Musik_Martin Siewert - No Need to Be Lonesome

Improvisation goes Pop

Das Entspannte kennt man bei CDs, die aus der Wiener Elektronikszene kommen. Diese hier erfüllt aber fast schon klassische Ambient-Kriterien...    02.06.2004

Der deutsche Musiker und Komponist Martin Siewert lebt seit einigen Jahren in Wien und ist aus der hiesigen Improvisations- und Experimentalszene nicht mehr wegzudenken. Mit seinen beiden Bands Efzeg und Trapist absolvierte er unzählige Konzerte im In- und Ausland; außerdem arbeitete er unter anderem mit Kollegen wie Christian Fennesz, Kevin Drumm, Didi Bruckmayr oder Sainkho Namtchylak zusammen.

Nun erscheint auf dem ausgezeichneten Wiener Label Mosz seine erste Solo-CD, bei der ebenfalls hochkarätige Namen als Gäste mitwirken: Patrick Pulsinger, Tony Buck und Werner Dafeldecker sind nur einige, die sich auf "No Need to Be Lonesome" ein Stelldichein geben.

Der auffallendste Unterschied zu Siewerts bisherigen Arbeiten ist die Tatsache, daß er sich auf diesem Album nicht davor scheut, melodiös und eingängig zu klingen. Die fünf Stücke sind allesamt an oder über zehn Minuten lang und basieren auf dezent rhythmischen Strukturen, die man mit ein wenig gutem Willen schon fast als Pop-tauglich bezeichnen könnte. Siewert groovt, zirpt und plätschert mit einer Entspanntheit dahin, wie man sie von frühen Autechre-Alben kennt und schätzt. Allerdings klingt er dabei weniger verschroben und konzentriert sich mehr auf lineare Abläufe, die seine Stücke sehr homogen und ausgewogen gestalten.

Zwischen die Beats schiebt er Fennesz-artige Ambient-Passagen, die aber nie zu bloßen Lückenfüllern und Übergängen zwischen den einzelnen Nummern mutieren. Trotzdem vermißt man an manchen Stellen ein wenig die Kanten und Ecken, die die Aufmerksamkeit des Hörers gefangennehmen könnten, denn die Musik schlittert nach einiger Zeit in den Hintergrund der Wahrnehmung und fügt sich dort in die Atmosphäre des Raumes ein. Falls Siewert damit Brian Enos Definition von Ambient Music entsprechen wollte, so erfüllt er dessen Kriterien zu 100 Prozent. Der "Godfather of Electronics" verlangt von einer Ambient-Komposition nämlich, daß sie aus dem Bewußtsein des Hörers in das Unbewußte übergeht und dort zu einem Teil der unmittelbaren Umwelt wird. Vielleicht hat Martin Siewert aber auch nur etwas zu viel von seiner sonstigen Arbeitsweise aufgegeben und zu tief in den Topf des Gefälligen gegriffen.

Insgesamt bleibt "No Need to Be Lonesome" jedenfalls ein durchaus gelungenes Album, das die Vorfreude auf weitere Mosz-Veröffentlichungen steigert. Dort stehen in nächster Zeit nämlich die lang erwartete Debüt-CD von Metalycee sowie ein Album voll neuer Kompositionen des Soundkünstlers Peter Szely an. Und was man von diesen Platten bisher hören durfte, klang äußerst vielversprechend.

Walter Robotka

Martin Siewert - No Need to Be Lonesome

ØØØ


Mosz (Ö 2004)

 

erhältlich bei Mord + Musik

 

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