Stories_Retrospektive: Screwball Comedy

Hochzeit mit Hindernissen

Von 1. Dezember bis 7. Jänner steht das Österreichische Filmmuseum ganz im Zeichen der amerikanischen Screwball-Comedy. Genau die richtige Gelegenheit für Vivien Bronner, einen historischen Spaziergang durch die Welt der "g´schupften Komödie" zu unternehmen.    10.12.2008

Well, ain´t much difference ´tween kidnapping and marriage. You get snatched from your parents, but in marriage nobody offers a reward.

("The Bride Came C.O.D.")

 

Der ewige Kampf der Geschlechter feiert derzeit ein wunderbares Comeback in Schwarzweiß. Grund dafür ist eine Retrospektive im Filmmuseum zum Thema Screwball-Comedies - ein spezielles Genre der US-Filmkomödie, das in den 30ern und frühen 40er Jahren seine Glanzzeit hatte.

Die Screwball-Comedy ist geprägt vom ins Humoristische gezogenen ewigen Beziehungskrieg, wobei der damalige Sittenkodex jegliche deutliche Sexualität verbot. Dadurch wurde das Genre jedoch keineswegs zahm und lasch, sondern vielmehr raffiniert, subtil und zugleich verdammt erotisch. Das Wort "Screwball", so heißt es, sei dem Sport entlehnt. Es bezeichnet einen "gedreht" angeschlagenen Ball, der eine unberechenbare Flugbahn beschreibt. Unberechenbar verhalten sich auch die Charaktere der Screwball-Comedy - nur ist diese Erklärung nicht ausreichend.

 

Der Begriff "Screwball" fand im übertragenen Sinn Eingang in den amerikanischen Sprachgebrauch und bezeichnet eine verrückte, kapriziöse, eigensinnige Frau. In Österreich würde man "G´schupfte" dazu sagen. Und genau dieser Menschentyp wurde zur Namensgeberin des Filmgenres.

Wenn man die Sache so sieht, eröffnet sich ein ganz neuer Blick auf die Geschichten, die Autoren und Filmemacher innerhalb des Genres erzählen: Die Screwball-Comedy ist die Auseinandersetzung mit einem Frauentyp, den es zuvor in der westlichen Gesellschaft nicht gegeben hat.

Bis zum Ersten Weltkrieg steckte man tief im Viktorianischen Zeitalter. Junge, begehrenswerte Frauen wurden von Eltern versorgt, gehütet, geformt, angepriesen und schließlich an den Meistbietenden verschachert. Die ersten zaghaften Befreiungsversuche unternahmen Frauen in den 10er Jahren als Suffragetten, doch noch waren sie eine Randerscheinung der Gesellschaft, die sich ignorieren ließ. Der "Große Krieg" befreite schließlich die Frauen - allerdings mehr, als sie wollten und auf unangenehme Art und Weise. Erst die Charleston-Ära produzierte jenen Frauentyp, der schließlich die Screwball-Comedy ermöglichte. Zum ersten Mal seit vielleicht Hunderten von Jahren gab es, nicht nur als Einzelfall, sondern als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, ledige, junge Frauen, die selbstbestimmt und unabhängig waren und die sich ihre eigene Meinung bildeten.

Vergleichen wir Screwball-Comedies mit jener Art Liebesgeschichten, die es davor gab: Der zentrale Konflikt der Courths-Mahler-artigen Romane oder diverser Operetten ergab sich immer aus einem Standesunterschied, der unüberwindlich schien, bis (meistens) herauskam, daß die Heldin ohnehin von adligem Geblüt war. Die Heldinnen jener Stories mußten vom Helden seinen Eltern "verkauft" werden. In den zwanziger Jahren wiederum wollten sie permanent gerettet werden - man denke nur an die typischen Frauen der Chaplin- oder Keaton-Filme: Große, wuschelige Köpfe plus Schmollmund ergeben das altbekannte Kindchenschema.

 

"Why didn´t you take off all your clothes? You could have stopped forty cars."

"Well, ooo, I´ll remember that when we need forty cars."

("It Happened One Night")

 

Diese Frauen waren hilflose, meist verlassene Wesen, für die sogar die Fürsorge eines Tramps oder Losers noch Rettung werden konnte. Dahinter standen die prägenden Erfahrungen einer Kriegsgeneration, deren Frauen allzuleicht zu Opfern, Prostituierten oder Bettlerinnen wurden. Wie immer reagiert(e) Hollywood auf neue gesellschaftliche Erscheinungen schnell und deutlich - so auch auf den neuen Frauentyp, der aus den Zwanzigern erwachsen war. Diese Heldinnen mußte man erobern!

Das war neu. Nicht mehr Standesunterschied oder Armut waren tragender Konflikt der Liebe, sondern die Tatsache, daß Frauen ihre eigenen Ideen darüber hatten, was sie mit ihrem Leben anstellen konnten; daß sie nicht jeden Mann zu nehmen bereit waren, nur weil er sich anbot. Die Screwball-Comedies erzählen auch, wie Männer lernten, diesen neuen Frauentyp erotisch zu finden.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wurden selbstbestimmte Frauen so selbstverständlich, daß dem Genre die Kraft ausging. Dennoch bleiben die Grundzüge Eigensinnigkeit und Geschlechterkampf so zeitlos, daß wir Screwball-Comedies oder zumindest Anleihen an das Genre bis zum heutigen Tag in Filmen finden.

Die Urmutter des Genres ist der herrliche Film It Happened One Night mit Clark Gable und Claudette Colbert. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, daß er die typischen Parameter einer Courths-Mahler-Geschichte aufgreift, sie dann aber komplett verdreht: Eine Millionärstochter wählt ihren Verlobten gegen den Willen des Vaters. Sie flieht von zu Hause, lernt auf ihrer abenteuerlichen Reise einen Journalisten kennen und verliebt sich ihn. Als sie bemerkt, daß der Journalist ebenfalls von ihrem Vater entsandt wurde, lehnt sie ihn ab. Der Held muß erst beweisen, daß er sich seinerseits von dem Millionär emanzipiert hat, um sie zu gewinnen.

 

Waiter, will you serve the nuts? I mean, will you serve the guests the nuts?

("The Thin Man")

 

Die Grenzen des Genres neigen zum Verschwimmen: Screwball-Comedies umfassen Plots von Pärchen, die sich erst finden müssen, über Paare, die bereits verheiratet sind, wo aber die Ehefrau dennoch ihren eigenen Kopf behält, bis hin zu Paaren, die schon wieder geschieden sind (wie in Philadelphia Story). Sie umfassen alle Stories, die a) komödiantisch bis hin zum Slapstick sind und b) einen starken Frauencharakter beschreiben, der Mut zum Neinsagen hat.

Gelungene Screwball-Comedies in neueren Zeiten sind eher rar (immer noch ungeschlagen: "When Harry Met Sally"). Zusätzlich gab es immer wieder Kreuzungen mit Abenteuerfilmen - wie etwa "Romancing the Stone" mit Kathleen Turner und Michael Douglas - oder Krimis/Thrillern wie "A Fish Called Wanda" mit Jamie Lee Curtis und John Cleese. (Ein völlig mißlungener Vertreter solch einer Kreuzung wäre "Intolerable Cruelty" mit George Clooney und Catherine Zeta-Jones.)

Keineswegs ein Vertreter der Screwballs ist hingegen der wunderbare His Girl Friday, schon deshalb, weil der Film auf dem Theaterstück "The Front Page" basiert, in dem beide Hauptcharaktere Männer und Kollegen sind, kein Paar. Ebenfalls landläufig dazu gezählt, aber eigentlich keine Screwball-Comedy ist Holiday, ein Liebesfilm, in dem der Held sich zuerst in die falsche Schwester verliebt und später in der anderen die wahre Liebe findet: ein wundervoller Film, aber mehr romantisch als komisch.

Ein Film, der man jedoch unbedingt dem Genre zurechnen muß, findet sich leider weder im Programm der derzeitigen Retrospektive noch in den üblichen Aufzählungen. Dabei zählt er zu den besten Vertretern: William Keighleys "The Bride Came C.O.D." von 1941. Die Geschichte rund um den Charter-Piloten Steve Collins, der Millionärstöchterlein Joan im Auftrag ihres Vaters entführen soll, um sie an einer Blitzhochzeit mit einem Musiker zu hindern, ist nicht nur höllisch komisch, sondern hat auch eine ungewöhnliche Besetzung anzubieten, die im Hinblick auf den "Kampf der Geschlechter" alle anderen Proponenten von Katherine Hepburn über Myrna Loy bis Cary Grant in den Schatten stellt: Bette Davis und James Cagney. Explosiver geht´s nicht!

Sollte Ihnen der nötige Motivationsschub fehlen, um sich diese und andere Genrejuwelen auf DVD zu besorgen, dann sagen Sie am besten sämtliche Termine in den nächsten Wochen ab und verbringen Sie ihre Zeit lieber im dunklen Kinosaal. Ob Screwball oder nicht: Soviel geballten Charme und Witz bekommt man heute nur mehr selten auf der großen Leinwand zu sehen ...

 

"And after you shot your husband... how did you feel?"

"Hungry!"

("Adam´s Rib")

Vivien Bronner

Screwball Comedy im Filmmuseum

(Photos © Österreichisches Filmmuseum)


Wann? Von 1. 12. 2008 bis 7.  1. 2009

Wo? Augustinerstraße 1, 1010 Wien (im Gebäude der Albertina)

Links:

Kommentare_

Thomas Fröhlich - 11.12.2008 : 12.30
Ja, diese wunderbare Retrospektive sollte man sich nicht entgehen lassen. Hingehen, sich freuen über Komödien, die noch nicht ausschließlich für minderjährige, lobotomisierte Analphabeten gedreht wurden, und danach trauern ob dessen, was heute (grad aus den US of A) so alles als "lustig" gilt.
Comedy - 01.01.2009 : 23.37
das ganz guter film.
cp - 02.01.2009 : 20.14
das ganz toller kommentar.

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