Video_Vier Leben

Faszination Leben

Stillschweigend überschreitet Michelangelo Frammartino die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm und folgt in seinem jüngsten Film der Seelenlehre des Mathematikgenies Pythagoras. Dabei liefert er faszinierende Bilder aus Kalabrien, die den Zuschauer mit ihrer anmutigen Poesie in den Bann ziehen.    29.12.2011

Der Mensch ist ein Teil seiner Umwelt, darauf machte ihn bereits Gott aufmerksam, als er ihm beim Sündenfall erklärte: "Du bist Erde und sollst zu Erde werden" (1. Mose, 3,19). Aus dem Ackerboden hatte Gott den Menschen erschaffen, zu Ackerboden würde er nach seinem Ableben wieder werden. Ein Kreislauf des Lebens, wie ihn auch Pythagoras sah.

Dessen Lehre von der Seelenwanderung folgend inszenierte Michelangelo Frammartino seinen Film "Vier Leben", der dem Titel gemäß von vier Lebensbereichen berichtet: von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralen. Zwischen heidnischen Traditionen und christlichem Glauben fasziniert das Leben in all seinen Facetten.

 

Hierfür ging Frammartino ins italienische Kalabrien, der Heimat von Hirten und Köhlern. Dort wird seit Jahrhunderten Holzkohle in einem langsamen Prozeß in der gleichen Art und Weise von Hand hergestellt. Zu Beginn des Films zeigt die Kamera eine Lieferung von Holzkohle an die Dorfbevölkerung. Zum Schluß sehen wir, wie diese Holzkohle von den Köhlern produziert wird.

Zuerst wird aus Holzstämmen ein Schacht gebaut, anschließend um diesen ein Holzwall errichtet. Bedeckt wird das Ganze erst mit Stroh, dann mit Erde. Am Ende steht ein imposantes Konstrukt, das in seiner Entstehung wie in seiner resultierenden Produktion aufzeigt, wie sich Form und Materie verändern. Ein durchgängiges Motiv des Films.

 

In vier Episoden teilt sich "Vier Leben" auf, die, wenn man so will, nahtlos ineinanderfließen und aneinander anschließen. Das zentrale Segment ist sicherlich das erste, in welchem der Alltag eines alten Ziegenhirten gezeigt wird. Gebrechlich schleppt er sich über schmale Waldpfade, um abends hustend in einem kargen Zimmer zur nächtlichen Ruhe zu finden.

Sein einziger sozialer Kontakt scheint die Putzkraft in der örtlichen Kirche zu sein, die ihm gegen eine Flasche Ziegenmilch etwas vom zusammengekehrten Staub des Kirchenbodens überläßt. Der Hirte trinkt das - verdünnt -, im Glauben, daß es therapeutische Eigenschaften habe. Als er den Staub eines Tages vergißt, eilt er des Nachts zur Kirche und klopft verzweifelt an deren Pforten.

 

Kontrastiert wird die Figur des Hirten am Ende seines Lebens dann durch die Geburt eines Zickleins. Tod mündet wieder in Leben, während sich das junge Zicklein unbeholfen zu behaupten versucht. Ähnlich wie der Hirte zuvor ist es zwar Teil einer Gemeinschaft, aber dennoch ein Außenseiter. Gilt es in einer Szene, sich gegen die Artgenossen zu behaupten, folgt ihr danach eine dramatische Entwicklung.

Beim ersten Ausgang mit der Herde fällt das Zicklein in einem Waldgraben zurück und avanciert aus biblischer Sicht somit zum verlorenen Schaf. So verzweifelt wie der Hirte zuvor an dem Kirchengemäuer geklopft hat, blökt das Zicklein nun nach Unterstützung und Hilfe. Zuflucht bietet ihm später erst eine große imposante Tanne des kalabrischen Gebirges.

 

Überhaupt fallen die Naturaufnahmen von Frammartino nicht minder beeindruckend aus als das narrative Gerüst seines Films. In ruhigen, langen Einstellungen portätiert er Kalabrien, dabei immer wieder auch das Normannenkastell in der Provinz Vibo Valentia aus der Ferne einfangend. Wie aus einer anderen, bisweilen bereits verblichenen Zeit mutet die Szenerie oft an.

Egal ob Vibo Valentia, das Städtchen Caulonia oder das Dorf Alessandria del Carretto – der rustikale Charme von Kalabrien findet sich in ihnen allen wieder. Nahezu meditativ geraten hier die dialogfreien Bilder von Kameramann Andrea Locatelli, die Frammartino auch ausgesprochen selten von Paolo Benvenutis Musik untermalen läßt.

 

Jene Tanne, unter der das Zicklein dann Zuflucht gesucht hat, repräsentiert den vegetativen Bereich. Im Zuge der Festa della Pita, einer von den Langobarden stammenden heidnischen Tradition des Dorfes Alessandria del Carretto, wird die Tanne gefällt. Gemeinsam tragen die Bewohner den Baum, wieder Teil einer Gemeinschaft und doch allein, nachdem sie ihn entästet haben ins Dorf.

Dort wird er aufgestellt und dient der Festprozedur, die Frammartino nur kurz aus einer Seitenstraße einfängt. Hat die Tanne ihren Zweck erfüllt, wird sie zerkleinert und den Köhlern übergeben. Der Kreislauf schließt sich, wenn aus jener Tanne schließlich Holzkohle gewonnen wird, die den Bewohnern des Dorfes unseres Hirten zum Feuermachen dient.

 

Ein besonderes Augenmerk richtet "Vier Leben" dabei auf Prozeduren und Traditionen. Sei es das jährliche Fest der Tannenbesteigung, der Glaube an die heilenden Kräfte des Kirchenstaubs oder ein Passionszug, der in einer Szene die Hütte des Hirten passiert und ein ungewöhnliches Ende findet, als der Hund des Hirten dazwischenfährt.

Frammartino ist ein faszinierender Einblick in die kalabrische Kultur gelungen, mit harmonisch aufeinander abgestimmten Bildern voller nachhaltiger Poesie. Was teilweise wie eine essayistische Dokumentation anmutet, ist vielmehr ein schweigsamer Spielfilm mit pythagoreischen Anklängen. Und einer der schönsten Filme des Jahres.

 

 

         

 

Florian Lieb

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Vier Leben

ØØØØ

Le quattro volte

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Produktion: Italien/Deutschland/Schweiz 2010

Videovertrieb: New Wave

 

DVD Region 2

88 Min. + Zusatzmaterial, ital. OF mit engl. UT

Features: Interview mit Michelangelo Frammartino

 

Regie: Michelangelo Frammartino

Darsteller: Giuseppe Fuda, Bruno Timpano, Nazareno Timpano

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