Platten_PopRockRotation: Unheilige Girls

Unheilige Girls

Da verschwischt dem Gothic der Eyeliner vor Freudentränen: Girls Under Glass, Umbra et Imago und Unheilig beschenken uns mit neuen Veröffentlichungen.    22.01.2005

Die sogenannte Alternative-Szene ist heute unterschiedlicher denn je. Von Pop über metallene Klänge könnte man bereits alles als alternativ bezeichnen, während TV-gecastete Bands mit alten Alternative-Sounds die Hitparaden stürmen oder seltsame Kollaborate wie Nu Pagadi von den Pro7-Popstars auf harte Gitarren und Düsternis á la Gothrock/Metal setzen.

Auch innerhalb der Musikstile und Szenen kam es in den letzten Jahren zu einem Crossover. Bestes Beispiel dafür sind die Hamburger Girls Under Glass, seit jeher eine Institution der europäischen Gothic-Wave-Szene. Zahlreiche Alben gehen auf ihr Konto, deren Abwechslungsreichtum Fans von Metal, Elektro oder Pop anspricht. Vor allem Gefühl und Atmosphäre stehen bei den Hamburgern seit ihrer Gründung im Jahr 1986 im Vordergrund, was auf ihrem neuen Album "Zyklus" nicht anders ist.

Als Vorbote erschien bereits die Single "Ohne Dich", die gemeinsam mit Peter Spilles, dem Sänger der Kultband Project Pitchfork, aufgenommen wurde.

 

Ganz andere Emotionen schürt Mozart seit 1991, der mit seinen Umbra et Imago die Öffentlichkeit verstört. Schließlich ist das Aushängeschild seiner Band die Sexualität, die nicht nur Dreh- und Angelpunkt unseres Seins sein soll, sondern ganz eindeutig ein Eckpfeiler von Umbra et Imagos Schaffen. Das brachte Anfeindungen mit sich, sowohl aus der Gothic-Szene selbst, als auch von Presse und Kritikern. Natürlich folgten Auftrittsverbote, doch solche Ablehnungen haben noch nie einer Band geschadet, sondern statt dessen immer für den nötigen Popularitätsschub gesorgt. Immer größer werdende Toleranz und Fans wie die Boxweltmeisterin Regina Halmich machten letztlich die S/M-Phantasien von Mozart salonfähig.

Nach 15 Jahren veröffentlicht die Band nun eine Art Best Of mit dem Titel "Motus Amini", wo sie ihre Stücke remixen lassen oder selbst Hand an Tracks von Kollegen legen. Und wer die verbotenen Früchte von Umbra et Imago kennt, der weiß, daß stets die am besten geschmeckt haben, die in Kooperation entstanden sind.

 

Ganz und gar nicht so unheilig wie Umbra et Imago ist die Band des "Grafen", obwohl sie so heißt: Unheilig. Für Aufsehen sorgte der Graf 1999 gemeinsam mit dem Songwriter Grant Stevens und dem Hit-Produzenten Jose Alvarez-Brill (Wolfsheim, De/Vision) mit der Single "Sage Ja". Auf Anhieb schaffte der Song den Sprung in die DAC Charts und wurde einer der deutschen Szene-Clubhits. Februar 2001 folgte das Debütalbum "Phosphor" und spätestens seit der 2004er Veröffentlichung "Zelluloid" ist die Band um den charismatischen Grafen zumindest jedem Gothic ein Begriff. Die elektro-rockigen Songs sind facettenreich und schaffen es, sowohl tanzbar als auch balladesk oder einfach nur geradlinig rockig zu sein.

Jetzt folgt der nächste Streich des Grafen: durch die Doppel-CD "Gastspiel" will der blaublütige Künstler einen Eindruck von dem vermitteln, was sich während der letzten Tournee in den Clubs abgespielt hat. Das Resultat ist ein einnehmendes Livealbum.

Milan Knezevic

Girls Under Glass - Zyklus

ØØ 1/2


Dependent/Mindbase/Alive

(D/31. 1. 2005)

 

Etwas zäh startet "Zyklus", die erste Platte der Hamburger Electro-Gothrocker Girls Under Glass seit vier Jahren. Nachdem es "In die Einsamkeit" gegangen ist, erweist sich auch das folgende "Touch Me" als zahnlos und fade. Ein Refrain mit gelungenen Ansätzen ist da, aber er mag sich nicht so recht entfalten. Erst mit "Ohne Dich" bricht der Glaskäfig auf und die Girls stürmen Hand in Hand mit Project Pitchfork-Mann Peter Spilles hervor. Mit einem hypnotischen Beat, gepaart mit einem einprägsamen Refrain, wandeln die Girls auf dem Spuren von Oomph!s "Augen auf", ohne dabei in deren seichten Gewässern zu stranden. Danach verfallen die Hamburger wieder in einen elektronischen Gothic mit dezenten Gitarren, der in Richtung Synth-Poprock geht und sich mehr zum Chillen und Träumen eignet. Für etwas Abwechslung sorgen schließlich "Love Is In My World" und der von verzerrten Gitarren getragene "Feuerengel".

 

Links:

Umbra et Imago - Motus Amini

ØØØØ


Spirit Prod/Indigo

(D/24. 1. 2004)

 

Umbra et Imago, die Sado-Maso-Band der Gothic-Szene um Sänger Mozart, hat ihr Hauptaugenmerk seit jeher auf die S/M-Bühnenshow gerichtet, wobei - so die Kritik - die Musik ins Hintertreffen gerät. Setzt man sich jedoch wirklich nur mit den Songs statt mit nackerten Mädels auseinander, kann aus Umbra et Imagos Musik allerhand herausgeholt werden. So geschehen auf "Motus Amini", das neben neuen Songs Remixe von verschiedenen Umbra-Titeln enthält. Mozart überließ seine Tracks anderen Künstlern - das Ergebnis ist auch für Gegner der Band durchwegs hörbar! Brachial-Elektroniker Wumpscut remixte das von Wolfsheim-Stimme Peter Heppner gesungene "Hörst Du mein Rufen" ebenso wie die Durchstarter von 2004 Retrocis. Liv Kristine nahm sich mit ihren Leaves Eyes "Ein letztes Mal" vor, ASP "Sweet Gwendoline" und im Gegenzug überarbeiteten Umbra et Imago das ASP-Stück "Kokon".

Viele Köche mögen den Brei verderben, aus Umbra-Tracks machen sie jedoch eine Novelle cuisine des Goth(-Rock)s.

 

Links:

Unheilig - Gastspiel

ØØØØ


Soulfood/Sony

(D/31. 1. 2005)

 

Der Graf lud ein und sie kamen. So geschehen letztes Jahr auf der Tour von Unheilig durch die deutschen Landen. Sie kamen und wurden erfüllt von Klängen aus Gitarren und sphärischer Synth-Elektronik, einer Musik, die an Rammstein erinnert, aber nicht so brachial und oberflächlich, sondern voller Emotionen ist. Kein Wunder, daß der Graf die Gäste in seinen Konzerten zu Träumern und Kämpfern machte, sie als "Schutzengel" mit seiner angenehmen tiefen Stimme "Willst Du mich" fragte und sich "Auf zum Mond" machte. Er sagte ihnen, was "Freiheit" bedeutet und wie kalt ein "Herz aus Eis" sein kann.

Mit "Gastspiel" zeigt sich der Graf auch jenen gegenüber gnädig, die seiner Einladung zu den Konzerten nicht folgten. Er schenkt ihnen nämlich eine Live-Doppel-CD, die sich einerseits auf das Konzert mit elf, andererseits auf die Zugaben mit sechs Tracks aufteilt.

 

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