Stories_Team Hot Disco

"In mancher Ohren Müll..."

Unterhaltsamer Abend mit guter Musik: Team Hot Disco bestehen auf Interaktion mit dem Publikum zu ihren Ansprüchen, bieten aber auch feine Tanzmusik. Stephan Skrobar berichtet.    02.01.2004

Ween waren wieder in Wien...

Geben Sie´s zu - auch Sie wollten dieses kleine Wortspiel schon einmal niedergeschrieben sehen. Doch abgesehen davon zeugte das kürzlich stattgehabte Konzert der Band, ebenso wie die regelmäßigen Besuche anderer großer internationaler Musikschaffender, wieder einmal von der kulturellen Anziehungskraft der österreichischen Hauptstadt.

"Vollkommen zu Recht!" wird der Partymensch nun stolz ausrufen, denn Wien war und ist eine Stadt der Musik (das kann Häupl als Slogan haben, wenn er will). Mittlerweile hat es sich wohl auch überregional herumgesprochen, daß Wien mehr fähige Plattenaufleger als Straßenbahnlinien sein eigen nennen darf.

Wer zu Beginn der Adventszeit im relativ neuen Gürtellokal Mezzanin das Tanzbein schwang, der tat dies zu den Sounds eines bereits ziemlich umtriebigen Trios, das auf den Festen dieser Stadt seinem Ruf als flockiges Turntable-Artistenkollektiv äußerst gerecht wird. Vor kurzem haben die drei sich auch einen gemeinsamen Namen zugelegt: Team Hot Disco.

Es überrascht kaum, daß man in eventuell etwas sinneserweitertem Zustand, um zwei Uhr früh, auf ausgerechnet diesen Namen kam. Sicher ist, daß sich die jungen Herrschaften damals in einem Friseursalon in der Lindengasse befanden, wo wieder einmal ein sehr gemischtes, aber meist extrem fröhliches und erfülltes Publikum die schöneren Seiten des Lebens feierte. Der Name stammt von einem Plattencover aus den Achtzigern, das fixer Bestandteil der immer ausschweifender werdenden Dekoration des Plattenspielerpultes ist. Ein "holpriges Coverdesign! Nicht cool, sondern wirklich schon holprig", wie nachträglich versichert wurde.

Aber einerlei: Team Hot Disco - und damit weiter zur Musik. Seit etwa einem Jahr legen die drei gemeinsam auf: zwei Vorarlberger Buben namens Tauba und "Der König von London" sowie das Wiener Mädel "Der Glamouröse Scholz" ("vormals Miß Verteilerkreis"), die sich in der Präferenz ihrer dargebotenen Musik so herrlich ergänzen, daß jeder im Publikum mit der einen oder anderen persönlichen Tonentdeckung nach Hause gehen wird. Was die drei eint, ist die Fähigkeit, sich selbst überzeugend und mitreißend darzustellen.

Tauba, der eine der Vorarlberger und sowas wie der Julius von Team Hot Disco (wären sie Enid Blytons "Fünf Freunde"), ist der Drum´n´Bass-Meister im Club. Weil: "Die hab´ ich im Griff." Die durchaus beeindruckende Liste an Locations, die Tauba (auch bzw. vor allem allein) bespielt hat, scheint ihm recht zu geben. Dort, wo Trommel- oder Baßklänge schon einmal die Boxen verlassen haben, hatte auch der Knabe aus dem Ländle seine Finger am Plattenspieler - also in Flex, Kunstwerk, Meierei, Donau, ja, "sogar einmal in der Szene Wien!", und als Heimspiel im Dornbirner Conrad Sohm. Er sieht sich selbst als den diktatorisch agierenden Anführer des Teams, der mit eiserner Faust regiert. Aber das ist vielleicht auch nur eine Unterstellung - auf den ersten Blick und auch im Gespräch wirkt der Mann hochsympathisch.

Das würden seine Mitspieler maximal mit einem süffisanten Lächeln und einer hochgezogenen Augenbraue quittieren, wie es vor allem der weibliche Part Der Glamouröse Scholz so unvergleichlich gut kann. "Glamourscholz", wie sie sich kurz nennt, fand sich aus quasi hehren Gründen auf der aktiven Seite des DJ-Pults wieder: Den Wunsch, zu ihrer Lieblingsmusik den Arsch zu schütteln, erfüllt sie sich nun beim Auflegen. Auch wenn sie ihr Spektrum "als Vegetarierin quer durch den Gemüsegarten" recht breit anlegt, tendiert sie mit Sicherheit zu Elektrobeats und Big Beat, bis hin zu rockigeren Sachen (beispielsweise Terranova und Stereo MC´s). Alle haben sie Spaß, aber Therese (wie sie von Kollegen und Freunden untertags auch gerufen wird) drückt das bei ihrem Set am offensichtlichsten aus, wenn beim wilden Tanzen das Hütchen verrutscht oder das Scratchen mit dem Hintern so überhaupt nicht hinhaut. Glamourscholz rockt das Haus, und das Publikum dankt es ihr zeitweise mit Sprechchören sakralen Ausmaßes.

Keinerlei royale Tendenzen hat Der König von London, dafür ein güldenes Händchen für Funk, Soul und HipHop (Ugly Duckling, Dizzee Rascal, Crooklyn Clan ... wobei Londons König sich selbst unter Androhungen bösester körperlicher Qualen nie auf einen favorisierten Act festlegen würde). Denn gerne klemmt er auch die eine oder andere Scheibe guten deutschen Schlagers dazwischen, weswegen er von seinem Kollegen und Vorbild (Martin) Tauba als "stets für die Sich-an-den-Kopf-greifen-Überraschung gut" befunden wurde. König London ist Resident-DJ im monatlich im Wirr stattfindenden "Turboklub", legt aber auch an anderen Plätzen der Stadt Hand an; im seligen Freihaus, im Schikaneder, aber auch "bei mir zu Hause und bei meinen Eltern". Seinen Stil als DJ und MC von Team Hot Disco vergleicht der auf den guten Namen Florian Getaufte ungefragt mit einem Schnitzel, was einen unglaublichen Interpretationsspielraum offenläßt. Drücken wir´s so aus: Er ist einfach gut, ein Entertainer der alten Schule, der seine Zukunft in der Industrie "soweit mich das Kabel meines Mikrophons gehen läßt" sieht. Fast ein Poet, möchte man meinen.

Team Hot Disco hat Potential: die objektive DJ-Qualität eines Tauba, das breitgestreute musikalische Spektrum, das trotzdem nie den qualitativen Anspruch verliert, die offen zur Schau getragene Freude. Es gilt hier, das zum Teil "ernsthafte und coole Auftreten der DJ-Kultur zu karikieren" (Tauba) bzw. "die Leute zu unterhalten, ohne daß sie es merken" (König von London).

Wer sich also, ohne es zu merken, unterhalten lassen möchte, kann das bei einem der unregelmäßigen Auflegeabende oder aber spätestens im Frühling bei einem "Turboklub Special" im Wirr, wenn Team Hot Disco einen Abend lang durch die Geschichte der Musik führt, erledigen. Tauba kann man übrigens auch unter tauber2000@chello.at kontaktieren, wenn man Aufträge für oder Anfragen an ihn hat.

Schauen wir halt einmal, was da noch so kommt.

Stephan Skrobar

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