapp zehn Jahren erschien dort bereits der Vorläufer West Indian Rhythm, Trinidad Calypsos 1938-1940 als 10-CD-Set. Um ein Bindeglied zwischen der damaligen Box und diesem Set zu kreieren und die neue Box als kompositorisches Kunstwerk sinnvoll ins Gesamtkonzept einzufügen, beginnt die erste der sechs CDs von "Calypso Craze" zwecks zeitlicher Einordnung nochmals in der Prä-Durchbruchsphase des Calypso, mit den Hits der Dreißiger, Vierziger und frühen Fünfziger, mit den Ursprüngen auf den Westindischen Inseln, den großen Sängern und Calypso-Combos aus der Karibik und den ersten kleinen, lokalen amerikanischen Zentren. Die zweite Scheibe dokumentiert dann komplett den Calypso-Ausnahmekünstler Harry Belafonte als "The Reluctant Calypso King", dann geht es rasant weiter zum "Zombie Jamboree" und der Großinvasion der Vereinigten Staaten ("Calypso Is Everywhere").

 

 

Dort, in den USA, breitete sich der Sound blitzschnell von den Charts bis ins Kino aus ("Calypso Goes To The Movies"). Es gibt z. B. eine brillante Calypso-Tanzszene in einem Film der Reihe Der dünne Mann mit William Powell und Myrna Loy), und dort okkupierten auch flott die renommierten US-Stars (Fred Astaire, Eartha Kitt, Hank Snow, The Kingston Trio, Nat King Cole und andere) sowohl den erfolgreichen exotischen Beat als auch diverse Ideen aus der Welt des Calypso, "Calypso Across The Pond", bis dessen Soundwaves dann sogar nach England (voller Neid sei hier auf den "Manchester United Calypso" von Eric Connor aus dem Jahre 1957 verwiesen - so einen Kultklassiker wünscht man seinem Lieblingsverein definitiv auch!) und Resteuropa überschwappten, bis zum "weißen Calypso": "Calypso Goes Global" ...

Die zusätzliche DVD in der Box beinhaltet einen äußerst selten Film von 1957: "Calypso Joe" mit Herb Jeffries und Angie Dickinson mit viel toller Musik; dazu vier kurze Filmausschnitte aus den vierziger und fünfziger Jahren. Das Begleitbuch liefert - wie immer bei Bear Family - eine komplette Diskographie und auf 175 Seiten jede Menge informative Texte, illustre Bilder der Künstler, Zeitungsanzeigen und schräges Werbematerial. Eine gelungene, runde Sache!

 

 

Der "Exotica-Hafen" in Nürnbergs Bar-Szene:Die Blume von Hawaii


Calypso-Captain Zack Koma Stingl, Exotica-Experte, Bar-Chef und Tresen-Magier. hat exklusiv für die Bear-Box zwei Calypso-Cocktails kreiert:

 

Calypso Craze:

3 cl Limettensaft

3 cl Falernum

1,5 cl Creme de Cassis

3 cl Barbados-Rum

1 cl J Wray & Nephew Overproof Rum

Auf Eiswürfeln schütteln und in eine Cocktailschale abseihen.

 

Calypso Colada:

2 cl Sahne

3 cl Honigsirup

1 cl Mandelsirup

3 cl dunkler Jamaikarum

3 cl heller kubanischer Rum

6 cl Ananassaft

1 Prise Zimt

Mit einer Schaufel zerkleinertem Eis in einem elektrischen Mixer ca 20 Sekunden laufen lassen.

Als Dekoration einen Spalt Ananas auf den Glasrand - und ein Cocktailschirmchen.

Emmerich Thürmer

Various Artists - Calypso Craze (1956-57 and beyond)

Leserbewertung: (bewerten)

6-CD/DVD-Box

Bear Family (D 2014)

 

(Photos: Bear Family)

Links:

Lokaltip: Die Blume von Hawaii


Cocktails, Calypso & Coolness,

Rosental 15, 90403 Nürnberg

 

(Photo: Alex Küffner)

Links:

Groovende Geschichte

West Indian Rhythm


Zehn CDs beleuchten den Karibik-Sound der Jahre 1938 bis 1940 - und der klingt auch heute noch sehr munter. Manfred Prescher lauscht ergriffen dem Hohelied der Perfektion.

Links:

Kommentare_

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carmen - 26.08.2014 : 22.22
CALYPSO... Eine Perle der Musik. Ich mag diesen Rhythmus.
Man/Frau kann auf fröhliche Art fit werden.
Ja... CALYPSO is everywhere -sogar bei der Gymnastik-
carmen

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