Print_Com. James Barrington - Operation Overkill

Countdown läuft

Araber, Russen und jede Menge Neutronenbomben, vermengt zu einem heißen Süppchen, an dem der Westen sich den Mund verbrennen soll: It´s Polit-Action-Thriller-Time!    13.09.2004

Autoren von Agenten- und Militär-Thrillern sprießen in den letzten Jahren geradezu aus dem Boden. Jeder zweite Journalist oder ehemalige Soldat wirft den Computer an und schlachtet seine Erlebnisse in diversen Kämpfen und Kriegen in Form voluminöser Romane aus, die von den Verlagen dann gern mit Attributen wie "authentisch" oder "von einem Insider geschrieben" vermarktet werden. Nicht alles davon ist Mist, aber vieles kommt ideologisch eher fragwürdig daher. Nun ja, linksliberales Gedankengut darf man von ehemaligen Angehörigen des Militärs vermutlich ohnehin nicht erwarten.

Nach Andy McNab (der, so nebenbei, mit Abstand der beste dieser Soldatenschreiber ist), Chris Ryan, Geoffrey Archer und wie sie alle heißen, wechselte jetzt ein weiterer Exkrieger die Branche und versucht sich als Autor. Hinter dem Pseudonym "Commander James Barrington" verbirgt sich ein ehemaliger Hubschrauberpilot der Royal Navy, der später Geheimagent wurde. Sein Debütroman "Operation Overkill" fängt fulminant und vielversprechend an.

In kurzen, dichten Szenen werden drei Handlungsstränge etabliert: Eine Zelle der al-Qaida plant offensichtlich einen großen Anschlag im Westen und liquidiert auf äußerst brutale Weise gleich einmal einen vermeintlichen Verräter. Einige Jahre später soll der als Versicherungsmensch getarnte Geheimdienstmann Paul Richter den angeblichen Unfalltod eines Mitarbeiters der britischen Botschaft untersuchen und stellt fest, daß dieser Mitarbeiter erstens umgebracht wurde und zweitens jemand ganz anderer ist. Gleichzeitig photographiert ein amerikanisches Spionageflugzeug irgendwo in der russischen Tundra die Überreste einer Neutronenbombenexplosion und muß sich mit angreifenden MiGs herumschlagen, denen es mit knapper Not entkommt.

Ziemlich nüchtern, äußerst detailreich und manchmal eindeutig zu techniklastig schildert Barrington im folgenden, wie die diversen Geheimdienste versuchen, die Fäden zu entwirren und herauszufinden, wer eigentlich aus welchen Gründen hinter dem Ganzen steckt. Das funktioniert die ersten paar hundert Seiten erstaunlich gut. Barrington kennt sich aus, weiß, wovon er schreibt (hier kommt die obenzitierte Authentizität ins Spiel) und schafft es, trotz der wenigen Action-Szenen einen soliden Spannungsbogen zu konstruieren. Im letzten Drittel geht ihm allerdings ein bißchen die Luft aus, und wo die dramaturgischen Zügel schleifen, tritt die Ideologie aus dem Schatten und fordert lautstark ihr Recht auf freie, rechte Meinungsäußerung. Araber sind prinzipiell verdammt, wenn sie nicht gleich als Kameltreiber oder Schwarzärsche bezeichnet werden. Den bösen Russen kann man natürlich auch nicht trauen, zudem ist der abtrünnige Minister, der hinter dem Plan, die Weltherrschaft mittels strategisch plazierter Atombomben zu erringen (ja ja, mit Kleinigkeiten gibt sich Barrington nicht ab!), natürlich schwul und frönt in seiner Freizeit am liebsten dem Betrachten von Foltervideos. Gegen derlei Gesocks hilft nur eines, nämlich der nukleare Erstschlag. Schließlich mutiert auch noch der eigentlich recht sympathische - weil ungewohnt unheldenhaft dargestellte - Paul Richter im Laufe des Romans zu einem sadistischen Killer, der selbst dann nicht aufhören kann, als eigentlich schon alles vorbei ist.

So ist der Eindruck, den "Operation Overkill" hinterläßt, ein durchaus ambivalenter. Einem präzisen, angenehm zu lesenden Stil und einer temporeichen, wenngleich schwachsinnigen Geschichte stehen klischeehafte Feindbilder und eine ziemlich alttestamentarische Ideologie gegenüber. Zumindest einen Pluspunkt kann der Roman ganz gewiß verbuchen: Der 700-Seiten-Ziegel ist so schwer, daß man damit im Notfall einen Feind k. o. schlagen kann. Fazit: einmal Soldat, immer Soldat.

Jürgen Benvenuti

Commander James Barrington - Operation Overkill

ØØ 1/2

(Overkill)


Blanvalet (München 2004)

 

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