Kino_Science Of Sleep

Daydream Believer

Being Michel Gondry: In seinem neuen Film entführt uns der französische Phantast ("Vergiß mein nicht!") erfolgreich ins Grenzland von Traum und Wirklichkeit.    29.09.2006

Daß Michel Gondry etwas "andere" Filme macht, ist spätestens seit "Vergiß mein nicht!" ("Eternal Sunshine of the Spotless Mind") kein Geheimnis mehr. Der aus der Ecke der Videokünstler stammende Franzose zelebriert auf der großen Leinwand seine ganz eigene farbenfrohe Mischung aus naiven Märchen und verwirrten (Tag)-Träumen. Letzteres verweist ohne Umwege auf seinen neuen Film "Science of Sleep".

Wer anders, wenn nicht Gondry, hätte sich eine solche Geschichte ausdenken können? Die Konfrontation steckt hierbei bereits im Titel. Mit wissenschaftlichen Methoden Träume entschlüsseln und vermessen zu wollen, um sie dann in ihre Fragmente zu zerlegen, das kann nicht funktionieren. Jedenfalls ist das die Antwort, die Gondry höchstwahrscheinlich in einem Aufsatz zu diesem Thema abgeben würde.

"Science of Sleep" kreist um die klassische "Junge trifft Mädchen"-Nummer. Der Junge, bei Gondry heißt er Stéphane (Gael Garcia Bernal), zieht nach dem Tod des Vaters zurück in die Nähe seiner Mutter (Miou-Miou). Wie praktisch, daß die in einem Mietshaus noch eine Wohnung für ihn übrig hat und ihn auch sogleich mit einem vermeintlich attraktiven Job-Angebot als Kalenderdesigner versorgen kann. Zufälle gibt es im Leben immer wieder - so auch bei Stéphane. Der für den Film entscheidende: In die Nachbarwohnung ist soeben eine junge, alleinstehende Künstlerin namens Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) eingezogen. Die beiden Kreativen sind einander von der ersten (eher unglücklich verlaufenden) Begegnung an sympathisch. Stéphanie hat ein Auge auf den verschrobenen Designer und selbsternannten Erfinder geworfen. Dumm nur, daß der sich eher eine Affäre mit ihrer Freundin Zoé (Emma de Caunes) wünscht.

Gondry konzipiert seine phantasiereiche Love-Story als Wechselspiel zwischen zwei Ebenen - Traum und Realität. Die Pointe liegt darin, daß beides zunehmend miteinander verschmilzt, sodaß mitunter auch der Zuschauer nicht sicher weiß, was tatsächlich real ist und was lediglich Stéphanes Unterbewußtsein entspringt. Erst wenn seine Hände um das Zehnfache anschwellen oder ein Stoffpony laut schnaufend durch das Bild galoppiert, kann man sich der Verortung der Szene sicher sein.

Im Verlauf der Handlung zieht diese Verzahnung manch unterhaltsame bis irrwitzige Konsequenz nach sich. Dazu kommt noch, daß die Träume in Stéphanes Alltag eingreifen, Dinge verändern und in andere Richtungen lenken. Die in unserer Ratio verwurzelte Dichotomie zwischen Gedanken- und Traumwelt scheint im surrealen Kosmos von "Science of Sleep" nicht länger zu gelten.

 

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher spürt man den Geist von Gondrys letztem Werk "Vergiß mein nicht!" Die gemeinsam mit Intellektuellen-Darling Charlie Kaufman erdachte philosophische Abhandlung über den Wert von Erinnerungen und das, was sie aus uns machen, führte den Zuschauer immer tiefer in alle möglichen und unmöglichen Gedankengebilde seiner Hauptfigur. Auch Stéphanes Seelenchaos und seine ambivalenten Gefühle für Stéphanie entladen sich in absurd überdrehten Traumkaskaden.

Wer Gondrys frühere Arbeiten für die extravagante Sängerin Björk kennt, den wird das verwendete Design in "Science of Sleep" unweigerlich an Videos wie "Army of Me" oder "Human Behaviour" erinnern. Die liebevoll im Stop-Motion-Verfahren animierten Hintergründe und Traumingredienzien sind neben dem erfrischenden Duo Bernal/Gainsbourg eine weitere Trumpfkarte des Films. Man hat das Gefühl, daß jederzeit das Sandmännchen die Bühne betreten könnte.

Der Film ist eigentlich zu charmant gemacht, um ihn nicht zu mögen. Dennoch lassen sich seine dramaturgischen Schwächen nicht wegdiskutieren. Es mag zwar der oftmals wirren Natur unserer nächtlichen Phantasien entsprechen, daß die Liebesgeschichte keine wirkliche Entwicklung nimmt, sondern im hübschen Bilderfluß ziellos umhertreibt; für unser Interesse an Stéphane und Stéphanie ist eine derartige Konstruktion aber nur wenig förderlich. Auch dürften die teils schlichtweg albernen Einfälle der beiden Königskinder selbst Amélie-Liebhabern manchmal des Guten zu viel sein. Erwachsenem Menschen dabei zuzusehen, wie sich gegenseitig ankichern, während sie selbstgebastelte Hüte tragen, erfordert vom Zuschauer einiges an Toleranz und guten Willen.

Weil es jedoch Gondry ist, der mit seinen Filmen stets den Rahmen unserer Sehgewohnheiten sprengt, sind wir vielleicht auch mit "Science of Sleep" etwas nachsichtiger, als wir es sein sollten.

Marcus Wessel

Science Of Sleep - Anleitung zum Träumen

ØØØ 1/2

(La Science des Rêves)


F 2005

105 Min.

OmU und dt. Fassung

Regie: Michel Gondry

Darsteller: Gaël Garcia Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat u. a.

 

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