Stories_by:Larm 2004

Stadt :lärm

Wenn sich Musikverrückte tagelang nicht ohne Seminarhandbuch vor die Hoteltür wagen, kann nur eine internationale Messe der Anlaß sein. Bernadette Karner berichtet von by:Larm.    23.03.2004

Wozu sich die Mühe machen und klägliche Ausreden erfinden, wenn die Wahrheit ohnehin zwischen den Zeilen hervordrängt? Also rückt man als Autorin lieber sofort das Eingeständnis heraus, ausschließlich wegen der Showcases das Festival by:Larm besucht zu haben, um möglichst viel neue, in erster Linie an Norwegens Fjorden gereifte Musik aufzusaugen.

Eine Selbstverständlichkeit? Wenn man zwecks Meinungsbildung die Medienberichte des skandinavischen Landes heranzieht, bröckelt dieser Standpunkt schon etwas ab. Ihnen zufolge sind derartige Branchentreffen nämlich dazu da, den Teilnehmern (mit eventueller Ausnahme der Musiker - die müssen zumindest bis zum Auftritt nüchtern bleiben) veritable Leberschäden zuzufügen, nicht aber, um ein Bild davon zu geben, was jüngst in diversen Kellerabteilen musikalisch heranreifte. Lieber in der Hotelbar zu Boden gehen als Newcomern ein Ohr schenken... Wie groß da das Körnchen (oder der Korn) Wahrheit ist, läßt sich schwer beurteilen. Zum einen fehlen die Vergleichswerte, da die Schreiberin dieser Zeilen noch nie eine solche Veranstaltung besuchte; zum anderen hatte das gewählte Hotel keine zu belagernde Bar...

Doch was ist by:Larm eigentlich? In den Neunzigern als Plattform für frische Acts und verkannte Größen ins Leben gerufen, hält der Zirkus aus Journalisten, Label- wie Lokalbetreibern und sonstigem Branchenvolk jährlich zur Winterszeit in einer anderen Stadt Norwegens für wenige Tage Einzug. Vom 12. bis 15. Februar 2004 geschah dies nun bereits zum siebten Mal. Bergen ist dabei nach Trondheim der zweite Wiederholungstäter: 2000 wurden in der Hansestadt Kings of Convenience, Röyksopp und Sondre Lerche entdeckt. Mit ein wenig gutem Willen hätte auch die Außerordentlichkeit der Zigeunerrock-Combo Kaizers Orchestra bereits damals, noch vor dem Release ihres dialektbetexteten "Dreigroschenoper"-Nachfolgers "Ompa til du dør", auffallen können.

Was einmal geklappt hat, läuft bei der Wiederholung erst recht wie am Schnürchen: Bergen spielte seine Rolle als Gastgeber gekonnt und bot besonders lokalen Musikern eine Plattform sowie mehrere Podien zur überregionalen Präsentation. Obwohl quiet längst nicht mehr the new loud ist, rückten insbesondere Singer/Songwriter´sche Feinheiten (Heidi Marie Vestrheim, Marianne Creegan, Sgt. Petter, Mattias Tellez, Julian Berntzen und Sondre Lerche) ins rechte Rampenlicht. Das restliche Königreich - nennen wir es dem Selbstverständnis der Stadtbürger gemäß "Bergen-Umgebung" - mag´s jedoch musikalisch bunter und schlagzahldifferenter.

Das warf auch gleich die erste Schwierigkeit auf: Wer oder was soll aus dem RockPopElektronicaFolkJazzHardrockMetal-Haufen hervorgezogen und wann/wo live getestet werden? Zwar waren beinahe alle Bands mehr als einmal an unterschiedlichen Auftrittsorten Teil des Programmbogens, doch um die Hin- und Herhetzerei zwischen den Räumlichkeiten zu minimieren und das Risiko endlosen Schlangestehens auszuschließen, waren kluge Entscheidungen gefragt. Durch den Zeitrost fielen deshalb: Gisli (klingt wie Beck zu "Loser"-Zeiten), der erst 15jährige (!) Mattias Tellez, Washington (Melancholiemeister aus Tromsø) und Palermo (kooperierten mit den Apples In Stereo). Ganz zu schweigen von den Opfern der Parallveranstaltungen: Donnerstag nachts begannen etwa gleichzeitig John Doe (rastloser Rock´n´Roll auf gut norwegisch), Karin Park (stimmlich galant wie Björk) und Sgt. Petter (Sondre Lerche mit Cowboyhut) aufzuspielen.

Zwölf Stunden Beschallung mit großteils unbekannten Tönen erzeugen natürlich eine gewisse Gleichgültigkeit der jeweiligen Band gegenüber; Enthusiasmus und Forscherwille - seien sie noch so ausgeprägt - müssen da unweigerlich abstumpfen. Andererseits bescherte dieses Überangebot die Garantie, daß automatisch jene Musiker als große Hoffnungen gelten dürfen, die den Filter der Teilnahmslosigkeit durchdringen.

Mühelos schafften dies beispielsweise The Beautiful People, ein Quartett aus Kristiansund, das sich gemeinsam mit Mayflies und Silence The Foe den Gewinn des diesjährigen "Zoom" teilte. Dieser 1996 ins Leben gerufene Nachwuchswettbewerb brachte bereits Perlen wie Madrugada, Ai Phoenix, Salvatore oder The White Birch Plattenverträge ein. (Ganz schön praktisch: Als Zuhörer ist man dem Puls der Zeit voraus, ohne eigene Geschmacksentscheidungen treffen zu müssen.) Aber zurück zu den schönen Menschen - die zelebrierten ihr klingendes Hochamt in einem dunklen Winkel zwischen Velvet Underground, Kraftwerk und Joy Division. Im Tonträgerformat (EP "Sedated Times" bei Public Demand Rec.) kam die von der Band ausgehende Faszination bisher noch nicht so recht rüber, aber spätestens beim Live-Gig mußte jede negative Kritik haltloser Begeisterung weichen. Hier macht sich eine selbstsichere Band von Format und mit Attitüde auf, um die Bühnen der Welt zu erobern.

Die Revolver-Rocker von Tuco´s Lounge wiederum haben mit by:Larm eigentlich gar nichts am Cowboyhut - abgesehen vielleicht vom kürzestmöglich gehaltenen Auftritt in einem der gutsortierten Plattenläden der Stadt. Ihre verdiente Erwähnung in diesem Artikel finden sie wegen eines in aller Eile geplanten Konzerts in ihrem Proberaum. Keine großflächige Plakataktion, kein offizielles Herumposaunen, nur mit persönlicher Einladung durfte man in den Keller. "Echte" Konzertsäle mögen zwar bessere Tonanlagen und Schalldämpfung haben, doch es fehlt an Intimität und Unmittelbarkeit, wie man sie hier erleben dufte. So konnte man Bjørn Sturle Hillestads Vokalsalti vor allem in den tiefen Stimm(ungs)lagen live und direkt folgen. Wenn Calexico Sivert Høyem, den Sänger von Madrugada, ans Mikrophon ließen, würde ihnen eventuell eine EP wie "Mexican Standoff" der Tucos entschlüpfen.

Aber warten wir einmal ab, wie sich das bis zum nächsten Jahr entwickelt...

Bernadette Karner

by:Larm 2004


Die in den Neunzigern als Plattform für frische Acts und verkannte Größen ins Leben gerufene Musikmesse findet jedes Jahr in einer anderen Stadt Norwegens statt. Vom 12. bis 15. Februar 2004 war Bergen der heurige Austragungsort.

 

Links:

The Beautiful People - Sedated Times (EP)


Public Demand Records (Norwegen 2004)

 

Links:

Tuco´s Lounge – Mexican Standoff (EP)


Bad Day Records (Norwegen 2004)

 

Links:

Kommentare_

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