Video_Like Crazy

Liebe der Lieblosen

Junge trifft Mädchen - eine der populärsten Geschichten in Hollywood. Und weil die Liebe nur dann wirklich von Dauer ist, wenn sie einige Dramen überwinden muß, hält auch Drake Doremus´ Romanze einige Widrigkeiten für ihre Figuren parat. Allen voran die Tatsache, daß die beiden Hauptcharaktere nicht zu wissen scheinen, was das eigentlich bedeutet - Liebe.    18.10.2012

Manchmal kann Liebe so einfach sein. Zwei Personen besuchen das selbe Uni-Seminar, sie hinterläßt ihm einen Brief an der Windschutzscheibe, er verabredet sich daraufhin mit ihr. Das Date selbst ist in unserer beschleunigten Zeit herrlich altbacken. Sie liest ihm Gedichte vor, der zölibate Abschied wird durch das sehnsuchtsvolle Betatschen der gläsernen Haustür verstärkt. 

Kein One-Night-Stand, kein Übereinanderherfallen. Zimmermann Jacob (Anton Yelchin) und Journalistin Anna (Felicity Jones) scheinen es vielmehr ernst zu meinen. Einander zu ... lieben. Man will das Wort fast gar nicht aussprechen, ist es doch selbst in der hollywoodschen Filmlandschaft eine Art Klischee geworden. In einer Welt, in der ein "Ich liebe dich" oft zum Ende einer Beziehung führen kann.

 

Wunderbar realistisch ließe sich dieser Einstieg in "Like Crazy" daher vermutlich finden. Jacob und Anna entwickeln ihre Beziehung weiter und wirken glücklich. Wäre da nicht die Tatsache, daß Anna Engländerin ist und sich nur dank Studentenvisum in den USA aufhalten darf. Mit dem Ende ihrer Studienzeit droht folglich das Ende ihrer Beziehung zu Jacob. Erste Gewitterwolken ziehen auf.

Und plötzlich, aus heiterem Himmel, scheinen Drake Doremus sein Film und seine Figuren zu entgleiten. Daß Anna in drei Monaten mittels Besuchervisum zurückkehren könnte, scheint beiden keine Option zu sein. Klar, Liebe überdauert keine zwölf Wochen - erst recht keine junge Liebe zweier junger Leute der Generation "Jetzt-Hier-Sofort".

 

Kurzerhand wird Annas Abreise abgeblasen. Ob das bei den US-Behörden gut ankommt, spielt keine Rolle. Anna und Jacob sind verliebt - was kümmern sie da Visa-Angelegenheiten? Es fällt einem fortan schwer, angesichts ihres unsinnigen Verhaltens mit den beiden mitzufühlen. Vorhersehbar also, daß Anna bei ihrer nächsten Einreise nach der irgendwann vollzogenen Abreise sofort wieder ausgewiesen wird.

Die Widrigkeit obsiegt: Jacob ist in den USA und Anna in England. Die Chance auf ein Visum scheint unmöglich. Und weil Jacob keine Lust hat, von den Vereinigten Staaten ins Vereinigte Königreich zu ziehen, dürfte die Beziehung auf Eis gelegt sein. Liebe kennt eben ihre Grenzen, gerade wenn es um junge Zimmermänner geht, die mit ihren selbstgehämmerten Stühlen die Welt erobern wollen.

 

Es folgt ein Vor und Zurück, als handele es sich um romantische Gezeiten. Sowohl der eine als auch der andere Partner lassen andere Menschen in sein Leben - weniger emotionale Platzhalter als vielmehr Bettgenossen. Liebe ist ja schön und gut, aber mit SMSen jenseits vom Atlantik kann man keinen Sex haben. Was nun tragischerweise hinzukommt: Die neuen Beziehungen wirken weitaus plausibler als die zu Beginn verkaufte große Liebe.

So beginnt Jacob eine Verbindung mit Jennifer Lawrences Sam, die in seiner Firma arbeitet, während Anna sich mit einem alten Bekannten einläßt. Beide wirken glücklicher, zumindest nicht weniger glücklich als mit dem jeweils anderen zuvor. Alle paar Monate tritt Anna aber wieder in Jacobs Leben, und das Spiel beginnt von vorne, als wären sie ihrer Idee von "Liebe" etwas schuldig.

 

Das entscheidende Problem von "Like Crazy" ist, daß er ein Film über die Liebe sein soll, aber keiner ist. Die Figuren wissen nicht, was Liebe ist, und verletzen sich infolgedessen unentwegt selbst. Zusätzlich leidet der Film darunter, daß Doremus dem Zuschauer keinen Zugang zu seinen Figuren gewährt. Was finden sie aneinander? Wir wissen es nicht und bekommen auch keine wirkliche Ahnung davon.

Genausowenig wird thematisiert, daß Jacob eine unwahrscheinlich passive Figur ist. Es erscheint fraglich, ob er Anna überhaupt liebt - oder zu lieben glaubt. Als sie ihre Abreise verzögert, weist er sie nicht auf die Konsequenzen hin. Sie betreffen ihn ja nicht. Die dreimonatige Pause bis zu ihrer Rückkehr mit einer Reise nach England zu überbrücken, fällt ihm auch nicht ein. Es ist stets Anna, die für die Beziehung Opfer bringen muß.

 

Und während die nicht einmal anderthalb Stunden Filmlaufzeit zäh wie Kaugummi geraten, fragt man sich, warum "Like Crazy" vor einem Jahr beim Sundance Festival prämiert wurde. Oder wieso Doremus seine Hauptdarsteller ihre Dialoge improvisieren ließ. Und was der Film, der autobiographische Züge trägt, letztlich über die Beziehung von Doremus zu seiner österreichischen Gattin aussagt ...

Grundsätzlich könnte "Like Crazy" natürlich als Essay über die heutige Generation gelesen werden - eben jener naiv-narzißtischen Jugend, für die Liebe nur ein Wort ist, ein Trabant, der sich um das egozentrische Weltbild bewegt. Obschon mehrfach ins Geschehen involviert, können auch Annas glücklich verheiratete Eltern dem Paar keinen Aufschluß liefern. Höchstwahrscheinlich haben sie auch keine ähnliche Geschichte hinter sich wie Jacob und Anna.

 

Aber das muß natürlich nichts für die Zukunft des Paars heißen. Schließlich hat die Beziehung von Doremus und seiner Frau auch funktioniert. Zumindest im wahren Leben scheint er also zu wissen, was Liebe ist.

Florian Lieb

Like Crazy

ØØ

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USA 2011

Paramount

 

DVD Region 2

86 Min. + Zusatzmaterial, dt. Fassung oder englische OF

Features: Audiokommentar, geschnittene Szenen, alternative Szenen

 

Regie: Drake Doremus

Darsteller: Anton Yelchin, Felicity Jones, Jennifer Lawrence u. a.

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