Video_Der weite Ritt

Captain America im Wilden Westen

Als "Easy Rider" trat Peter Fonda auf der Leinwand für Hippie-Ideale ein. In seinem Regiedebüt aber sehnte er sich nach Heimeligkeit auf einer kleinen Farm in der Prärie.    31.07.2007

Vor ein paar Wochen feierten Fans, TV-Sender und Zeitschriften den 100. Geburtstag John Waynes. Dabei liegt der 1979 verstorbene Duke nun schon fast 30 Jahre lang unter der Erde ... Das Genre, dem er seinen Erfolg und seine cinematographische Unsterblichkeit verdankte, existierte zum Zeitpunkt seines Todes auch nicht mehr wirklich. Der klassische Western hatte ausgespielt; dafür hatten nicht zuletzt Sam Peckinpah und Sergio Leone gesorgt.

Leone schuf 1964 mit seinem "Yojimbo"-Plagiat "Für eine Handvoll Dollar" den ersten Italowestern und prägte mit seinen bleihaltigen Märchen, namenlosen Fremden und Ennio Morricones unvergeßlichen Kompositionen ein ganzes Subgenre, das seinerseits wiederum Hunderte kaum erwähnenswerte Epigonen sowie das eine oder andere Meisterstück hervorbrachte. Peckinpah hingegen ließ 1969 "The Wild Bunch" auf die Filmgeschichte los und lieferte damit nicht nur die ersten Zeitlupengemetzel auf Zelluloid, sondern auch einen entmystifizierten Spätwestern. Seine wilden Hunde, allen voran William Holden und Ernest Borgnine, traten am Schluß erstmals für moralische Prinzipien ein und bekamen dafür die Rechnung in Form zahlloser Revolverkugeln präsentiert.

1970 zeigte Hollywood dann die Schattenseite der Pioniermedaille - und die einst verteufelten Rothäute in Arthur Penns "Little Big Man" und Ralph Nelsons "Soldier Blue" als Opfer rücksichtsloser Eroberer und Imperialisten. In Don Siegels "The Shootist" nahm schließlich auch Wayne selbst als in die Jahre gekommener, verkrebster Revolverheld 1976 seinen Abschied von den Weiten der Prärie.

 

Drehen wir die Trommel aber noch einmal ein paar Jahre zurück: 1969 war nicht nur das Jahr, in dem Sam Peckinpah John Woos hochstilisierte "Heroic-bloodshed"-Kugeltänze vorwegnahm, sondern auch der historische Zeitpunkt, zu dem Jack Kirbys Comic-Superheld Captain America in der populären Kultur abgelöst wurde: Der Name ging in Dennis Hoppers Regiedebüt "Easy Rider" nämlich auf den Chopper-Fahrer Peter Fonda mit seinen zeittypischen Freiheitsidealen über.

Um dem Fluch seines Erfolgs und dem damit verbundenen Typecasting zu entkommen, entschied sich der Sprößling des großen Henry Fonda bald darauf, seinen Einstand als Filmemacher ausgerechnet mit einem Western zu feiern. Das Flaggschiff der kaum geborenen und schnell wieder verblichenen "Gegenkultur" trat also - zumindest mit ein paar Zehen - in die Fußstapfen seines Vaters, der sowohl im klassischen Western als Darsteller autoritärer Gesetzeshüter den Finger stets am Abzug hatte als auch 1968 in Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" seinen ersten Bösewicht verkörperte. Mit "The Hired Hand" schuf Fonda jun. einen Gegenentwurf zum seinerzeit populären Spät- und Italowestern - und somit fast wieder einen klassischen Genrebeitrag.

 

That´s my kind of western.

Henry Fonda über "The Hired Hand"

 

Die Handlung von "Der weite Ritt", wie Peter Fondas Film auf deutsch heißt, basiert auf einem Drehbuch von Alan Sharp: Statt bis an sein Lebensende als "High Plains Drifter" oder "Easy Rider" durch die Gegend zu ziehen, hat Harry Collings (Fonda) genug vom Dasein als schießender Nomade und will an sein früheres Leben anknüpfen. Seine Frau und Mutter seines Kindes ist über seine Rückkehr wenig erfreut, hat er sie doch seinerzeit verlassen, um gemeinsam mit Sidekick Arch Harris (der große Warren Oates, dessen Todestag sich heuer übrigens zum 25. Mal jährte) durch die Gegend zu ziehen. Harrys Absichten scheinen jedoch redlich - und so versuchen es die beiden ein zweites Mal miteinander. Als nachtragende Schurken Arch jedoch gefangennehmen und ihm solange Finger amputieren, bis Collings seine letzte offene Rechnung begleicht, ist die gerade erst in Angriff genommene Idylle auch schon wieder vorbei.

In "Der weite Ritt" ist der Böse übrigens kein Pistolero mit wehendem Mantel und blitzenden Colts, sondern offenbart sich als innerlich wie äußerlich verkrüppelter Niemand ohne Moral und Anstand.

 

Der erstmals auf DVD vorliegende Director´s Cut des Films erzählt nicht nur - wie die seinerzeit stark gekürzte Kinoversion - vom müde gewordenen Streuner, der sich nach Verwurzelung und einem ruhigen Lebensabend sehnt, sondern präsentiert auch eine sensibel inszenierte Geschichte rund um eine alleinstehende Frau im Wilden Westen.

Die Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond, den Fonda auf Empfehlung von "Easy Rider"-Kameramann László-Kovács engagierte, und die beeindruckende musikalische Untermalung Bruce Langhornes (an allen Instrumenten) machen "The Hired Hand" zu einem echten Genuß für Auge und Ohr. Man braucht also keineswegs zu befürchten, hier blumigen Hippie-Dreck vorgesetzt zu bekommen.

Neben einem witzig-informativen, hie und da jedoch etwas schwadronierenden Regiekommentar gibt es auf der Zusatz-DVD unter anderem eine einstündige Dokumentation, 23 Minuten an geschnittenen Szenen (unter anderem eine mit Larry Hagman!) sowie ein kurzes Video-Statement von Martin Scorsese, der bei der Restauration seine Finger im Spiel hatte. Die Neuveröffentlichung ist also nicht nur für Freunde des Genres einen Blick wert.

Jürgen Fichtinger

Der weite Ritt - 2-Disc-Special-Edition

ØØØØØ

(The Hired Hand)


Koch Media (USA 1971)

DVD Region 2

87 Min. + ca. 80 Min. Zusatzmaterial

Features: Regiekommentar, Dokumentation "The Return of The Hired Hand", Einführung von Martin Scorsese, Deleted Scenes, Booklet, Storyboards u. a.

Regie: Peter Fonda

Darsteller: Peter Fonda, Warren Oates, Verna Bloom u. a.

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