Ein Sonntag in Rom
ØØØØ 1/2
La domenica della buona gente
Medusa Video (I 2010; Produktionsjahr 1953)
DVD Region 2
92 Min., ital. OF
Regie: Anton Giulio Majano
Darsteller: Maria Fiore, Sophia Loren, Renato Salvatori u.a.
(Coverphoto © Milo Manara)
Werden Sie Tagestourist! Sitzengelassene Geliebte, eifersüchtige Verlobte und ausgelassen-sympathische Fußballfans (!) geleiten Sie einen Sonntag lang durch jene Stadt, die hier gleichsam die Hauptrolle spielt: das garantiert glamourfreie und dennoch charmante Rom der "kleinen Leute" anno 1953. 15.07.2010
Made in Italy: Das bedeutet katastrophale Regierungsbündnisse, grauenerregende Schlager und nie endenwollendes Geplapper. Aber auch Filme. Wunderbare Filme. Fellini, de Sica, Visconti, Leone, Corbucci, Bava, Argento usw. usf ...
Doch nicht um die kanonisierten Klassiker oder die von uns EVOLVERianern so verehrten Giallos und Western soll es hier gehen. Vielmehr wollen wir uns in Cinecittà Revisited mit kleineren, mitunter vergessenen Filmen beschäftigen, die sich - obgleich oftmals Genrefilme - einer eindeutigen Zuordnung entziehen. Zumeist gedreht von guten Handwerkern, die im Grunde jede Art von Film machten, die ihnen die Produzenten zuschanzten. Selten Meisterwerke, aber immer etwas davon enthaltend: was sie auch nach Jahrzehnten noch sehens- und liebenswert macht.
Buon giorno: Ein Sonntagmorgen in Rom. Die Stadt erwacht. Ines (Sophia Loren), eine junge, traurig blickende Frau, kommt am Bahnhof Termini an, um ihren Geliebten, den Anwalt Luigi Conti (Vittorio Sanipoli) zu treffen. Doch niemand ist da, um sie abzuholen.
Zeitgleich freut sich die quirlige Sandra (Maria Fiore) auf ein Wiedersehen mit ihrem Verlobten Giulio (Renato Salvatori), den sie ihrem Onkel Clemente (Alberto Telagalli) vorstellen möchte, um Giulio einen dringend benötigten Job zu verschaffen. Der Hallodri Giulio wiederum träumt davon, mit seinen Freunden zum Fußballmatch Lazio Rom gegen Neapel zu gehen, wozu ihm aber das Geld fehlt. Währenddessen hofft der abgehalfterte Trainer Bruno Pieri auf einen lukrativen Neuanfang, der ihn auch in der Achtung seiner Frau steigen läßt.
Inzwischen betritt Ines das Büro des Anwalts – dieser läßt sich jedoch verleugnen und ihr ausrichten, er wäre im Stadion. Ines macht sich dorthin auf und trifft auf den unverhofft zu einer Eintrittskarte gelangten Giulio, der seinerseits versucht, sie ein wenig aufzuheitern. Sandra wiederum schäumt vor Wut, da Giulio nicht nur ihr und Onkel Clemente einen Korb gegeben hat, sondern auch noch mit einer anderen Frau gesichtet wird. Und dann ist da noch die Pistole in Ines’ Tasche ...
Im Stil des italienischen Neoverismo gedreht, erzählt der Regisseur Anton Giulio Majano in Ein Sonntag in Rom (La domenica della buona genti, 1953) eine scheinbar unspektakuläre Geschichte um große und kleine Sorgen vor der Kulisse einer im Fußballfieber brodelnden Stadt - in der Zeitspanne eines einzigen Tages, von Sonnenauf- bis weit nach -untergang. Einzelne, lose miteinander verknüpfte Episoden werden zu einem Mosaik gefügt, in dem himmelhoch jauchzend gleich neben zu Tode betrübt liegt. Melancholie und Klamauk, Narrheit und Trauer sind – wie die römische Innenstadt und Trastevere – nur eine schmale Brücke von einander entfernt.
Was "Ein Sonntag in Rom" besonders auszeichnet, ist neben seinem bis in die kleinste Nebenrolle großartig eingesetzten Ensemble nicht zuletzt diese mitunter blitzschnelle und dennoch bruchlose Abfolge von Ernst und Witz; und die Grautönen dazwischen, wunderbar unterlegt von der Musik des späteren Fellini-Stammkomponisten Nino Rota.
Sophia Loren, demnächst 76 und vor ihrem Durchbruch als Italiens bedeutendster Filmstar wegen ihrer dünnen Beine nach als stuzzicadenti (Zahnstocher) verspottet, spielt hier eine ihrer ersten Rollen. Es ist daher auch noch kein "Loren-Film": Das Hauptaugenmerk liegt auf der Story des Pärchens Maria Fiore/Renato Salvatori. Und doch ist sie es, die als Ines den roten Faden auslegt, an dem sich die verschiedenen Geschichten entlangranken; ein sitzengelassener Racheengel aus der Provinz, der knapp davor ist, eine fatale Entscheidung zu treffen.
Regisseur Giulio Majano (1909 - 1994) war neben Cesare Zavattini begehrter Drehbuchautor neoveristischer Filme und kannte in seinem Job keinerlei Berührungsängste. Neben fürs italienische Fernsehen fabrizierten Sherlock Holmes-Verfilmungen saß Majano u.a. beim gemeinsam mit Fernando Cerchio gedrehten Historienschinken "Der Fluch des Pharaoh" (Il Sepolcro dei re, 1960) im Regiesessel. Und auch der von Mario Bava produzierte Mad Scientist-Horrorfilm "Atom Age Vampire" (Seddok, l'erede di Satana, 1961) geht auf sein Konto; ein Streifen, der sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, daß weder ein Vampir noch etwas Kerngespaltenes (und schon gar nicht Satan) auf der Leinwand zu sehen sind.
"Ein Sonntag in Rom" kann einen auf jeden Fall zum Lachen und Weinen gleichzeitig bringen ... und er bietet dabei mehr Dynamik als jeglicher Michael Bay-Krawumms der letzten zehn Jahre.
Was mich gleich zum nächsten Cinecittà Revisited-Film führt: Da erfahren Sie etwas über einen römischen Beamten, der einen Mord beobachtet. Und plötzlich selbst als Hauptverdächtiger dasteht.
Doch bis dahin: Ciao amici!

Ein Sonntag in Rom
ØØØØ 1/2
La domenica della buona gente
Medusa Video (I 2010; Produktionsjahr 1953)
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(Coverphoto © Milo Manara)
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