Video_Aftermath

Schicksalsgefährten ohne Zukunft

Ein Flugzeugunglück gebiert zwei tragische Figuren und verbindet sie auf unheilvolle Weise. In Elliot Lesters "Aftermath" - einer schlicht formulierten, überraschungsarmen Meditation über Trauer und Wut - übt sich Arnold Schwarzenegger in vehementer Zurückhaltung.    11.12.2017

Weihnachten steht vor der Tür, und Bauarbeiter Roman Melnyk (Arnold Schwarzenegger) hat sein Haus festlich dekoriert. Seine Mühen würdigen nicht nur die bevorstehenden Feierlichkeiten, sondern unterstreichen auch die freudvoll erwartete Rückkehr von Gattin Nadiya und der schwangeren Tochter Olena, die in einem Flieger aus Kiew zurückerwartet werden. Doch das Flugzeug kollidiert mit einer anderen Maschine - die ersehnte Wiedervereinigung endet in einer Tragödie. Melnyks Familie wird ausgelöscht, seine Lebenswelt erstirbt im Augenblick der Erkenntnis.

Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, aber bald herausfinden wird: Fluglotse Jacob "Jake" Bonanos (Scoot McNairy) spielte während der Verkettung unglücklicher Umstände eine entscheidende Rolle. Die Schwere der vermeintlichen Schuld wirft Jacob aus der Bahn. Ein Jobwechsel wird unausweichlich, während sein Familienleben unter dem Druck kollabiert. Jacob ändert seine Identität und zieht in eine andere Stadt. Seine attraktive Ehefrau Christina (Maggie Grace) bleibt mit dem sensiblen Sohn Samuel (Judah Nelson) zurück.

Der einfallslos-plakative deutsche Verleih-Titel "Vendetta - Alles was ihm blieb war Rache" appelliert unverhohlen an Arnies Kernanhängerschaft, von der sich der berühmteste aller Steirer mit dem vorliegenden Werk zwangsläufig entfernt. Mit Thriller-Elementen oder gar Action-Einlagen kann und will "Aftermath" nicht aufwarten. Regisseur Elliot Lester ("Nightingale") und Autor Javier Gullón ("Enemy") haben sich vielmehr für ein Schuld-und-Sühne-Drama mit überschaubarer Komplexität entschieden.

Der auf wahren Begebenheiten beruhende Film schreitet sehr zögerlich voran und erzählt im Wechsel von den beiden ohnmächtigen Protagonisten Jacob und Roman. Während sich Jacob der Existenz des verzweifelten Witwers nicht einmal bewußt ist, forscht letzterer nach dem Aufenthaltsort des entschwundenen "Täters". Roman fühlt sich und das Andenken seiner toten Familie verraten. Er wurde von der verantwortlichen Fluggesellschaft unangemessen behandelt und richtet seine Aufmerksamkeit nun auf den unglückseligen, in die Anonymität abgetauchten Fluglotsen. Der dem medialen Dauerdruck entflohene und von seiner Familie getrennt lebende Jake versucht derweil einen Neuanfang. Gemein ist den beiden die Überforderung in Anbetracht einer Situation, die in ihrem Ausmaß nicht relativierbar ist.

Was Regisseur Lester in seinen Jake-Segmenten zumindest bedingt gelingt - die Veranschaulichung der überwältigenden Machtlosigkeit angesichts eines unfaßbaren Schicksalsschlags, was anhand trivialer Alltagssituationen gezeigt wird - unterläßt er in Romans Fall komplett. Den gebrochenen Witwer erleben wir einzig als Leidenden im Dauertrauermodus. Ausgespart wird Melnyks bitterer Zusammenstoß mit der Außenwelt, sein Scheitern an der Banalität des Alltags.

 

 

Seit seinem Wiedereinstieg ins Filmgeschäft konnte Schwarzenegger noch keinen echten Wirkungstreffer verbuchen. So ist Arnold als orientierungsloser Pendler zwischen den Genres unterwegs, versucht sich vergeblich an seiner eigenen Reaktivierung im grimmigen Action-Segment (Sabotage) oder auch in Sly Stallones amüsant-krawalligen Expendables-Fortsetzungen. Immerhin respektabel fiel sein Auftritt in dem stillen Horrordrama Maggie aus. In ähnliches Fahrwasser begibt er sich nunmehr erneut und bewältigt dabei die gestellte Aufgabe im Rahmen seiner beschränkten darstellerischen Möglichkeiten. Wiederum funktioniert Arnie als Trauerkloß, ebenso McNairy als Unglücksrabe Jake. Es ist schließlich vor allem Lesters allgemeiner erzählerischer Inkonsequenz inklusive eines schwächelnden Schlusses anzulasten, daß aus "Aftermath" lediglich ein halbgares Trauerstück ohne Wiedererkennungswert geworden ist.

Dietmar Wohlfart

Vendetta - Alles was ihm blieb war Rache

ØØ 1/2

(Aftermath)

Leserbewertung: (bewerten)

KSM GmbH (USA 2017)

DVD Region 2
94 Min. dt. Fassung oder engl. OF

Features: Featurette, Trailer, Bildergalerie

Regie: Elliot Lester

Darsteller: Arnold Schwarzenegger, Scoot McNairy, Maggie Grace u. a.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Video
Aftermath

Schicksalsgefährten ohne Zukunft

Ein Flugzeugunglück gebiert zwei tragische Figuren und verbindet sie auf unheilvolle Weise. In Elliot Lesters "Aftermath" - einer schlicht formulierten, überraschungsarmen Meditation über Trauer und Wut - übt sich Arnold Schwarzenegger in vehementer Zurückhaltung.  

Video
I Am A Hero

Held des Tages

Ein gescheiterter Comic-Zeichner behauptet sich unbeholfen, aber tapfer in den Wirren einer Zombie-Epidemie. Shinsuke Satos Adaption des gleichnamigen Manga-Erfolgs "I Am A Hero" bietet Kurzweil und satte Splatter-Action auf japanischem Boden.  

Video
The Eyes Of My Mother

Augenauswischerei

Nicolas Pesces karges Horror-Kleinod "The Eyes Of My Mother" widmet sich voll und ganz den verstörenden Anwandlungen seiner traumatisierten Hauptfigur, hat dabei aber außer stilvoller Schwarzweißoptik wenig zu bieten.  

Video
The Autopsy Of Jane Doe

Ain´t no grave

Ein Leichnam als Machtzentrum des Bösen: Brian Cox und Filmsohn Emile Hirsch setzen bei der Ergründung eines mysteriösen Leichenfunds dunkelste Mächte frei. "The Autopsy Of Jane Doe" macht vieles richtig und ist ein Schocker im besten Sinne.  

Video
Paterson

Lakonie und Leidenschaft

Mit dem Zeitlupenkleinod "Paterson" gelingt Jim Jarmusch ein cineastischer Gegenentwurf zu all der Schnellebigkeit und Selbstinszenierungsgier unserer Zeit. Zentrum und Ruhepol des Films ist Adam Driver als eigenbrötlerischer Freigeist.  

Video
Train To Busan

Todeszug nach Busan

Ein junger Manager besteigt gemeinsam mit seiner entfremdeten Tochter den Expreßzug nach Busan. Im Fahrtpreis inbegriffen: rasende Zombies mit hohem Infektionspotential. Die südkoreanische Untoten-Hatz orientiert sich an westlichen Vorbildern, ohne dabei deren Qualitätsstandards zu erreichen.