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Illustriertendrama

Die besten Geschichten, sagt man, schreibt immer noch das Leben. So wie die von Philomena Lee, die einst einen Sohn gebar, der ihr entrissen und zur Adoption freigegeben wurde. Mit dem Journalisten Martin Sixsmith machte sie sich 50 Jahre später auf die Suche nach ihm. Die Verfilmung dieser Geschichte berührt und amüsiert. Und dafür gab´s vier Oscar-Nominierungen.    11.09.2014

Früher war nicht immer alles besser, sondern manches auch viel härter. Zum Beispiel für junge, unverheiratete Frauen, die schwanger waren. So berichtet die pensionierte Krankenschwester Philomena Lee (Judi Dench), daß sie vor 50 Jahren im katholischen Irland aufgrund ihrer Schwangerschaft in ein Kloster geschickt wurde. Dort mußte sie vier Jahre lang die Kosten für die Geburt ihres Kindes abarbeiten, um danach festzustellen, daß die Nonnen den Sohn zur Adoption freigegeben haben.

Fünf Jahrzehnte später bricht die alte Frau ihr Schweigen und erzählt ihrer Tochter davon - und die wiederum dem ehemaligen BBC-Reporter Martin Sixsmith (Steve Coogan). Weil der gerade seinen Job verloren hat und nach einer Einnahmequelle sucht, läßt er sich dazu bewegen, sich der Geschichte Philomenas anzunehmen und mit ihr zwecks Recherche von England nach Irland zu reisen.

 

Die Story hat sich tatsächlich ereignet, worauf "Philomena" gleich zu Beginn mit seiner Texttafel hinweist, daß der Film "nach wahren Begebenheiten" handelt. Sixsmith schrieb ein Buch über Philomenas Geschichte, der britische Schauspieler und Comedian Steve Coogan adaptierte es und produzierte die Verfilmung. Der Lohn dafür waren vier Oscar-Nominierungen im Frühjahr, darunter als bester Film.

Ausgezeichnet wurde "Philomena" allerdings nicht - und das ist letztlich vielleicht auch ganz gut so. Wirklich hervorragend gerät die Geschichte, die zwar von Coogan und Dench gut gespielt ist, leider nicht. Zuvorderst lebt der Film von Stephen Frears vom Zusammenspiel seiner beiden Darsteller, deren Beziehung im Mittelpunkt steht.

Auf der einen Seite ist da die herzliche Rentnerin, die zuerst bereitwillig ihre Geschichte mit Sixsmith teilt, um schließlich im weiteren Fortgang der Recherche nach und nach an ihrer Meinung zu zweifeln. Auf der anderen Seite wird Sixsmith erst mit der Zeit mit Philomenas Story warm, nachdem er zu Beginn noch mit ihr gehadert hat.

 

Anfangs tat er sie nämlich als "human interest story" ab. Für ihn ist das "ein Euphemismus für Geschichten über schwache, verletzliche, ungebildete Menschen für verletzliche, schwache, ungebildete Leser". Aber immerhin war es eine Geschichte, in der katholische Nonnen für 1000 Pfund Babys ins Ausland verkaufen. "Scheißkatholiken" raunt der Atheist Sixsmith - und recherchiert weiter.

Eine Barbesitzerin erzählt Sixsmith im Film, daß einst auch Schauspielerin Jane Russell ein Kind aus Irland gekauft habe. "Aber ich tratsche nicht", fügt sie hinzu. "Das merke ich", erwidert Sixsmith sarkastisch. "Philomena" nimmt sich trotz seiner Handlung immer wieder solche kleinen Momente, um Platz für eine humorvolle Pointe zu schaffen.

Dies pflegt Frears später auch durch Judi Denchs Charakter - sei es, wenn sie mit Sixsmith über Liebesromane diskutiert oder ihre Sorgen bezüglich eines Wiedersehens mit dem verlorenen Sohn teilt. Was, wenn der Bub drogensüchtig ist? Oder gar ... fettleibig? Immerhin sind die Portionen in Amerika ja so riesig (wovon sich die kleine irische Frau im Hotelrestaurant in Washington D. C. selbst überzeugen kann).

 

Für die Suche nach dem Sohn interessiert man sich als Zuschauer wiederum nur bedingt, was auch daran liegen mag, daß sie nicht wirklich kompliziert gerät. Relativ problemlos kommt Sixsmith immer an die Informationen, die ihn und Philomena zum nächsten Ansprechpartner und der nächsten Etappe bringen. Auch die Auflösung verpufft in ihrer Wirkung etwas.

Obendrein hätte es die etwaig eingestreuten Rückblenden zur jungen Philomena (Sophie Kennedy Clark) nicht zwingend gebraucht, da sie nicht wirklich mehr über die Frau und ihre Umstände verraten, als ihre Worte allein transportiert haben. Sie hätten schon mehr zeigen müssen, als der Zuschauer bereits wußte ...

Insofern ist "Philomena" das, was man gern als Charakterdrama bezeichnet: Die Figuren stehen über der Handlung. Womit nicht gesagt sein soll, daß letztere nicht zu berühren vermag. Angesichts des Themas wäre aber vielleicht eine Dokumentation rund um Philomena Lee und andere Frauen, denen ähnliches widerfuhr, geeigneter gewesen als Unterhaltunsgkino mit Texttafeln.

Florian Lieb

Philomena

ØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

GB/USA/F 2013

Universum Film GmbH


DVD Region 2


94 Min. + Zusatzmaterial, dt. Fassung oder engl. OF

Features: Interviews, Audiokommentar

 

Regie: Stephen Frears

Darsteller: Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark u. a.

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