Video_Blue Ruin

Auge um Auge

Mit welch profanen Unwägbarkeiten ein sich selbst zum Racheengel hochschwingender Jedermann zu kämpfen hat, wird in dem Indie-Thriller "Blue Ruin" veranschaulicht. Abseits von Hochglanz-Machismo und Rächer-Automatismen hebt sich der minimalistisch inszenierte Feldzug eines im Grunde untauglichen Killers vom Genreallerlei ab.    07.04.2015

Als Obdachloser fristet Dwight Evans (Macon Blair) ein erbärmliches Dasein. Völlig verwahrlost streift er umher und nutzt seinen schrottreifen Pontiac gleichermaßen als Fortbewegungsmittel und Unterkunft. Als er von der Freilassung eines gewissen Wade Cleland (Sandy Barnett) erfährt, flößt dies dem menschlichen Wrack Leben ein. Denn Wade, Mitglied eines einflußreichen örtlichen Redneck-Clans, wurde einst wegen Mordes an Dwights Eltern verurteilt. Kaum ist er wieder auf freiem Fuß, gerät er ins Visier von Evans, der auf Rache sinnt. Als es Dwight wider Erwarten gelingt, Cleland endgültig unschädlich zu machen, sieht er sich der verbleibenden Hillbilly-Sippe gegenüber, die zur Bedrohung für ihn und indirekt auch seine Schwester Sam (Amy Hargreaves) und deren Kinder wird.

 

 

Mit dem Antihelden Dwight Evans stolpert ein gänzlich unorthodoxer Vertreter der wortkargen Rächerzunft in die Großfamilie cineastischer Gerechtigkeitsfanatiker. Seinen Platz in der Gesellschaft hat der schwächliche Außenseiter vor langer Zeit aufgegeben. Obgleich Clelands Entlassung Dwight aus der völligen Isolation holt, ist es lediglich ein orientierungsloses Auftauchen und gleichzeitiges Einschwenken auf den blutigen Pfad der bedingungslosen Selbstjustiz. So fördert die Rückkehr des Eigenbrötlers seine vielen Unzulänglichkeiten als plötzlich geforderter - und überforderter - Beteiligter in einer Rachefehde zutage. Denn Dwight ist nicht nur sozial entfremdet; es mangelt ihm an Physis, Organisationstalent, Kampferfahrung und Waffentechnik, um als ernsthafter Gegner der Clelands auftreten zu können. Was ihm als einziger Aktivposten bleibt, ist der feste Glaube an die Richtigkeit seines Handelns und der Wille zur totalen Selbstaufgabe.

Die Indie-Produktion "Blue Ruin" ist das gemeinsame Kind der ehemaligen Schulfreunde Jeremy Saulnier (Regie, Drehbuch, Kamera, Produktion) und Macon Blair (Hauptdarsteller, Produktion), die das Projekt mittels Crowdfunding stemmten. Das Ergebnis reiht sich ins "Southern Gothic"-Subgenre ein: So schleppt sich der einsilbige Dwight durch karge Vorstadtlandschaften und schwüle Waldgebiete, bereit zum Gefecht mit einer machtvoll in der Region verwurzelten Opposition. Dabei folgt Saulnier dem ungeübten Loner ganz nahe, fängt sein Scheitern ebenso nüchtern ein wie respektable Teilerfolge. Blair wiederum porträtiert den maulfaulen Kauz Dwight mit nüchtern-reduziertem Spiel.

Eines ist dabei von Anfang an klar: Nie wird aus dem Milchgesicht ein unantastbarer Slow-Motion-Killer; keinesfalls wird er körperliche Verletzungen unbeeindruckt hinnehmen noch jemals taktisch über sich hinauswachsen. Aus dieser frühen Erkenntnis erwächst eine Authentizität, die den Protagonisten und mit ihm den gesamten Film nachhaltig stärkt.

So lassen wir uns gerne auf Dwights naive Verbohrtheit, aber auch auf seinen ehrlichen Willen zur Selbstaufopferung ein und begleiten ihn auf diesem ungewöhnlichen, holprigen Feldzug.

Dietmar Wohlfart

Blue Ruin

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

Ascot Elite Home Entertainment (USA 2013)

90 Min. + Zusatzmaterial dt. Fassung oder engl. OF

Features: keine nennenswerten

Regie: Jeremy Saulnier

Darsteller: Macon Blair, Devin Ratray, Amy Hargreaves u. a.

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