Kino_Brokeback Mountain

Come to where the Love is

Eine ehrliche, schnörkellose Liebesgeschichte vor imposanter Kulisse ist in den USA der Aufreger des Jahres. Dabei greift Ang Lees Film nur die großen, ewigen Themen des Kinos auf.    08.03.2006

Die Aufregung war groß im prüden Mittleren Westen - dort, wo Cowboys noch echte Cowboys, Männer noch Männer und die Landschaften wild, rauh und unbebaut sind. Im idyllischen Wyoming, Dick Cheneys Heimatstaat, spielt Ang Lees mit Preisen überhäufte Liebesgeschichte zweier Cowboys, die an den Umständen einer bigotten, intoleranten Gemeinschaft zugrunde gehen. Das Vehikel, über das sich der Film zunächst definiert, ist die Sexualität seiner Protagonisten. Weil es halt zwei Männer sind, die hier gemeinsam nicht nur Schafe hüten, sorgte "Brokeback Mountain" für hitzige Diskussionen. Dabei variiert der Film im Grunde genommen nur das schon bei Shakespeare anzutreffende Thema einer nicht glücklich gelebten Liebe in einer für sie unglücklichen Zeit. Aber das tut er auf eine sehr beeindruckende Weise.

Ennis Del Mar (gut: Heath Ledger) und Jack Twist (besser: Jake Gyllenhaal) verbringen einen Sommer in der malerischen Gebirgslandschaft am Brokeback Mountain. Dort sollen sie für den cholerischen Joe Aguirre (Randy Quaid) dessen Schafsherde hüten. Die Zeit des Wartens und des Nichtstun versuchen sie sich mit dem Erleben dieser prachtvollen Natur zu verkürzen. Sie albern herum, gehen auf die Jagd, liegen einfach sorglos im satten Grün der Wiesen herum. Eines Nachts kommen sie sich näher, schlafen miteinander - eine Sache, die am nächsten Morgen erst einmal totgeschwiegen wird. "Ich bin nicht schwul", murmelt Ennis wie zur Selbstbestätigung in sich hinein.

Egal, es ist passiert. Und die Männer merken erst später, daß sie nicht nur diese eine Nacht im Zelt verbindet, sondern auch ein inniges Gefühl der Zuneigung. Das stürzt sie in eine tiefe Identitätskrise. Darf es so etwas überhaupt geben? Beide gehen nach diesem Sommer getrennte Wege, beide heiraten. Ennis lernt die sanfte Alma (Michelle Williams) kennen, Jack ehelicht Lureen (Anne Hathaway), die Tochter eines reichen Landmaschinenverkäufers. Es folgen Kinder. Als Jack Ennis mitteilt, daß er zurück in der Gegend sei, brechen die unterdrückten Gefühle in ihnen wieder auf.

 

Ein Unterschied zu großen Tragödien wie "Romeo & Julia" läßt sich bei "Brokeback Mountain" allerdings ausmachen. Es ist ein wichtiger Unterschied: Auch wenn letztlich beide Beziehungen an der Engstirnigkeit ihres jeweiligen Umfelds scheitern, kommt der Widerstand gegen eine Beziehung zunächst aus Ennis und Jack selbst. Vor allem der nach außen hart auftretende Ennis wehrt sich lange gegen die Tatsache, daß er Jack liebt und vermißt. Eigentlich akzeptiert er das erst, als es schon zu spät ist. Ein Grund ist wahrscheinlich seine Sozialisation als "Macho-Cowboy" mit einem traditionellen Rollenverständnis; da ist kein Platz für Schwäche und schon gar nicht für eine Liebe zu einem anderen Mann. Berühren können deshalb die Augenblicke, in denen sich Ennis in Jacks Arme fällen läßt und der ihn über die Wangen streichelt, als würde er ihm damit zu verstehen geben, daß es okay ist, auch einmal schwach zu sein.

Stark sind in "Brokeback Mountain" vor allem die Frauen. Alma weiß um das Geheimnis ihres Mannes. Dennoch erduldet sie ihr Schicksal mehrere Jahre, bevor sie endgültig die Scheidung einreicht. Sie fungiert für Ennis als seelische Müllkippe, auf die er allen Frust ablädt. Zu Unrecht - verurteilt sie sein Verhalten doch nicht, weil er sie mit einem Mann betrogen hat, sondern weil er sie überhaupt betrogen und hintergangen hat. Jacks Ehefrau hat sich scheinbar mit den Streifzügen ihres Mannes arrangiert. Solange das heimische Landmaschinengeschäft läuft und Jack als bester (und einziger) Verkäufer funktioniert, erhebt sie keine Anklage. Kompliment an Anne Hathaway und Michelle Williams! Zwar wird überall nur über Ledger und Gyllenhaal geschrieben, doch auch sie tragen zum Gelingen des Films bei. Mit unaufdringlichem und sehr nuanciertem Spiel, man denke da nur an Hathaways Blicke während des letzten Telefonats mit Ennis, gelingt es ihnen, Gefühle wie verletzten Stolz und ehrliche Trauer ohne lächerliches Overacting zu transportieren.

Von den schwelgerischen Bildern der grandiosen Kulisse, dem verträumten Score von Gustavo Santaolalla und den geschliffenen, unerwartet lakonischen Dialogen geht eine beinahe schon meditative Aura aus. Dem Fluß der Bilder und dem Sog der Story wird sich kaum jemand entziehen können. Das Drehbuch von Diana Ossana und Larry McMurtry trifft jeden Ton, wenngleich die vieldiskutierte Sexszene zwischen den beiden "Cuties" Gyllenhaal und Ledger im ungewöhnlich dunklen, schummrig ausgleuchteten Zelt anmutet, als sei sie exakt so einstudiert worden, damit auch latente Homophobiker nicht schreiend den Kinosaal verlassen müssen.

Der US-Taiwanese Ang Lee hat schon so viele beeindruckende Werke gedreht ("Ride with the Devil" als ein Beispiel für einen Film aus dem Western-Genre). Sie alle verbindet eine tiefe Sehnsucht ihrer Charaktere, das sein und leben zu dürfen, was sie in sich fühlen. Jack und Ennis, obwohl sie eine auf den ersten Blick sehr spezielle Beziehung führen, werden dabei zu einem Spiegelbild für alle Menschen, denen sich überkommene und übertriebene Moralvorstellungen in den Weg stellen. Das erklärt die Universalität der Geschichte und die große emotionale Schlagkraft von Lees Film. Hier ist es die Sexualität, in anderen Fällen Religion, Rasse, Alter oder Nationalität. Darüber hinwegzusehen, weil es schlichtweg egal ist, das ist die zeitlose Botschaft dieses Ausflugs in die Welt am Brokeback Mountain.

Marcus Wessel

Brokeback Mountain

ØØØØ


USA 2005

134 Min.

Regie: Ang Lee

Darsteller: Heath Ledger, Jake Gyllenhall, Ann Hathaway u. a.

 

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