Stories_Hello Goodbye/Frode Fivel

Weiß gestreift

Zweimal Rock, einmal Singer/Songwritertum. Hinter den recht unterschiedlichen Alben steckt mehr (solo) oder weniger (mit Band) Frode Fivel als Komponist und Textfinder.    23.11.2004

Hello Goodbye kann man so einiges nennen - ein Kunststudentenprojekt, zum Beispiel. Oder auch einen gesamtskandinavischen Band-Versuch. Ende der Neunziger schlossen sich in Göteborg die Schweden Lisa Lundkvist und Johannes Kanschat mit dem Norweger Frode Fivel zu einer Kunst- und Musikgemeinschaft zusammen. Als halbaktives Mitglied am Rande mit dabei ist Gitarrist Alex Kloster-Jensen, der dabei die Gemütsschwere seiner anderen, dunkler gestimmten Bands (Ricochets, My Midnight Creeps) ablegt.

Beim Schreiben der Songs strapazieren Hello Goodbye kaum mehr als das Kurzzeitgedächtnis. Sowohl "Heart Attack" als auch "Haunted Holiday" verstauen ihre jeweils 14 Songs auf engstem Raum; beide reichen gerade einmal über die 30-Minuten-Markierung hinaus. Diese Kürze wird bei den von Lisa erstickt geschrienen Stücken durch eine Tempoerhöhung ausgeglichen. Wenn, dann setzen auf dem Erstling der Song "Ode to Betty" oder auch "Have You Seen My Boy?" dem Herzen zu. Letzteres wirkt wie das Gegenstück zu "Fell In Love With A Girl" der White Stripes, von denen sich Hello Goodbye grundsätzlich nur durch Band-Umfang und Bekanntheitsgrad unterscheiden. Die in "Heart Attack" und "White Blood Cells" gebundene Launigkeit ähnelt sich, auch wenn das Ergebnis weder in Höhenlage der Vocals noch im dominierenden Saiteninstrument (Baß vs. Gitarre) identisch ist.

Bevor das Herz sich allerdings durch Sirenenstakkato zum Anfall krampfen könnte, senkt sich mit "Summer Warmth" oder "I Won´t Let You Go And I Won´t Change My Mind" die Frequenz. Die ausgleichenden, besonnenen Stücke singt Frode selbst, stammen die Worte doch aus seiner Feder. Sie sind in sich geschlossener als die von Lisa komponierten, bei denen die Stimmbänder immer wieder zwischen Gitarre und Drums hervorschnalzen. So soll es um des Abwechslungsreichtums des Albums willen ja auch sein. Außerdem wäre eine umgekehrte Gesangszuteilung wenig vorteilhaft, da dann die beiden Songschreiber nicht mehr durch ihre persönliche Stärke (Schrei vs. Schmelz) zu prägen wüßten. Und eine gegenseitige Annäherung wird durch besagte Zuteilung nicht ausgeschlossen.

 

Auf "Haunted Holiday" jagt Lisa ihre Stimme auf gleiche Höhen, doch im Vergleich zum Vorgänger werden diesmal die Spitzen abgerundet ("Songs of Sex And Poetry", "Great Talker"). Frode bleibt nach wie vor der Besonnenere der beiden, zieht aber bei seinem Song-Anteil das Tempo bereitwilliger vorwärts. Als Sänger wird er deutlicher im Ausdruck. Der Text wirkt durch diese kleinen Begradigungen geformter und buhlt stärker um Aufmerksamkeit als noch auf "Heart Attack". Inhaltlich bleibt alles beim alten: Bei Lisa hält sich die Inspiration mit Vorliebe im Kleiderschrank auf ("Black Kneehighs" vs. "Shop-Shocker", "From Fashion to Failure"), während Frode sich etwa bei "Confessions (Feels Like I´m Loving You)" durch diese textile Oberflächlichkeit gräbt.

Auf dieser Ebene entstanden auch die Songs zu seinem ersten Soloalbum. "Patience Will Win" gibt sich in seiner Gänze ruhiger als die Tonträger von Hello Goodbye, da hier ausschließlich Frode selbst federführend war. Die einzelnen Songs lassen jedoch, genauer besehen, mitunter eine gewisse Austauschbarkeit erkennen. "Sweeping the Dusty Corners" etwa könnte genauso Teil des Band-Werks sein, stünde dabei allerdings nicht im gleichen wärmenden Licht wie auf dem Solodebüt des Fredrikstädters. Umgekehrt ließe sich beispielsweise "Peace of Mind" bei Verzicht auf den trällernden Background-Chor ohne weiteres auch auf "Patience Will Win" einfügen. Das Album ist eine Übung in ruhiger Überlegtheit, bleibt für die Länge von zwölf Songs sehr zurückhaltend und macht seinem Namen alle Ehre. Mit ein wenig Geduld und Bereitschaft zum Hören entfaltet sich seine Schönheit, und man wird von der leicht melancholischen und trotzdem leichtfüßig bleibenden Atmosphäre eingefangen. Am besten, man sucht für diese Platte gar nicht erst nach einem festen Platz im Regal, sondern läßt sie - besonders in herbstwetterlichen Zeiten - in Griffweite neben dem Abspielgerät.

Bernadette Karner

Hello Goodbye - Heart Attack

ØØØ 1/2


Racing Junior (Norwegen 2002)

 

Links:

Hello Goodbye - Haunted Holiday

ØØØØ


Racing Junior (Norwegen 2004)

 

Links:

Frode Fivel - Patience Will Win

ØØØØ 1/2


Honeymilk (Norwegen 2003)

 

Links:

Kommentare_

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