Editorial_21. 5. 2009

EU goes Pop

Um die jugendliche Wählerschaft anzusprechen, arbeiten Vertrottler - Entschuldigung, Vertreter - aller Parteien mit waaahnsinnig witzigen Werbetricks aus der Popkultur. Motto: Wenn man in der EU schon nichts zu sagen hat, dann bitte so laut und dumm wie möglich.    27.05.2009

Sie haben sicher schon davon gehört - oder ihn sogar auf YouTube gesehen: den Horror-Videoclip der EU. Klar, ist man versucht zu sagen, was kommt denn bezüglich EU auch anderes in Frage als Horror? Doch das griffe viel zu kurz. Vielmehr geht es um folgendes: Eine sehr junge und sehr blonde Frau stürmt schreiend in ein Wahllokal. Zeigt ihren Paß vor. Schreit weiter. Geht an die Urne. Schreit weiter. Gibt ihre Stimme ab. Schreit weiter. Und stürmt raus aus dem Lokal, in dem sich unterdessen ihr Verfolger, der kanonisierte Hockeymaskenträger mit schnittfreudigem Utensil in der Rechten, eingefunden hat. Auch er will wählen! Und wieder einmal ist Freitag, der 13. Oder so.

Was uns die ehemalige Kohlenunion damit sagen will? Daß die EU zum Schreien ist? Daß das blonde Dummchen das offizielle Frauenbild der Europa-Verantwortlichen darstellt? Daß die Axt im Wahllokal eine mögliche Option der freien und geheimen Meinungsäußerung darstellt?

Mitnichten. Die Wahrheit ist viel schlimmer: EU goes Pop. Weil, wie wir alle wissen: Die ach so megacoolen Youth-Voters (sowie deren Erziehungsberechtigte, die "Junggebliebenen") lassen sich nur mit subtilen, popkulturell abgeschmeckten Clips an die Urnen bringen: "There´s always time to vote" - so lautet die voll krasse Botschaft. Und alle, alle schließen sich an.

Sehen wir uns doch einmal in Österreich um. Da haben wir gleich einmal die Grünen. Die standen irgendwann einmal für irgendwas. Ist aber lange her, und keiner kann sich mehr so genau erinnern. Nun ziehen sie mit an Pogues-Covers der 80er gemahnendem Fahnengeschwenke, das seinerseits auf bildgewordenen Szenen aus der Französischen Revolution basiert, in die Plakatschlacht. Der Erstentwurf mit dem James-Bond-Sujet (Lunacek im Pistolenlauf) wurde ja ad acta gelegt - wahrscheinlich (zu Recht) auf Geheiß von Barbara Broccoli (oder doch Ernst Stavro Blofeld); aber vielleicht war das eh nie ernst gemeint oder gar eine Parodie.

Oder die Roten: Da verheißt der Herr Svoboda ein "A-Team" für Europa. Doch in Ermangelung eines George Peppard oder Mr. T darf man die berechtigte Frage stellen, was das A eigentlich bedeuten soll? Ist es etwa gar eine Abkürzung? Ich weiß, was Sie jetzt denken, aber DAS kann doch nicht gemeint sein.

Da lob´ ich mir doch die Schwarzen! Da die aus Tradition popresistent sind, dürfen wir die Konterfeis der Herren Karas und Strasser ohne unterhaltungsindustriereferenzielles Augenzwinkern genießen. Könnte ersterer ob seiner umfassenden Unauffälligkeit jedoch jederzeit - auch ohne Maske oder CGI-Unterstützung - als "Unsichtbarer" durchgehen, so darf man letzterem wenigstens den verhaltenskreativen Umgang mit den sogenannten Neuen Medien (Stichwort: E-Mails) zugestehen.

Auf blauer Seite wiederum läßt man den Welterfolg des Rappers HC Strache in die nächste Runde gehen: Wunderbare Old-School-Rhymes wie "Abendland in Christenhand" erobern die Herzen der Generation Poetry Slam. Like Aufklärung never happened - was aber den Unterhaltungswert in keiner Weise schmälert.

Auf der Orangenseite gibt "Heute-hier-morgen-da"-Parteienhopper Ewald Stadler den Unbestechlichen. Was Elliott Ness dazu meint, läßt sich schwer eruieren - wahrscheinlich rotiert er grad im Grab, der Humorlose. Und HP Martin ist und bleibt halt HP Martin: Sein Pop-Appeal ist nur für Menschen durchschaubar, die auch die "Krone" für eine geile Gazette halten.

Einzig die Kommunisten würden über eine jahrzehntelang gewachsene "natural born" Pop-Identität verfügen (Che Guevara, Jefferson Airplane) - aber ob die in Europa überhaupt noch vorhanden sind? Wohl eher als "hidden tracks" einer hohl tönenden Parteienlandschaft ohne Höhen, dafür aber mit jeder Menge Tiefen.

Was wir daraus lernen? Daß man vom völlig mißverstandenen Umgang mit Popkultur durchaus Rückschlüsse auf die Spin(n)-Doktoren dahinter ziehen kann. Und die Auftraggeber der Doktoren. Und die dahinter. Und ... und ... und ... Und trotz aller real existierender Tristesse auf eines hoffen darf: "The Times They Are-A Changing". Allerdings in der Watchmen-Version. Denn: "Keep repeating: it´s only a movie ...

Schön wär´s.

Die Polit-Clowns und ihre unfähigen PR-Berater sollten den Pop lieber denen überlassen, die etwas davon verstehen - zum Beispiel dem EVOLVER-Team. Das versorgt Sie auch diese Woche wieder mit Rezensionen, Stories und Kolumnen aus der weiten Welt der populären Kultur - und trägt sein Kreuz würdiger als so mancher Verteidiger des Abendlands.

 

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen

 

wünscht

Thomas Fröhlich (EVOLVER-Literaturredakteur und unverbesserlicher Dylanist)

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