Stories_The Flashman Papers

Flashy Time

Vergessen Sie Flash Gordon und The Flash: Lesen Sie lieber Martin Comparts Ausführungen über den wunderbaren Taugenichts Harry Paget Flashman und dessen haarsträubende Abenteuer.    01.07.2014

Er tauchte erstmals literarisch in Thomas Hughes´ biographischem Buch "Tom Brown´s Schooldays" (1857) auf: ein offensichtlich liederlicher Charakter, der wegen Trunkenheit der Schule verwiesen wurde. Unerwartet stieg er zum höchstdekorierten Soldaten des viktorianischen Empires auf. Zu den vielen Orden und Auszeichnungen des Brigadegenerals Flashman zählen das Viktoria-Kreuz, der Ritter der Ehrenlegion, die US-Ehrenmedaille und der San-Serafino-Orden für Reinheit und Wahrheit 4. Klasse. Das Familienvermögen der Flashmans erwirtschaftete vor allem Harrys Urgroßvater Jack Flashman durch Piraterie sowie Rum- und Sklavenhandel mit der Neuen Welt.

Harry Paget Flashman lebte von 1822 bis 1915. Sein Vater kaufte ihm zu Beginn seiner Karriere ein Offizierspatent beim 11. Regiment der Leichten Kavallerie. Er erlebte einige der wichtigsten politischen und militärischen Ereignisse seiner Epoche in der ersten Reihe mit: den 1. Britisch-Afghanischen Krieg, die Schleswig-Holstein-Frage, den Amerikanischen Bürgerkrieg (auf beiden Seiten), den Krim-Krieg (Balaclava!), den indischen Sepoy-Aufstand, den 1. Sikh-Krieg, die Taiping-Rebellion, die Indianerkriege, den Feldzug gegen die Zulu (Isandlwhana, Rork´s Drift), Brookes Feldzüge gegen die Dayak-Piraten, den Feldzug Napiers in Abessinien und den mexikanischen Feldzug unter Kaiser Maximilian.

 

Sein Frauenverschleiß war erheblich und ist in den Memoiren zum Teil halbpornographisch dargestellt. Ende der 1850er Jahre bezifferte er bis dahin 478 Frauen als Bettgefährtinnen. Da er aber als Lügner und Aufschneider decouvriert ist, wird man vermutlich zehn bis zwanzig Damen weniger veranschlagen dürfen.

Seine Memoiren, bekannt als "Flashman-Papers", sind verblüffend ehrlich und gelegentlich sogar selbstkritisch. Auch wenn man ihretwegen die Geschichte nicht umschreiben muß, geben sie doch einen erstaunlich neuen und frischen Blick auf die geschilderten Ereignisse. Ich schließe mich Kingsley Amis, der New York Times und führenden angelsächsischen Historikern an, indem ich sie als langjähriger Student menschlicher Abgründe ebenfalls zu den bedeutendsten autobiographischen Aufzeichnungen der Epoche zähle. Sie eröffnen zweifelsfrei neue Perspektiven auf zeitgeschichtliche Personen und Ereignisse.

Entdeckt wurden die "Flashman Papers" 1965 durch eine Haushaltsversteigerung in Ashbury, Leicestershire. Aufgezeichnet wurden sie von Flashman zwischen 1900 und 1905, was vielleicht auch ihre Objektivität erklärt. Der alte Harry Flashman beschönigte nichts, als er gegen Ende seines Lebens Bilanz zog. Die Papiere lagen 50 Jahre unberührt in einer Teekiste (die Bearbeitung des dritten Bands durch eine spätere Familienangehörige ist eine gesonderte Betrachtung wert).

 

Der schottische Journalist George MacDonald Fraser wurde von einem Nachfahren Flashmans mit der Herausgabe der um 1915 erstmals geordneten Memoiren betraut. Nach der Edition von Band eins bemühte er sich zwei Jahre lang vergeblich um einen Verlag, bevor er ihn 1969 im renommierten englischen Buchverlag Herbert Jenkins unterbringen konnte. Dort erschienen auch die weiteren Bände als Erstveröffentlichung. Wie alle elf Folgebände wurden die veröffentlichten "Flashman Papers" von MacDonald Fraser äußerst sorgfältig ediert und mit einem umfassenden Fußnotenapparat ("... hier irrt Flashman") versehen.

Harry Flashman in seiner Blütezeit war groß, gutaussehend (besonders stolz auf seine Koteletten, die Frauen laut seiner Aussage bezauberten) und arrogant. Seine herausragendsten Fähigkeiten waren ein ungewöhnliches Talent, Sprachen schnell zu erlernen, und seine Reitkünste hoch zu Roß und zu Weibe. Eine devote Haltung Vorgesetzten gegenüber beflügelte seine Karriere ebenfalls.

Charakterlich werfen die Aufzeichnungen ein höchst ungünstiges Licht auf den Verfasser, aber auch auf viele Zeitzeugen. Er betrog, log und lieferte zu seinem eigenen Vorteil oder um Gefahren von sich abzuwenden, auch diejenigen ans Messer, die ihn liebten. Er gab sogar eine Vergewaltigung zu und einen von ihm durchgeführten Verkauf einer jungen Frau als Sklavin an einen Indianerstamm.

Seine Aufzeichnungen weisen ihn als Lügner, Schwindler, Aufschneider, Weiberhelden, Dieb, Betrüger und Feigling aus. Nur durch Glück, Feigheit und Skrupellosigkeit ging er aus jeder gefährlichen Situation für die Öffentlichkeit als Held hervor. Ein ihn begünstigendes Schicksal sorgte fast regelmäßig dafür, daß Personen, die ihn demaskiert erlebten, ums Leben kamen oder unglaubwürdig erschienen.

 

Aus den Memoiren geht hervor, daß Flashman nur aus einem Grund ein solcher Rabauke mit niederer Gesinnung war: Er wollte die Bedingungen der Gesellschaft erfüllen, ihr gefallen und an den Möglichkeiten der Herrschenden partizipieren. Nicht einmal bei Dickens finden sich erschreckendere Darstellungen der viktorianischen Gesellschaft - wobei sich Flashman keinen Illusionen hingab und seine soziale Umgebung zynisch analysierte. Zu seiner Ehre sei gesagt, daß er nicht religiös war und Religionen verachtete, insbesondere das Christentum.

Dank dem Kuebler-Verlag sind dem deutschen Leser die "Flashman Papers" wieder zugänglich. Obwohl es fraglich ist, ob nach der "geistig-moralischen Verblödungs-Wende" noch ein paar Zehntausend gebildete Alphabeten in Deutschland vorhanden sind, die dieses Kleinod der Geschichtsschreibung zu würdigen wissen ... Aber solche kleingeistigen Überlegungen dürfen bei einem elitären Semi-Universitätsverlag keine Rolle spielen. Schließlich muß Kuebler einen Auftrag erfüllen, den die "Bundeszentrale für politische Bildung" offensichtlich nicht mehr wahrnehmen kann.

 

Martin Compart

Held wider Willen

George MacDonald Fraser - Flashman-Romane und -Hörbücher


Sein Name ist Flashman, Harry Flashman. Und sollten Sie noch nie von ihm gehört haben, bietet der deutsche Kuebler-Verlag nun die Abenteuer von George MacDonald Frasers grandiosem Abenteurer sowohl in Buch- als auch Hörbuch-Form. Martin Compart hat gelauscht.

Links:

George MacDonald Fraser - The Light´s on at Signpost


Wenn der "Flashman"-Erfinder seine Memoiren zu Papier bringt, geizt er weder mit wunderbaren Anekdoten noch mit spitzzüngigen Seitenhieben gegen die Weltpolitik.

Links:

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