Print_Don Winslow - Tage der Toten

Allein gegen die Drogenmafia

Der neue Roman des Kaliforniers liest sich wie eine Mischung aus "Der Pate", "Good Fellas" und "Donnie Brasco", kurzum: wie ganz großes Kino!    22.10.2010

Das Jahr 1977: Art Keller, Vietnam-Veteran, ist als Fahnder für die DEA im Einsatz, die US-Antidrogenbehörde, für die er in San Diego gegen die weiße Flut aus Mexiko kämpft.

Doch die US-Behörden arbeiten träge und ohne den nötigen Biß. Also begibt sich Keller auf eigene Faust nach Mexiko, mischt sich unter die Bevölkerung, knüpft Kontakte. Auch zu Adán Barrera, mit dem er sich anfreundet. Dessen Onkel ist Miguel Ángel Barrera, Polizeioffizier und Leibwächter des Gouverneurs von Sinalao, einem kleinen Kaff auf der mexikanischen Seite der Grenze.

Miguel ist angetan von Kellers Einsatzbereitschaft. Gemeinsam gelingt es den beiden, mit Don Pedro den größten Drogenboß des Landes zur Strecke zu bringen. Doch die Freude über den Erfolg währt nicht lange, denn Miguel Barrera enthüllt sein wahres Gesicht: Er spielte ein doppeltes Spiel und trieb die Auslöschung von Don Pedro nur deshalb voran, weil er sich selbst an die Spitze aller Drogenkartelle hieven wollte.

Keller ist bitter enttäuscht und macht es sich fortan zur Aufgabe, den Barreras - seinen einstigen Freunden - ins Drogengeschäft zu pfuschen. Dieser beinahe aussichtslose Kampf währt ein Vierteljahrhundert, und eigentlich vernichtet Keller dabei nur eines: sich selbst.

 

Denn während man als Leser nun seine verbissene Bemühungen verfolgt, erlebt man zugleich den faszierenden und schockierenden Aufstieg der Barreras zum mächtigsten Drogenkartell. Man erhält Einblick in die Produktion, den Schmuggel an die US-Ostküste und nach Florida, von wo die Drogen bis an die Westküste nach New York verfrachtet werden, wo wiederum die Mafia-Clans ihre Reviere gegen die Mexikaner verteidigen. Man staunt über die Geldwäsche, die so einfach funktioniert. Und man erschrickt, wie sehr dabei Wirtschaft, Religion und Politik Hand in Hand gehen mit den vermeintlich Kriminellen, die letztlich keinen Deut krimineller sind als die, die sie bekämpfen: Denn selbst die DEA, die Geheimdienste, sogar der US-Präsident fördern die schmutzigen Geschäfte der mexikanischen Kartelle - mal im Kampf gegen die Sandinisten in Nicaragua, mal im Kampf gegen die Kommunisten in El Salvador.

Die Gleichung ist einfach: Geld (und Waffen, und Protektion beim Drogenhandel) gegen die "linke Gefahr".

Oder: Der Feind ist manchmal der beste Freund.

 

Noch schlimmer aber ist für Art Keller die Erkenntnis, daß er am Ende nicht besser ist als die, die er haßt und bekämpft: Für das Erreichen seines Ziels - das Ende der Barrera-Herrschaft - ist ihm irgendwann jedes Mittel, sogar jedes Opfer recht. Selbst die eigene Familie (Frau und Kinder, die er über alles liebt) zerbricht an seinem einsamen Kampf.

 

"Er weiß, daß ein Mensch, der stark genug ist, das Böse ins Rollen zu bringen, nicht stark genug sein muß, es zu stoppen. Daß es nicht leicht ist, sich des Bösen zu erwehren, daß es aber die schwerste Sache der Welt ist, sich dem Bösen entgegenzustellen. Sich einem Tsunami entgegenzuwerfen."

 

Am Ende stellt sich Keller die Frage: War es das wirklich wert?

Nun, eines lohnt sich ganz sicher: Diesen Roman zu lesen. "Tage der Toten" ist ein opulentes, glänzend recherchiertes, ja, ein grandioses Buch.

Marcel Feige

Don Winslow: Tage der Toten

ØØØØØ

The Power of the Dog

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Suhrkamp (D 2010)

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