Stories_Nippon Connection 2005, Teil I

Big in Japan

Auch heuer wurde das japanische Kino in Frankfurt wieder in all seinen Facetten gefeiert. Ein ausgewählter Festival-Querschnitt von Michael Kienzl.
   13.05.2005

Vor Beginn jedes Festivalfilms gab es jeweils einen von drei visuell ansprechend gestalteten Trailern zu sehen. Die in rosa gehaltenen 3-D-Animationen beschränkten sich auf Aspekte der japanischen Kultur, die sich gerade im Westen gut verkaufen: ein feuerspeiender Godzilla, kämpfende Schulmädchen und ein ritueller Selbstmord. Vor Ort im Festivalzentrum, wo durch die Lage auf dem Frankfurter Universitätsgelände eine für Filmfestivals angenehm entspannte Atmosphäre herrschte, tat die Verbindung aus Karaoke, Sushi und kitschigen Souvenirs ihr Übriges. Obwohl das eigentlich sehr umfangreiche und vielfältige japanische Kino hier, wie so oft, auf die immer wiederkehrenden Klischees reduziert wurde, fand sich im Festivalprogramm eine große Bandbreite an unterschiedlichen Genres und Formaten. Natürlich sollte man erst einmal dankbar sein, daß es so ein Festival überhaupt gibt, aber dadurch, daß sich die Nippon Connection dem aktuellen Filmgeschehen eines einzelnen Landes widmet, stößt sie in ihrer Auswahlmöglichkeit notgedrungen an Grenzen. Am verlässlichsten scheint es ohnehin, sich auf die Präsenz bekannter Namen zu verlassen, auch wenn das noch lange keine Qualitätsgarantie ist.

 

Dieses Jahr gab es unter anderem Neues von Größen wie Takeshi Kitano, Katsuhiro Ottomo, Shynja Tsukamoto oder Takashi Miike zu sehen. Letzterer war mit seinem neuen Werk Izo vertreten, einem über zwei Stunden langen Samuraifilm. Darin erzählt Miike vom blutigen Rachefeldzug eines wiederauferstandenen Mörders, der sich zunächst an der Aristokratie, die seinen Tod veranlasste, rächt und letztendlich dann an der gesamten Menschheit. Trotz seiner rasanten Bildsprache und faszinierenden Darstellung menschlicher Abgründe, scheitert auch "Izo" an der für Miike typischen Maßlosigkeit. Neben dem starken Einsatz von visuellen Effekten wird das besonders bei der endlosen Aneinanderreihung blutiger Kampfszenen deutlich. Der unerschöpfliche Ideenreichtum, mit dem das Publikum in einem Übermaß an stilistischen und zeitlichen Wendungen überfordert wird, verbreitet zwar durchaus eine gewisse Faszination, wird aber durch die überdurchschnittliche Laufzeit und ein absolutes Minimum an Story zum gestylten Non-Stop-Gemetzel. Die esoterische Suche des Protagonisten nach Erlösung rettet den Film dann auch nicht mehr.

Daß gerade große Namen mit einer gehobenen Erwartungshaltung verbunden sind, die leicht enttäuscht werden kann, zeigt auch Blood and Bones (Chi to hone) von Yoichi Sai. Mit Takeshi Kitano in der Hauptrolle erzählt das unfangreiche Familienepos von einem ins Japan der zwanziger Jahre emigrierten Koreaner, der es seiner Familie und Nachbarschaft dank seines aggressiven Temperaments sowie des egoistischen Drangs nach finanziellem Erfolg nicht gerade leicht macht. Neben der pathetischen Inszenierung ist hauptsächlich Kitano selbst das Problem. Obwohl er einige großartige Filme gemacht und durchaus akzeptable Schauspielleistungen abgeliefert hat, spielt er doch in jedem Film die selbe Rolle und schafft es in "Blood and Bones" nicht dem altbekannten Stereotyp des gewalttätigen Schlägers neue Facetten abzugewinnen. Yoichi Sai verschlimmert das Dilemma noch durch seine konventionelle und langweilige Inszenierung, die er ganz auf die Figur seines Hauptdarstellers zugeschnitten hat. Die ständigen Schikanen des bösen alten Mannes wechseln sich in ihrer Monotonie immer wieder mit diversen Schicksalsschlägen in der Familie ab und schaffen es doch nicht zu bewegen.

 

Ein nicht besonders tiefgründiger, aber dafür umso unterhaltsamerer Festivalbeitrag war der in der Tradition amerikanischer B-Movies der Sechziger und Siebziger inszenierte The Last Supper von Osamu Fukutani. Zur Handlung: Der nerdige Assistenzarzt Yuji arbeitet in einer Praxis für plastische Chirurgie und nimmt eines Tages das abgesaugte Fett einer Patientin mit nach Hause. Nachdem er sich daraus kleine Leckereien zubereitet hat und diese verspeist, mutiert er zum attraktiven "Ladykiller", der Menschenfleisch zur Befriedigung seiner sexuellen Lust benötigt. Wie eine Art Jamie Oliver für Kannibalen kocht er sich die verschiedensten appetitlich zubereiteten Gerichte, denen jeder, der sie probiert, sofort verfällt. Der Film bemüht sich weder darum, eine tiefere Ebene in die Handlung einzuflechten noch darum, sich ernsthaft mit dem Thema Kannibalismus auseinander zu setzen - sondern stellt auf reißerische Art und Weise die Obsession seiner Hauptfigur aus. Dabei nimmt er sich selbst nicht allzu ernst und verfolgt die mörderischen Eskapaden seines Protagonisten mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors. Zumindest unterhalten wird man hier gut, was schließlich auch keine Selbstverständlichkeit ist.

Katsuhiro Ottomos ("Akira") neuer Anime Steamboy wurde als teuerster japanischer Trickfilm angepriesen, was schon recht gut zeigt, daß die Technik hier oberste Priorität hat. Im Mittelpunkt des im viktorianischen England angesiedelten Abenteuers steht der junge Erfinder Ray, der mit Hilfe des mysteriösen Steam Balls schnell mal die Welt vor Machtgeilheit und Kriegen rettet. Das ganze ist auch durchaus spannend gemacht, aber im Gegensatz zu Ottomos großartig düsterer Zukunftsvision "Akira", fallen bei "Steamboy" besonders die fast schon aufdringliche technische Perfektion, der ideologisch getriebene Pathos seiner Figuren und besonders die Familientauglichkeit, die ihn fast schon in die Nähe eines Disney-Films rückt, unangenehm auf. Von seinen amerikanischen Kollegen unterscheidet sich "Steamboy" zwar durch seine kriegsfeindliche Aussage, diese propagiert er allerdings mit der Moralpauke.

 

Das absolute Festival-Highlight war dieses Jahr ein "pinku eiga". Diese billig produzierten Erotikfilme werden von der japanischen Presse immer noch weitgehend ignoriert und sind in Europa leider nur vereinzelt und meist auf dem Videomarkt verfügbar. Der Regisseur hat bis auf eine vorgegebene Anzahl von Sexszenen völlige künstlerische Freiheit, weshalb oft junge Filmemacher das Genre als Fingerübung nutzen. The Glamorous Life of Sachiko Hanai von Mitsuru Meike handelt von einer unterbelichteten Prostituierten, die in einem Club für sexuelle Rollenspiele arbeitet. Nachdem sie durch Zufall in eine politische Verschwörung gerät, wird ihr eine Kugel zwischen die Augen geschossen. Nachdem sie verwirrt flüchtet, steckt sie ihren Abdeckstift in das Schußloch und mutiert zur wissbegierigen Intelligenzbestie. Zwar findet sie schnell bei der Familie eines Professors Zuflucht, wo es zu diversen sexuellen Eskapaden kommt, doch einer der Terroristen ist ihr schon auf den Fersen. Sachiko ist sich noch nicht darüber im Klaren, daß der geklonte Finger des amerikanischen Präsidenten irrtümlich in ihrer Handtasche gelandet ist. Die Vielzahl an absurden Ideen, der eigenwillige visuelle Stil und der Einsatz psychedelischer Sound-Effekte verschmelzen in diesem Streifen zu einem witzigen, unterhaltsamen und sogar tiefgründigen Meisterwerk.

Eine faszinierend meditative Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami lieferte Jun Ichikawa mit Tony Takitani ab. Der in Grau- und Brauntönen gehaltene Film erzählt vom Pech eines introvertierten Illustrators mit den Frauen. Dabei wurde erst gar nicht versucht, die literarische Vorlage zu verschleiern, sondern im Gegenteil durch einen permanenten Voice-Over erst deutlich zu machen. Das Faszinierende daran ist, daß Ichikawa dieses gewagte Unterfangen auch noch glückt. Die Sprache verschmilzt mit den streng komponierten Aufnahmen steriler Innenräume und dem ständig präsenten, minimalistischen Piano-Soundtrack von Ryuichi Sakamoto zu einem hypnotischen Drama über Einsamkeit. Ironischerweise wird der gebrochene Protagonist vom japanischen Komiker Issey Ogata verkörpert. Durch den großen Erfolg von Murakamis Büchern in den letzten Jahren ist die Wahrscheinlichkeit nicht allzu gering, daß der Film auch offiziell in die Kinos kommt.

 

Lesen Sie im zweiten Teil alles Wissenswerte zur Reihe "Nippon Digital" und zur das Festival begleitenden Ausstellung.

Michael Kienzl

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