Video_DVD-Tips 1/2006

People are strange

Polnische Kunstschweinigeleien, US-koreanische Zukunftsvisionen, Serienkost und Carpenter-Reminiszenen stehen diesmal auf der digitalen Einkaufsliste.    29.03.2006

 

Jürgen Fichtinger

Æon Flux - Die komplette Serie


(USA 1995/Region 2/Paramount)

 

Bevor der Musiksender MTV zum Dauerwerbeträger für Klingeltonwerbungen degenerierte, begeisterte er Anfang der Neunziger durch die "Liquid Television"-Reihe, eine Zusammenstellung abstruser bis innovativer Animations-Kurzfilme wie "The Maxx", "The Head" und "Æon Flux". Die DVD-Box enthält neben den Original-Kurzfilmen auch die gesamte Serie sowie die Pilotfolge und glänzt durch zahlreiche Audiokommentare. Der Koreaner Peter Chung, der später unter anderem für eine "Animatrix"-Episode und "The Chronicles of Riddick: Dark Fury" verantwortlich zeichnete, war damals einwandfrei seiner Zeit voraus und lieferte mit "Aeon Flux" eine mesmerisierende Serienkreation ab, die den willigen Zuseher mit extravaganten SF-Visionen verstört und begeistert. Mit der blamablen Filmadaption nicht zu vergleichen.

 

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Phönix aus der Asche


Assault - Anschlag bei Nacht

(USA 1976/Region 2/e-m-s)

Das Ende - Assault on Precinct 13

(USA 2005/Region 2/Highlight Entertainment)

The Fog - Nebel des Grauens S.E.

(USA 1980/Region 2/Kinowelt)

The Fog

(USA 2005/Region 1/Sony)

Masters Of Horror - Cigarette Burns

(USA 2005/Region 2/Anchor Bay UK)

 

Nachdem es jahrelang still um Horror-Maestro John Carpenter war und man ihn angesichts seines letzten Regiedebakels "Ghosts of Mars" bereits abgeschrieben hatte, kehrt der Synthie-Revoluzzer gleich in drei Inkarnationen zurück an die Gänsehautfront: Im Rahmen des immer noch ungebremsten Remake-Wahns Hollywoods und des gleichzeitigen Genre-Booms wurden zwei Carpenter-Klassiker recyclet. Herausgekommen sind dabei qualitativ höchst unterschiedliche Werke: Jean-Francois Richets Neuinterpretation des Carpenterschen "Alamo" - Assault on Precinct 13 - erfreut durch temporeiche Action, überraschende Kompromißlosigkeit und eine gesunde Portion Kunstblut. Auch wenn das Original-Soziopathenmotiv durch einen fadenscheinigen Plot rund um korrupte Bullen ersetzt wurde, darf man sich entspannt zurücklehnen und Laurence Fishburne, Ethan Hawke und Gabriel Byrne beim Räuber-und-Gendarm-Spiel im bleihaltigen Schneegestöber zuschauen.

"Stigmata"-Regisseur Rupert Wainwright war da mit dem Drehbuch zu The Fog weit weniger Glück beschieden - eine derart unoriginelle Fadesse auf Film zu bannen, grenzt fast an Blasphemie. Als Überraschung des Jahres darf hingegen der Auftakt zur US-Serie "Masters of Horror" gewertet werden: Cigarette Burns. Basierend auf einem Drehbuch der Script-Frischlinge Drew McWeeny und Scott Swan liefert Carpenter einen Einstünder ab, der es in sich hat. Lesen Sie dazu demnächst die ausführliche EVOLVER-Berichterstattung.

 

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One Point Zero


(USA/Rumänien/Island 2004/Region 2/Koch Media)

 

Wie oft ist es einem schon passiert, daß man wegen eines optischen Eyecatchers auf dem Cover, eines markigen Werbesprüchleins oder eines Plot-Details zu einem Film gegriffen hat, der sich nach Ansicht als Ansammlung von Nichtigkeiten herausgestellt hat? Bei "One Point 0" oder "Paranoia 1.0", so die alternativen US-Titel des Streifens, ist das Gegenteil der Fall.

Bei Ansicht des Covers kann man sich zwar nicht recht entscheiden, ob sich dahinter ein brauchbares SF-Movie oder doch nur halbgare Direct-to-Video-Ware versteckt - verstärkt wird der zwiespältige Eindruck noch durch das gewählte "Film Threat"-Kritikerzitat: "Diese atemberaubende Mischung aus 'Matrix', 'The Game', 'Brazil' und Philip K. Dick in seinen zynischsten Momenten ist eines der stärksten Sci-Fi-Werke seit Jahren." Klingt nach belanglosem Blödsinn für Menschen, die auf Sluglines dieser Art abfahren. Dahinter versteckt sich jedoch ein sehenswertes Paranoia-Movie, das mit einer Verschwörung der anderen Art aufwartet. Als Extras: ein Audiokommentar, Deleted Scenes, ein Making-of sowie eine Einführung durch Udo Kier. Lance Henriksen spielt übrigens auch mit.

 

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White Skin


(Kanada 2004/Region 2/Sunfilm)

 

Egal, wie sehr die Teutonenrocker Rammstein von weißem Fleisch erregt sein wollen - für den kanadischen Studenten Thierry ist es der reinste Liebestöter. Doch als er an der Uni das Mädchen Claire kennenlernt, scheint die Abneigung verflogen zu sein. Immer mehr kapselt er sich von seinen Freunden ab, um ganz für Luft und Liebe zu leben. Dummerweise scheint es in Claires Familie nicht mit rechten Dingen zuzugehen: Die weibliche Sippschaft entspricht so gar nicht der typischen Frau von nebenan und hat die Männerwelt zum Fressen gern. Dann wäre da noch die Kleinigkeit, daß Claires verrückte Schwester gerne als Prostituierte um die Häuser zieht und den Herren der Schöpfung bevorzugterweise die Kehle durchschneidet - so wie es gleich zu Beginn des Films beinahe Thierrys bestem Freund Henri passiert. Daniel Robys Spielfilmdebüt nimmt sich einer filmisch eher selten vertretenen Phantasiegestalt an und erzählt die Liebesgeschichte zwischen Mann und Sukkubus. Atmosphärisch wandelt er dabei auf Tony Scotts "The Hunger"-Spuren und liefert ein betörend unterkühltes Erstlingswerk ab. Die DVD bietet neben einem untertitelten Regiekommentar auch Deleted Scenes.

 

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Diebe, Schurken und Dämonen


Für alle Fälle Fitz - Staffel 1

(GB 1993/Region 2/Koch Media)

Sherlock Holmes - Staffel 1

(GB 1984/Region 2/Koch Media)

Charmed - Season 5

(USA 2002 - 2003/Region 2/Paramount)

 

Ist er zu hart, sind Sie zu schwach! Mit der britischen Serie "Cracker", hierzulande wohl besser bekannt als Für alle Fälle Fitz, bewiesen die kühlen Briten Anfang der Neunziger einmal mehr, daß sie in Sachen gehobener Krimikost immer noch die Nase vorn haben. Robbie Coltrane gibt den hochgebildeten hellen Kopf Dr. Eddie "Fitz" Fitzgerald, der den Tag am liebsten mit Rauchen, Saufen und Wetten verbringt, wenn er nicht gerade ein Täterprofil erstellt oder seine Freunde durch gutgezielte geistige Seitenhiebe vor den Kopf stößt. Die spannende Serie machte Coltrane quasi über Nacht zum Star und begeistert auch heute noch durch hervorragende Drehbücher und eine ordentliche Ladung Sozialkritik. Die erste Staffel umfaßt drei außergewöhnliche Kriminalfälle in Spielfilmlänge. Muß man gesehen haben.

Auf vier DVDs gesammelt finden sich auch die ersten 13 Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. Watson, dargestellt von Jeremy Brett und David Burke. Brett zählt zu recht zu den erfolgreichsten und bekanntesten Darstellern der legendären Conan-Doyle-Figur und interpretiert den Meisterdetektiv als arrogantes Superhirn, das in Zeiten der Langweile zu einer gesunden Prise Suchtgift bestimmt nicht nein sagt. Daß er dank seines überragenden Intellekts jedem Schurken das Handwerk legt und hie und da durchaus menschliche Züge aufblitzen läßt, macht die spannende britische Serie selbst nach über 20 Jahren noch zu einem echten Sehgenuß. Als Bonus bietet die erste Holmes-Box ein 96seitiges Booklet zur Entstehungsgeschichte und Produktion.

Weder britisch noch testosterongetrieben ist hingegen das sexy Hexentrio von Charmed: Auch in Staffel 5 dreht sich alles um weibliche Wehwechen, den übernatürlichen Kindersegen und womit sich gutaussehende Superhexen noch so herumschlagen müssen. Bei weitem nicht so anspruchsvoll wie die britischen Krimineser, aber genauso unterhaltsam.

 

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Viel Eros, nix Thanatos

Import-Tip: USA


Walerian Borowczyk Collection

(F 1969/75/88/Region 0/Cult Epics)

 

Der polnische Regisseur Walerian Borowczyk zählt zu den Legenden des subvers-bizarren europäischen Erotikfilms. "Immoral Tales", eines der Standardwerke zum Thema, widmete ihm - neben José Larraz, Alain Robbe-Grillet und natürlich Jess Franco - gleich ein eigenes Kapitel. Anläßlich seines Todes am 3. Februar dieses Jahres veröffentlichte das US-Spezialisten-Label Cult Epics mit der "Walerian Borowczyk Collection" die bereits erhältlichen Streifen The Beast und Love Rites (beide als ungeschnittene Kinofassung und Director´s Cut) und legte mit Goto, Island of Love gleich noch einen drauf. Neben informativen Liner-Notes gibt es den Borowczyk-Kurzfilm "Les Astronautes" als Bonus.

 

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Im Zeichen des Kreuzes

Nice-Price-Tip


(BRD 1982/Region 2/Starlight Film)

 

Angesichts des heutigen Outputs der deutschen Film-und Fernsehindustrie erstaunt es doch immer wieder, daß dieselben Sendeanstalten, die heute für oberflächlichen Schmus und belanglosen Copycat-Klamauk stehen, vor 20 Jahren noch wirklich etwas zu sagen hatten. Im Fernsehspiel "Im Zeichen des Kreuzes" dreht sich alles um die Nachwirkungen eines verheerenden Unfalls zwischen einem Tanklaster und einem mit radioaktivem Müll vollgeladenen Lkw. Während die Themen Kernkraft/radioaktiver Müll/Verstrahlung* im Zeitalter der globalisierten Konzernherrschaft maximal noch sporadisch als Lückenfüller in diversen Tageszeitungen auftauchen, beschäftigt man sich hier mit den Auswirkungen einer solchen Katastrophe auf den spießigen Normalbürger und der uncharmanten Vorgehensweise der Exekutive. Die Ausstrahlung löste seinerzeit wilde Proteste seitens des Establishments aus - einige Sender brachten den Neuzigminüter gleich gar nicht. Die Macher von "Im Zeichen des Kreuzes" wurden nach der Ausstrahlung in einer - auf der DVD u. a. als Bonusmaterial enthaltenen - Diskussionsrunde beinahe selbst "gekreuzigt".

 

* Damals wollte man - nicht nur - dem Bundesbürger noch gerne weismachen, daß Verstrahlung keine Gefahr darstelle - "... das könne man mit einer Dusche wieder wegmachen". In der deutschen Synchronfassung von Wes Cravens "The Hills Have Eyes" ging es nicht um die abartigen Ausgeburten eines Atomtests, sondern um Außerirdische. Ein Schelm, wer da Gemeinsamkeiten sieht ...

 

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