Stories_Sigur Rós: Lost in Translation

Die wunderbare Leichtigkeit des Seins

An fremden Singsprachen verstört weniger die vorenthaltene Wortbedeutung, denn der ungewohnte Klang. Aber welche Sprache versteht man bei diesen Isländern eigentlich nicht?    28.10.2005

Sucht man das unterkühlte Exotische, will dabei aber nicht all zu weit in die Ferne schweifen, sehnt man sich nach Island. Gut, durch eine Landung auf der Insel im Norden wird Europa die Treue gehalten. Wesentlich billiger als ein Flugticket bleibt dabei die Reise im Geiste, und so greift man zu übersetzter Literatur oder - so wie die Autorin - in einem Anfall von Sprachlernwahnsinn zu Wörterbuch und Kurzgrammatik, um sich vom Beugungssystem zu Fall bringen zu lassen. Lektion um Lektion ließen mich an der Uni mit der Sprache doch nicht auf ein "Du" kommen, sondern beim förmlichen "Sie" bleiben. Mit jeder Veröffentlichung von Sigur Rós meldet sich das Gewissen drückend zurück. Hätte man dem leise, aber stetig rieselnden Abbau der erworbenen Kenntnisse nicht doch besser gegensteuern sollen? Wären die Texte dann aber auch begreifbarer?

Im Gespräch heben Sigur Rós gerne hervor, daß so gar keine Bedeutung hinter den Songs stecke, weil sie in der Kunstsprache Hopelandisch gesungen wären. Nun mal halblang! Da könnte man ja jeden Lyriker zum Gründer einer neuen Sprachgemeinschaft erheben. Ein Kontrollieren der im Beiheft zu "Ágætis byrjun" abgedruckten Zeilen etwa durch Nachschlagen beweist: der Großteil des Textkorpus findet sich tatsächlich in den Spalten des Wörterbuchs wieder. Das aktuelle Album "Takk" hingegen gibt sich auch offiziell "isländisch". Gut möglich, daß der Mut zur Ehrlichkeit bloß bis zum nächsten Promomarathon anhält und die Band dann zur Ausrede zurückkehrt, sowieso nur Unverständliches von sich zu geben. "Takk", was einfach nur "Danke" bedeutet, erscheint in hartgebundener Gedenkbüchleinoptik. Das Cover erinnert frappant an jene kleinformatigen Bildsammlungen von lichtdurchfluteten Landschaften im Spiel der Jahreszeiten, die sich mit Vorliebe im Eingangsbereich der Buchhandlungen stapeln. Auf alt getrimmt nimmt es äußerlich die Gestalt der Lebensbeichte eines romantischen Waldbauernbubs an - und das, obwohl es auf Island gar keine Wälder gibt. Mit Wissen um die Herkunft der Band drängen sich unweigerlich die mit ihrer Heimat verbundenen Klischees wie ausgeprägte Naturverliebtheit nach vor. Sigur Rós machen es bei aller Unschuld nicht leicht, dem Glauben an Trolle und Elfen zu widersagen.

Fragen darüber, was sie besingen, weichen die Isländer nach Möglichkeit also aus. Man könnte fast eine bestimmte Absicht dahinter vermuten, denn Geheimniskrämerei fügt der von der Band ausgehenden Anziehungskraft eine weitere Schicht zu, die freilich ebenso unfaßbar zierlich ist wie ihre Musik. Genau genommen bleiben auch auf "Takk" die Worte zweitrangig. Hier geht es um Klang und Tonfolgen, die sich nicht so recht in kompakte Lieder trennen wollen, weil die Atmosphäre in ihnen einfach zu dicht sitzt. Ein Ende trennt sich vom nachfolgenden Anfang eher durch ein vorübergehendes Einbuchten der Lautstärke. Intensität wird bei Sigur Rós nicht durch ein Hochschrauben der Schlagzahl, sondern zelebrierte Geschmeidigkeit definiert. Geschmeidig wird im Falle der Isländer auch der Geigenbogen über die Gitarre gestrichen. Eigenbrötlerei und das Abgleiten in hauchdünne, zerbrechlich anmutende Sphären lassen die Musiker fast ein wenig weltfremd wirken. Das mag zum Teil durch die geografische Lage ihrer Heimat bedingt sein. Umgekehrt mag die Verkürzung der Abstands zu von inselabseits vertrauten Klangbildern daran liegen, daß die Nordlichter mittlerweile international mehr als nur bemerkt wurden. "Takk" verzieht sich nicht mehr wie "Ágætis býrjun" ins hinterste Seeleneck. Sigur Rós bedanken sich auf eine sehr freundliche Art und lassen die Sonne übers Gemüt funkeln. Das Klangschichtenknäuel zu entwirren wird dadurch zwar nicht zur leichtesten Aufgabe, aber zumindest einfacher. Alle Anzeichen stehen auf gute Laune, auch wenn die Isländer weiterhin ausladend in die Länge ziehen. Klar: Wer mit solchem Bedacht und dem Entschluß zur Langsamkeit in die Euphorie hoch quillt, darf bei der Spieldauer nicht kleinlich werden. Wer wie Sigur Rós fähig ist, das Zeitgefühl außer Kraft zu setzen und zehn Minuten mal eben zur Hälfte zu verkürzen, ist sogar verpflichtet, dieses Können auszureizen. Insgesamt bleibt die Band hellhöriger als auf den Vorgängern. Die zerbrechlich wirkende, weil dünne Stimme des Sängers kämpft sich wacker durch den Musikbausch und zieht eine pop-uläre Linie hinter sich nach. "Takk" spart sich das dunkle Gewölke von früheren Stücken und wird mehrheitstauglicher, ohne sich der Masse anzubiedern.

Bernadette Karner

Sigur Rós - Takk

ØØØØ


Capitol/EMI (Island 2005)

 

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