Tief unten

Über die Bedeutung illustrer Wirtshausrunden wird in Österreich seit ein paar Jährchen ziemlich viel spekuliert - in erster Linie aber über deren unheilschwangere Funktion als Ort dumpf-politischer Meinungsbildung. Daß angeheitertes Schwadronieren aber auch ganz anders ablaufen kann, belegt Christian Futschers "Dialogroman".

Wollen wir gleich mal in medias res gehen, nämlich Christian Futschers "Soledad" auf den Inhalt hin abklopfen. Der ist schnell erzählt - einfach aus dem Grund, weil sich ein solcher nicht ausmachen läßt. Bei einigen werden da natürlich die Alarmglocken läuten, klingt das doch schauerlich nach anspruchsvoller Literatur. Sirenen abstellen, alles halb so wild, auch wenn storymäßig nichts passiert. Den Rahmen für die Abwicklung des Textes bildet der Dialog zweier - wie man bald mit Gewißheit feststellen kann - Männer, die ihren Urlaub irgendwo im Süden verbringen. Genaueres erfährt man nicht, was auch nicht von Belang ist, denn es reicht zu wissen, daß sich die beiden Herrschaften trinkenderweise gemütlich an einem Tisch eingerichtet haben. Und wer gern trinkt, sich nicht bewegt und sich auch sonst nicht viel um Raum und Zeit kümmert, redet umso lieber und mehr. Von dieser Tatsache wird der Leser eingehend überzeugt.

Was hier dahergeredet wird, entbehrt großteils jeglicher überschüssiger und überflüssiger Inhaltlichkeit. Es handelt sich mehr um ein ständiges Worte-im-Mund-verdrehen, ein heiteres bis gänzlich absurdes Phrasendreschen bis hin zur totalen Sinnlosigkeit. Von einigermaßen intellektuell bis beinahe unerträglich banal ist alles möglich, da hat sich der Autor keine Grenzen gesetzt. Als Gesprächsleiter hält der vielbesprochene Alkohol in Form gepreßter Reben her; der bestimmt, entsprechend der genußvoll vernichteten Menge, Sinn und Unsinn des Dialogs. Und dazu die drückende Hitze - die ja bekanntlich geil machen soll. Ein nicht zu unterschätzendes Problem und somit ausgiebiges Thema des quatschköpfigen Männerduetts. Über all dem schweben als treue Begleiter zahllose Engel, diese geflügelten Heilsbringer. Wohl gemäß dem vorangestellten Motto Flauberts, daß Literatur von irgendwas handeln muß: "ENGEL...Macht sich gut in der 'Liebe' und in der 'Literatur' ". Für einen gebürtigen Vorarlberger, der katholischen Enge des Ländle entflohen, wahrscheinlich ein nicht unerhebliches Kindheitstrauma. Da wundert´s auch gar nicht, wenn die Engel ob ihrer Flügel in einem Aufwischen mit dem Geflügel gepaart werden.

Aber in Wirklichkeit wollte man ja über die tragische Geschichte des Bruders von einem der Redner reden. Der ist nämlich schuld am Titel des Buches - "Soledad": zugleich eine wunderschöne spanische Frau und Insel. Doch, wie gesagt, man verfranst sich halt ein bißchen. Doch wer brav bis zum Schluß durchhält, wird mit der Auflösung belohnt.

Christian Futschers "Soledad", soviel läßt sich jedenfalls sagen, kann getrost in die gute Tradition der immer noch ganz passabel kultigen Wiener Gruppe (sie wissen schon: Konrad Bayer und andere schreibende Stammtischler) gestellt werden. Das betrifft nicht nur seine Vorliebe fürs literarische Grundmaterial Sprache und den experimentell-spielerischen, assoziativen Umgang mit derselben (Beispiel gefällig: "Ach, lass doch dieses ACHEN, setz ein L davor, so wie ich, hoho."). Sondern vor allem auch die eindeutige Neigung zum hochgeistigen - promillemäßig gesehen - Hintergrund, der dann das heiter-angeheiterte Palaver produziert. Denn getrunken haben die Autoren auf der Insel der Seligen immer schon ganz gerne. Und daß österreichische Literatur selten abstinent ist, weiß man spätestens seit Adalbert Stifter (ein Verehrer des roten Weines - Achtung: Rubrik unnützes Germanistenwissen).

Man kann Futscher natürlich auch unterstellen, daß er die hinterhältig-lauschende Rolle eines Wirtshaussoziologen übernimmt. Denn als Betreiber eines beliebten Stadtheurigen - einigen wird der sicher ein Begriff sein - braucht man nur große Ohren, um mehr Inspiriation zu vernehmen, als einem lieb sein mag. Was jetzt aber nicht heißen soll, daß jeder Stammtischrülpser gleich als Literatur durchgehen darf. Denn darum handelt es sich ja doch bei "Soledad", auch wenn der Dialog der beiden maritimen Trinker wie jedes b´soffene Gespräch so seine Höhen und Tiefen hat, manchmal heiter, manchmal unerträglich, um nicht zu sagen quälend. Wie im wirklichen Leben halt.

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Über den Autor:
Christian Futscher wurde 1960 in Feldkirch geboren, hat Germanistik und Romanistik studiert. 1986 ist er nach Wien übersiedelt, wo er seit 1993 als Pächter eines Stadtheurigen lebt. Zahlreiche Literaturpreise und 1998 Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-
Wettbewerb. Veröffentlichungen: "was mir die adler erzählt" und "Ein gelungener Abend".