Kino_Stirb langsam 4.0

Randalierer der alten Schule

Das Warten hat ein Ende: John McClane is back! Zum nunmehr vierten Mal läßt sich der - inzwischen nicht mehr ganz taufrische - New Yorker Bulle auf einen Wickel mit goscherten Gangstern ein. Und macht dabei gar keine schlechte Figur.    28.06.2007

In Hollywoods Gerüchteküche hatte es ja schon einige Jahre vor sich hingebrodelt: Da war von Harrison Ford die Rede, der noch ein letztes Mal den legendären Indiana Jones geben sollte. Oder von Sylvester Stallone, der auch im neuen Jahrtausend als Einmannkampfmaschine John Rambo für etwas gepflegten rumble in the jungle sorgen wollte. Während sich Actionfans ab dreißig schon beim Gedanken an ein solches Mahl gierig die Lippen leckten, tat sich so mancher jugendliche Komatrinker schwer damit, einen Ford Fiesta von einem Harrison zu unterscheiden.

Mittlerweile hat sich die Filmfabrik der Superlative entschlossen, die Träume des analogen Kino-Fans wahr werden zu lassen. Die Gründe für die Verzögerung auf dem 80er- und 90er-Actionkracher-Sektor waren laut Produzentengeschwafel ein Mangel an guten Drehbüchern und Entschlußfreude der alternden Stars. In Wahrheit aber mußten sich selbst die findigsten Geldgeber der Filmindustrie eingestehen, daß man im Jenseits keine Drehgenehmigung bekommt und ein Held aus Fleisch und Blut noch immer mehr Menschen ins Kino lockt als ein animierter 3D-Kasperl.

 

Den Anfang der längst überfälligen Reanimationsreihe aus den Häusern 20th Century Fox und Co. bestreitet kein Geringerer als der ewig ramponierte John McClane alias Bruce Willis. Im vierten Teil der "Stirb langsam"-Serie soll John zu Beginn einen scheinbar simplen Auftrag übernehmen: Die Polizeizentrale fordert einen erfahrenen Detective an, um einen Hacker zu verhaften. Widerwillig nimmt der zerknautschte Bulle an und begibt sich zur Wohnung des Computerfreaks. Dort überschlagen sich die Ereignisse: Cyber-Terroristen mit sehr echten Waffen haben es auf den Netzverbrecher abgesehen - und McClane landet wieder einmal mitten im Mündungsfeuer, das er gar nicht selbst entzündet hat.

Eine Verfolgungsjagd durch den Big Apple beginnt. Die Jäger: freche Kerle mit Hubschraubern und automatischen Maschinengewehren. Die Beute: ein Nerd und ... McClane. Der hat natürlich schnell die Schnauze voll, nimmt die Attacke persönlich und beschützt seinen jungen Gefolgsmann. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder Rotzer, der weiß, was ein USB-Anschluß ist, schon glaubt, er könne brave Großstadtbürger und einen glatzköpfigen Kieberer in Angst und Schrecken versetzen?

Genau: Wir kommen in eine wilde Verschwörungsgeschichte, in der ein Psychopath namens Thomas Gabriel, verschmähter Programmierer des Pentagon, mit Hilfe diverser High-Tech-Gerätschaften und einer Hand voll abenteuerlustiger Mannen nach und nach die Infrastruktur des Landes zerstört: Die Internet-Gauner übernehmen das Ruder und beginnen Ampeln nach Lust und Laune zu schalten, was zu einem Verkehrschaos der Extraklasse führt. Anschließend wird der Strom abgeschaltet, das Fernsehen gekapert und und und ...

Es scheint, als hätten die vermeintlichen Terroristen die Regierung in ihren Händen. Und das just am 4.Juli, dem Unabhängigkeitstag. Unabhängig von all dem neumodischen Firlefanz ist nur einer: der zerkratzte, alte John McClane. Ganz ohne Auto, Strom und Handynetz kämpft er sich durch das hysterische New York und ist sauer. Mächtig sauer.

 

1988 war´s, als ein damals noch relativ unbekannter 33jähriger Schauspieler namens Bruce Willis im Alleingang gegen mehrere Schurken in einem Hochhaus antrat. Unter der Regie John McTiernans ("Predator", "Last Action Hero") avancierte die Figur John McClanes rasch zum Archetypen des neuen Action-Kinos: Ein verwundbarer, einfacher Mann von der Straße mit schrägem Sinn für Humor ("Yippee-ki-yay, motherfucker!"), einer geladenen Kanone und ausgeprägtem Hang zur Brutalität war geboren.

Er war ein Einzelkämpfer, der sich auch 1990, als Renny Harlin ("Cliffhanger", "Tödliche Weihnachten") den Ton angab, hartnäckig weigerte, auf einem Flughafen zu sterben - schon gar nicht langsam. Fünf Jahre später befand sich Willis, erneut unter der Leitung McTiernans, neben Co-Stars wie Samuel L. Jackson und Jeremy Irons zum dritten Mal in der Bredouille. Nicht mehr ganz unbeteiligt - hatte McClane doch dem Bruder des Bösewichts in Teil eins sieben Jahre zuvor im Wolkenkratzer den Garaus gemacht.

 

Mit Len Wiseman, der mit "Underworld" sein - zumindest visuell - gelungenes Regiedebüt ablieferte, haben die Studiobosse schließlich einen würdigen Nachfolger für die heikle Aufgabe gefunden, den traditionsreichen Stoff ohne Peinlichkeiten fortzuführen.

Der 34jährige Filmemacher setzt bei seiner Variante des "Die Hard"-Themas auf ultraschnelle Schnitte, echte Autos, die in echte Hubschrauber krachen, und natürlich den Charme von Hauptdarsteller Bruce Willis. Der ließ nämlich Wiseman schon in jungen Jahren mit seinen Tips am Set in den Genuß der alten Schule kommen.

Hoffen wir also, daß nach mehrmaligem Bekleckern des Feinripp-Unterleiberls vorm Fernseher nicht nur eine verschwommene Erinnerung an das Markenzeichen des Helden aus dem Jahre Schnee zurückbleibt, sondern uns - solange Bruce "Schweinebacke" krächzen kann - noch weitere Gänge dieses vorzüglichen Action-Menüs serviert werden.

Denn: "Wo ein Willis, da ein Weg" (alte Action-Haudegenweisheit).

Nikolaus Triantafyllidis

Stirb langsam 4.0

ØØØØØ

(Live Free Or Die Hard)


USA 2007

130 Min.

Regie: Len Wiseman

Darsteller: Bruce Willis, Timothy Olyphant, Maggie Q u. a.

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Kommentare_

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Frankie-Hobitt-Reimer - 16.08.2007 : 19.54
Grossartiges Kommentar von Herrn Niki, der Film ist nämlich einfach Atemberaubend und diese Kritik bringst einfach auf den Punkt: Wo ein Wiilis da ein Weg!!! Genial...

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