Kino_The Good German

Täuschung in Trümmern

Steven Soderberghs stargespicktes Noir-Melodram nähert sich über die Ästhetik eines 40er-Jahre-Hollywood-Films politisch wie moralisch brisanten Themen.    28.02.2007

1945. Der Krieg in Europa ist gerade zu Ende, weite Teile Deutschlands liegen in Schutt und Asche. So auch die Hauptstadt, die von den Siegermächten in unterschiedliche Sektoren aufgeteilt wird. Der amerikanische Kriegskorrespondent Jake Geismer (George Clooney) kommt nach Berlin, um über die anstehende Potsdamer Friedenskonferenz zu berichten, wo Churchill, Truman und Stalin über die Zukunft Deutschlands beraten wollen. Jake kennt die Stadt bereits, da er vor dem Krieg dort ein Nachrichtenbüro leitete. Als er wegmußte, hat er sein Herz und seine Liebe zurückgelassen. Lena Brandt (Cate Blanchett) heißt die Frau, an die Jake wieder erinnert wird, als er durch die Trümmer und Ruinen der zerbombten Stadt fährt.

Ein Zufall soll dafür sorgen, daß sich Jakes und Lenas Wege nach so vielen Jahren wieder kreuzen. Es ist der Jake zur Seite gestellte Fahrer Corporal Tully (Tobey Maguire), der beide wieder zusammenbringt. Eigentlich ist Lena seine Freundin, doch wirklich gut behandelt er sie nicht. Als er eines Nachts mit 100.000 Mark in der Tasche und einer Kugel im Rücken im russischen Sektor tot aufgefunden wird, weckt das Jakes journalistische Neugier. Bei seinen Nachforschungen stößt er bei den offiziellen Stellen nicht nur auf eine Mauer des Schweigens, sondern es scheint auch so, daß Lena in die Mordsache verwickelt ist.

 

Das Offensichtlichste an Steven Soderberghs Regiearbeit ist die ganz im Stile der alten, klassischen Hollywood-Noirs der 40er und 50er Jahre gehaltene Optik. Man kann es niemandem übelnehmen, wenn Rezensionen über "The Good German" schnell in ein direktes Duell zwischen "Casablanca", "Der dritte Mann" & Co. und dem "neuen Soderbergh" ausarten. Ein Großteil der eher negativen Meinungen zum Film dürfte aus dieser Gegenüberstellung resultieren, die Soderbergh - das war eigentlich schon im Vorfeld klar - nur schwer für sich entscheiden kann.

Dabei war es keineswegs die Absicht des Regisseurs, seinen historisierten Film auch auf einer inhaltlichen Ebene mit den berühmten stilgebenden Vorbildern vergleichen zu lassen. Ihm ging es vielmehr darum, die damalige Ästhetik zu nutzen, um eine sehr moderne Geschichte über die Moral und die schwierigen Entscheidungen in Zeiten des Krieges zu erzählen. Basierend auf dem Roman von Joseph Kanon ("In den Ruinen von Berlin") legt "The Good German" den Finger tief in die Wunde zwischen Anspruch und Wirklichkeit; zwischen dem, was Menschen vorgeben zu sein, und dem, wonach sie in Wahrheit handeln, ja handeln müssen.

In einer Szene antwortet Lena auf Jakes Frage nach ihrer Vergangenheit: "Ich habe überlebt." Erst am Ende, in einem Finale, das mehr als nur einen Hauch von Bogart und Bergman atmet, wird sie ihm sagen, was diese drei Worte tatsächlich zu bedeuten haben. Es ist zugleich das emotionale Crescendo von Soderberghs Noir-Hommage, das - unterlegt von Thomas Newmans gewaltigem, Oscar-nominierten Score - in einer Totalen mit dem typischen Schriftzug "The End" aufgelöst wird. Als Zuschauer wird man überrannt von soviel Wahrheit, weil sie die bittere Erkenntnis beinhaltet, daß sich niemand der eigenen Moral wirklich sicher sein kann, wenn sich die Umstände gegen einen wenden. Das mag Lenas Taten nicht entschuldigen, aber zumindest kann es sie erklären.

 

Soderberghs Perfektionismus macht sich in vielen Details und Gimmicks bemerkbar. Neben der detailgetreuen Ausstattung und Set-Dekoration ("The Good German" wurde kurioserweise ausschließlich in den USA und dort zumeist in den Kulissen eines Filmstudios gedreht) nutzte der in vielen Genres erprobte Filmemacher Elemente wie unbeschichtete Linsen und Objektive, Reißschwenks bei den Szenenübergänge und Rückprojektionen für die Hintergründe. Für letztere wurde auf Archivmaterial und Aufnahmen von William Wyler und Billy Wilder zurückgegriffen, die unmittelbar nach Kriegsende in Berlin drehten. Sogar die Schauspieler wurden auf das alte Schwarzweißkino gebrieft: Blanchett, Clooney und Maguire mußten sich den Habitus der alten Filmhelden antrainieren. Gilt heute die Maxime, Emphase und Overacting möglichst zu vermeiden, so gingen die Stars der 40er Jahre viel stärker aus sich heraus. Besonders Cate Blanchett scheint hieran Gefallen gefunden zu haben. Sie gibt die Diva und Femme fatale, wie es auch eine Bacall nicht überzeugender könnte.

Die Verpackung ist jedoch nur ein Aspekt an "The Good German". Das, was Soderbergh darin eingetütet hat, läßt sich als zumeist spannende Mixtur aus Noir-Krimi und Liebes-Melodram umreißen. Geschickt wechselt der Film mehrmals die Perspektive. Zunächst begleiten wir Tully, dann Jake, zum Ende hin Lena. In jeweils eigenen Voice-over-Passagen reflektieren die Charaktere über ihr Handeln und ihre Situation. Wir sind so ganz nah bei Jake und Lena, bei dem, was einerseits unausgesprochen zwischen ihnen steht, und dem, was sie verbindet. Das schafft eine Intimität, die anderweitig nur schwer zu erreichen wäre. Zu sehr besteht bei einem Film wie "The Good German" die Gefahr, durch die Schauwerte abgelenkt zu werden.

Auch wenn nicht jedes Kalkül aufgeht - die politische Dimension der Geschichte hätte deutlich mehr Biß vertragen können, gerade weil sie etwas Zeitloses besitzt - muß man Soderberghs Chuzpe bewundern, große Stars einmal mehr abseits des Mainstreams für einen durchaus unbequemen Stoff einzusetzen. Sein Film beleuchtet genau jenen Moment, in dem ein Mensch bereit ist, sogar einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, ganz egal, was der verlangt. Man zahlt, um zu überleben. Lena wird es am besten wissen.

Marcus Wessel

The Good German

ØØØØ


USA 2007

105 Min.

Regie: Steven Soderbergh

Darsteller: George Clooney, Cate Blanchett, Tobey Maguire u. a.

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Kommentare_

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Gerhard - 28.02.2007 : 11.45
das heurige kinojahr fängt ja wirklich gut an - danke für diese gute kritik!

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