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Grenz-Geschäfte

Im Herbst wird der erste Ulrich-Seidl-Spielfilm seit dem vielbeachteteten "Hundstage" in die österreichischen Kinos kommen. Der EVOLVER konnte den Film schon vorab sehen - und hat so seine Bedenken.    20.07.2007

" 'Import Export' ist ein Film, der donnernde Stille hinterließ." (Katja Nicodemus, "Die Zeit")

"It was hard to watch, but I have the feeling that I will need to see it again." (Manohla Dargis, "New York Times")

" 'Import Export' ist ein Film, der Stunden und Tage noch nachwirkt." (Claus Philipp, "Der Standard")

 

So oder so ähnlich hörten sich viele Pressestimmen anläßlich der Uraufführung von Ulrich Seidls neuem Film "Import Export" bei den 60. Filmfestspielen in Cannes an. Ob eine derart pathosgeladene Sprache dem Film etwas Gutes tut, ist an sich schon zu bezweifeln. Doch abgesehen davon stellt sich natürlich die Frage, warum ein Film, der scheinbar alles richtig macht, dennoch nicht funktioniert ...

 

"Ich kann dich einstellen und wieder entlassen. Das ist bei uns so!"

Dies ist eine der ersten Erfahrungen, die Olga (Ekateryna Rak) in Österreich macht. Olga ist Ukrainerin. Doch das Krankenschwesterngehalt, das sie in ihrer Heimat bekommt, reicht nicht. Im gemeinsamen Haushalt leben nämlich auch noch der Bruder, die Mutter und Olgas Kind. Deswegen versucht sich Olga im Internet-Sexgeschäft, doch dafür ist sie sichtlich unbegabt oder sie nimmt es nicht ernst genug - anders als ihre Freundin (Natalija Baranova): "This is serious business!"

Irgendwann erhält Olga dann einen Brief und verläßt - schweren und gleichzeitig leichten Herzens - ihre Familie und ihr Land, um Richtung Wien zu fahren. Eine andere Freundin, ebenfalls aus der Ukraine, besorgt ihr eine Stelle als Putzfrau beziehungsweise Kindermädchen in einer Mittelschichtfamilie. Doch Olga ist hübsch und aus dem Osten. Beides beunruhigt die Arbeitgeberin, und sie entläßt Olga. Schließlich landet sie als Putzfrau in einer Geriatrie und trifft auch dort auf die Rivalitätsängste einer Pflegerin (Maria Hofstätter, bekannt für ihre Rolle als Autostopperin in "Hundstage"). Einer der Patienten, Erich (Erich Finches, spielte den Invalidenrentner in "Hundstage") will Olga heiraten, falls sie "brav ist". So einen betagten "paper husband" hat auch ihre Freundin.

Olga lacht zwar über den Vorschlag, kümmert sich jedoch fortan um keinen anderen Patienten so sehr wie um Erich. Bald darauf stirbt er. Auf einem Faschingsfest in der Pflegeanstalt wird die eifersüchtige Krankenschwester gegen Olga handgreiflich. Diesmal setzt sich Olga durch. In der letzten ihr gewidmeten Einstellung sieht man sie lachend zusammen mit ihren Kolleginnen.

 

Parallel dazu, Olgas Geschichte immer wieder unterbrechend oder auch spiegelnd, verfolgen wir das Leben von Paul (Paul Hofmann). Paul ist Wiener, Einzelgänger und kämpft gerne. Er versucht sich als Sicherheitsmann für ein Einkaufszentrum, versagt und verliert die Arbeit. Zudem hat er auch noch Schulden bei seinem enervierenden Stiefvater (Michael Thomas), der ihn zu einer "Geschäftsreise" (er arbeitet für eine Firma, die im Osten Video- und Kaugummiautomaten installiert) in die Ukraine mitschleppt und ihm bei jeder Gelegenheit seine Überlegenheit und Männlichkeit demonstriert. Doch das interessiert Paul alles nicht; er findet, daß es auch noch andere Werte gibt.

Nach einer Nacht endlosen Kampftrinkens, in der der Stiefvater Paul unter Beweis stellen will, daß die "Ost-Mädchen" für sein österreichisches Geld sogar wie ein Hund bellen, zieht Paul die Konsequenzen und haut ab. Er irrt auf den ukrainischen Straßen herum, fragt nach Arbeit, schlägt sich als Autostopper durch. Hier entläßt ihn die Kamera. Dazwischen zeigt uns der Regisseur freilich noch das Elend der Roma-Slums in der Slowakei, die Skurrilität der Bewerbungskurse für Arbeitslose (Dirk Stermann als Bewerbungs-Coach) in Österreich und den Alltag in der Geriatrie.

 

Die Themen, die der Film abhandelt, kreisen um den heutigen Begriff der Arbeit und um Arbeitsverhältnisse sowie die großen Fragen wie Leben und Tod. Symbolisch dafür stehen sowohl die Anfangseinstellung eines Mannes vorm Plattenbau, der wiederholt und ohne Erfolg versucht, sein Motorrad zu starten, aber auch das letzte im Film gesprochene Wort, das eine Patientin in die Dunkelheit des nächtlichen Pflegeheims sagt: "Tod". Alles wichtige Fragen und sicher auch brauchbare Ansätze, die Seidl bringt - und dennoch ist in "Import Export" irgendwo der Wurm drin. Was auf den ersten Blick so realistisch daherkommt, ist sorgfältig zurechtgemacht, entspringt es doch einer geradezu klassischen Erzählstruktur: zwei Hauptfiguren, zwei Geschichten und die jeweiligen Wendepunkte (der Brief für Olga, durch den sie ihre Abreise beschließt, und der gewonnene Kampf gegen die Pflegerin, sowie Pauls Rauswurf und die Erlebnisse der Hotelnacht, die ihn zum Ausreißen bewegen). Beide Figuren haben sich am Ende emanzipiert.

 

Auch die Arbeitsweise und Ästhetik des Seidlschen Produkts bereiten einiges Kopfzerbrechen. Sie sind wie schon in anderen Filmen ("Hundstage" oder "Models") geprägt von dem Anspruch, durch die Vermischung von Realität und Fiktion (Laiendarsteller, echte Schauplätze und dem Dokumentarfilm entstammende Kameraeinstellungen) größtmögliche Authentizität zu erreichen. Seidl selbst erklärt sich so: "Ich versuche einen ungeschönten Blick auf das Leben zu werfen." Eben dieser Anspruch ist es, der seinem Film das Genick bricht.

Zunächst einmal steht Seidl in der österreichischen Tradition des hochgelobten semi-dokumentarischen Verfahrens, doch ihr Erfinder ist er beileibe nicht. Da gab es nämlich schon in den 70er Jahren die heute leider nahezu unbekannten, aber nichtsdestotrotz existierenden Filme eines kanadisch-österreichischen Regisseurs namens John Cook ("Langsamer Sommer", 1974/76; "Schwitzkasten", 1978). Im Gegensatz zu Seidl schuf dieser auf ganz unprätentiöse Weise tatsächlich Werke, die in ihrer Einfachheit und Bescheidenheit noch lange nachwirken. Cook schaffte die heikle Balance zwischen Dokumentar- und Spielfilm, indem er auf das Ausstellen seines ästhetischen Vermögens weitgehend verzichtete und gleichzeitig versuchte, aus der ihn umgebenden Wirklichkeit Geschichten zu schöpfen.

Anders Seidl, der zwar vom "ungeschönten Blick" spricht, sich aber seine typische Ästhetik zugelegt hat, die auch in "Import Export" zu sehen ist. Man denke an die unterkühlten, bläulich schimmernden Bilder, korrespondierend zum Winter; den im Halbkreis arrangierten Putzfrauentrupp; die stumm und leblos blickenden Faschingsgesichter der Geriatriepatienten, die in ihrer Teilnahmslosigkeit an die "Absinthtrinkerin" von Edgar Degas denken lassen - sehr schöne Bilder, wäre da nicht dieser Anspruch der Authentizität. Zu glatt und inszeniert wirkt der Film trotz der Laiendarsteller, trotz des echten Internet-Sexshops. Und ganz ehrlich: Wer im Zeitalter der Reality-TV-Shows von solchen Bildern wirklich noch schockiert ist und gar noch von besonderer Radikalität sprechen will, lügt entweder oder hat die Fähigkeit zur differenzierten Zugangsweise längst verloren.

Was "Import Export" nämlich fehlt, ist das Beiläufige. Es ist immer das Beiläufige eines realistischen Zugangs, das berührt und die Grenzen zwischen Spielfilm und Leben verschwimmen läßt. John Cook konnte das. Seidl müßte dafür von seinem ästhetischen Schnickschnack abrücken oder aber diesen bis zur tatsächlichen Unerträglichkeit forcieren, wie er es in "Hundstage" getan hat. Das wäre zumindest konsequent.

Tina Glaser

Import Export


Ö 2007

135 Min.

Regie: Ulrich Seidl

Darsteller: Ekateryna Rak, Paul Hofmann, Michael Thomas u. a.

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Kommentare_

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ernst meyer - 25.07.2007 : 17.17
Exzellent geschrieben. Vielen Dank!
Der Aal ohne Schal - 26.07.2007 : 01.14
Wirklich guter Artikel, mehr davon.
Zuckerbussi - 25.11.2007 : 14.31
Endlich mal kein Lob für diesen doch recht durchschnittlichen Film!
Paco - 16.04.2008 : 00.50
..."Wer im Zeitalter der Reality- TV-Shows von solchen Bildern wirklich noch schockiert ist und gar noch von besonderer Radikalität sprechen will, lügt entweder oder hat die Fähigkeit zur differenzierten Zugangsweise längst verloren." (Tina Glaser)...
Liebe Tina,
„Es ist der Eindruck ob Seidl diese Differenzierung in voller Absicht nicht geschehen macht- wobei die Zivilleben der Hauptdarsteller dem Themen des Filmes weit näher kommen würden und zum Teil dramatischer ablaufen als es dieser Film vermag auszudrücken- was „Seidlgewollt“ scheint…
Seidl nimmt gezielt Schicksale des Alltags für seine Filme, ohne Mut deren wahre Lebensdramatik aufzuzeigen um diese auch bewusst nicht zu Wort kommen zu lassen- so verkommt ehrlicher Dialog zu Schauspielsprache – macht Reality zur Show- schafft Hoffnung - um die Akteure wieder in die Hoffnungslosigkeit zu entlassen- in Seidls Filme hat nur Seidl Platz… es kann nur „Seidlspiele“ und nicht durch Seidl Schauspieler geben… “ „Aufreger“ aufzeigen… Leben… Bilder… Filme rein zum „Seidlzweck“ zwar zum Aufregen ohne wirklich zu bewegen… (pacoSok)

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