Texte_Jack Ketchum/Biographie

Dr. Mayr und Mr. Ketchum

Er gilt als gefährlichster Autor der USA. Er wird in einem Atemzug mit Clive Barker, James Ellroy und Stephen King genannt. Und er schreibt die mitunter verstörendsten Romane der vergangenen 25 Jahre. Thomas Fröhlich begab sich unter Kannibalen, griechische Rachegöttinnen und alleinerziehende Pflegemütter, um einen Lokalaugenschein in der blutroten Welt des Dallas Mayr vorzunehmen.    02.07.2008

Es war einmal ... ein berühmter Outlaw. Er lebte im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts und nannte sich selbst Thomas "Black Jack" Ketchum. Mit der Black Jack Ketchum Gang (was für ein Name!) sorgte er für Angst und Schrecken unter der anständigen Bürgerschaft seiner Zeit. Und wenn er nicht gestorben ist, dann ... Ist er aber. Er wurde in Clayton, New Mexico, wegen des Überfalls auf einen Eisenbahnzug, den er mit seinen Spießgesellen begangen hatte, gehängt - wie das damals halt so üblich war.

Um ihn geht es hier allerdings nicht.

Es war einmal ein berühmter Autor. Er lebte im Wilden Westen des 20. und 21. Jahrhunderts und hieß Dallas Mayr. Doch unter diesem Namen ist er unbekannt. Geboren im Jahre 1946, führte er vorerst ein Leben als Schauspieler, Sänger, Lehrer, Holzverkäufer und schließlich Literaturagent. Als Kind war er vernarrt in Elvis, Dinosaurier und Horrorgeschichten wie Stevensons "Dr. Jekyll and Mr. Hyde". Letztere brachte ihn dazu, mit dem "Psycho"-Autor und Lovecraft-Schüler Robert Bloch in Kontakt zu treten, der ihn immer wieder dazu ermutigen sollte, doch eigene Stories zu schreiben. Dann kamen die psychedelischen Sixties; die Zeit der Anti-Vietnamkriegs-Proteste brach heran. Damals nahm auch Herrn Mayrs Weltbild jene Gestalt an, die es in Grundzügen bis heute besitzt: Politiker sind in erster Linie dazu da, alles zu reglementieren, was Spaß macht - und am schlimmsten sind die Republikaner, so wie jede Art von "rechter Nachbarschaft", die er, so Mayr, am liebsten als "Godzilla"-Verschnitt in Form einer riesigen Katze zupissen würde.

 

Eines Tages (er war schon in den Mittdreißigern) schrieb der streitbare Herr Mayr - nach mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen in den Bereichen Lyrik, Kinderbuch und Theaterstück sowie ein paar gelungenen Essays in Rock- und Männerzeitschriften - eine ziemlich wüste Horrorstory über eine Großfamilie, die in den Wäldern zur Grenze Kanadas lebte und gegen die die Protagonisten des "Texas Chainsaw Massacre" liebenswerte Zeitgenossen waren.

Zuvor hatte Herr Mayr schon einen Autor namens Jack Ketchum erfunden, dessen Werk er gefunden zu haben vorgab, und in dessen Namen er nun auch seinen Horrorroman-Erstling "Off Season" (dt.: "Beutezeit") schrieb. Der erblickte 1980 das Licht der Buchhandlungen und sorgte für Angst und Schrecken unter der "anständigen" Bürger- und Leserschaft. Allen voran kam die Zeitschrift "Village Voice", die - ansonsten eher liberal - in Ketchums Werk ausschließlich widerwärtige Gewaltpornographie sah. Dallas Mayr bestreitet das bis heute. Als Marketing-Hilfe waren solche Aussagen aber durchaus nützlich (vergleichbar mit der heimischen Rezeption von Thomas Bernhards "Heldenplatz" Mitte der 80er - einem Stück, das ohne die tätige Mithilfe der "Kronen Zeitung" und der FPÖ nie den Bekanntheitsgrad erreicht hätte, der sich letztendlich auch auf die geschäftliche Seite von Autor, Verlag und Theaterintendanz positiv auswirkte).

Ketchums Roman schlug auf jeden Fall ein wie die sprichwörtliche Bombe. In einem knappen, beinahe beiläufigen, aber immer auf den Punkt gebrachten Stil schildert Mayr alias Ketchum den brutalen und gnadenlosen Kampf zwischen obiger Familie und den "normalen" Menschen - konsequent aus der ungeschönten Sicht beider. Er übertraf an Härte und geschilderter Grausamkeit alles, was man unter dem Mäntelchen "Splatterpunk" vielleicht schon gewohnt war, allerdings ohne die selbstzweckhaften Schablonen, wie wir sie von Zeitgenossen à la Richard Laymon zur Genüge kennen. Bei Ketchum hatte alles seine dramaturgische Richtigkeit. Eine neue, dunkle und unüberhörbare Stimme der Horrorliteratur war geboren - und selbst Stephen King sollte Ketchum Jahre später attestieren, "der womöglich furchterregendste Geselle des Landes" zu sein; zugleich sei er aber auch "einer der besten in seinem Geschäft", in einer Reihe mit Clive Barker oder James Ellroy anzusiedeln.

Spielten in "Off Season" (sowie in der Jahre später erschienen Fortsetzung "Offspring") eine kannibalistische Großfamilie oder im 1989 erschienen "She Wakes" eine griechische Göttin (der aber die traditionelle griechische Gastfreundschaft eher fremd war) die blutigen Hauptrollen, so haben wir es in "Right To Life" (1999) mit in jeder Hinsicht militanten Abtreibungsgegnern und in Ketchums Meisterwerk aus dem Jahre 1989, "The Girl Next Door" (dt. "Evil"), mit einer alleinerziehenden Pflegemutter und ihren Disziplinarmethoden zu tun, die einem - gelinde gesagt - das Blut in den Adern stocken lassen. Zwar ist Ketchum der Schilderung übernatürlicher Schreckensszenarien nicht abgeneigt, doch zur Höchstform läuft er auf, wenn er die uns umgebende (Schein-)Normalität auf ihre Gültigkeit abklopft und dabei die Erzählschraube nur ein klein wenig anzieht. Das Ergebnis ist meist schlimmer, als es sämtliche Vampire, Werwölfe oder Aliens der Literatur- oder Filmgeschichte hervorzubringen imstande sind.

 

Jack Ketchum (der Name Dallas Mayr geriet nach und nach ins Hintertreffen) gewann 1990 für seine Kurzgeschichte "The Box" den heißbegehrten Bram Stoker Award, 2000 dann für "Gone" - und 2003 stellten sich die Stokers gleich zweifach bei ihm ein: für die beste Kurzgeschichtensammlung, "Peaceable Kingdom", und für die beste Erzählung, "Closing Time".

Auch im Filmgeschäft tut sich Ketchum seit einigen Jahren erfolgreich um. Nach "The Lost" und dem eben erst auf DVD erschienen "The Girl Next Door" (dt. "Jack Ketchum´s Evil") steht nun die Verfilmung seiner sehr persönlich gefärbten Erzählung "Red" in den Startlöchern. Zudem trägt sich der Autor mit dem Gedanken, selbst einmal seine eigenen Visionen umzusetzen, wie es etwa Clive Barker mit seinem "Hellraiser" getan hat.

Der mittlerweile 62jährige Ketchum, der aussieht wie Anfang 40, sich jeder Menge Zigaretten und einem guten Schluck Whisky gegenüber nicht abgeneigt zeigt, ist derzeit so gut im Geschäft wie noch nie. Seit einigen Jahren besitzt er auch in Europa eine Anhängerschaft, die ihn vielleicht noch mehr vergöttert als jene in den USA.

Mit seiner kompromißlosen und verstörenden Weise, Geschichten zu erzählen, hat er sich langsam, aber beständig ein Publikum aufgebaut, das es verkraftet, subtile Andeutungen, psychologische Ausgefeiltheit UND zum Teil irrwitzigen Splatter geboten zu bekommen, dessen Gesamtheit mit althergebrachten Horrorklischees auf recht kreative Weise aufräumt und nicht selten zeigt, daß das Gegenteil von "Böse" nicht zwangsweise "Gut" ist - und vice versa. Eskapistisch sind seine Geschichten mit Sicherheit nicht, sondern eher packend geschriebene Lektionen über die Welt, in der wir leben, über die dünne Tünche, die wir gemeinhin Zivilisation nennen, über die anderen (die ja laut Sartre immer die Hölle sind) und, so bedrohlich das klingen mag, auch über uns selbst.

Das ist nicht immer angenehm. Aber lohnend. Und immer sauspannend.

Thomas Fröhlich

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