Kino_Cloverfield

First it takes Manhattan

MonsterTube.com: Was tut man, wenn ein gigantisches Viech die Straßen New Yorks in Schutt und Asche legt? Richtig, man hält mit der digitalen Videokamera drauf, während man um sein Leben rennt. Das Ergebnis - der erste Big-Budget-Monsterfilm in (vermeintlicher) YouTube-Ästhetik - wird ab heute das Kinopublikum spalten.    31.01.2008

Angekündigte Sensationen? Die bleiben - so will es der unerbittliche Freund Alltag - gemeinhin ja gern aus. So darf es einen im Falle des schon vorab via kongenial geschlagener Marketing-Keulen zum Großereignis und mindestens Genre-Meilenstein hochstilisierten "Cloverfield" denn auch nicht unbedingt wundern, daß die Kinnladen nach Sichtung ein klein wenig mehr runterhängen, als man sich das gewünscht hätte. Weil man sich eben besser nichts gewünscht hätte. Dann nämlich - also, wenn man seine Erwartungshaltungen vorab etwas runterschraubt - hat man es bei objektiver Betrachtung immer noch mit dem zweitbesten Monsterfilm dieses Jahrtausends zu tun (knapp hinter dem südkoreanischen "The Host" aus dem vergangenen Jahr). Was bei der praktisch nicht existierenden Konkurrenz keine Kunst ist ...

Nichtsdestotrotz leistet "Cloverfield" aber Erstaunliches. So schafft allein die Idee, den Angriff eines Monsters auf Manhattan via Handkamera aus der Point-of-View-Perspektive eines Einzelnen (und der ihn umgebenden peer group) zu erzählen, eine nervenzerfetzende Unmittelbarkeit, die man in einem Streifen dieser Bauart so noch nicht erlebt hat. Wo man etwa Spätneunziger-Monster-Movies wie Roland Emmerichs "Godzilla"-Versuch kaum durchstehen konnte, ohne sie in ihrer digitalen Distanziertheit mitleidig, aber kaum erschrocken zu belächeln, befindet man sich hier sofort im sprichwörtlichen Auge des Hurrikans, in dem einem die, ja, Scheiße mit einer solchen Wucht um die Ohren fliegt (zumindest in einem anständigen Kino), daß schwach Beherzten wirklich schon einmal die Pumpe stehenbleiben kann. Der geneigte Gamer kennt das Gefühl ja so oder so ähnlich von diversen First-Person-Shootern.

Wer jetzt "Blair Witch" schreit, hat natürlich auch nicht ganz Unrecht - übersieht dabei aber einen zentralen Unterschied: Wo das "Hexe (?) verarscht Teenager im Wald"-Filmchen tatsächlich viel Lärm um Nichts war, gibt es hier eine sehr, nun, "reale" Bedrohung. Das wird einem von dem Moment an klar, in dem der Kopf der Freiheitsstatue durch Manhattan kullert. Dieses Viech - der subjektiven Erzählweise ohne erklärende Instanzen ist es geschuldet, daß man nie erfährt, was ES genau ist oder wo es herkommt, sondern nur, daß es gigantisch groß und zornig ist und auf jeden Fall gewinnen wird - ist zweifelsohne gekommen, um den größtmöglichen Schaden anzurichten. Und dabei ist es durch nichts und niemanden zu stoppen. Nix also mit subtilem Schauer; hier geht es ans Eingemachte.

 

An dieser Stelle kommt zusätzlich ein interessanter (und von Produzentenfuchs J. J. Abrams wohl beabsichtigter) Subkontext zum Tragen: Wenn man mitten im Herzen New Yorks Wolkenkratzer gegeneinander bzw. ineinander zusammenkrachen läßt, dann denkt nicht nur der verängstigte Ami an etwas, das vor etwas mehr als sechs Jahren an Ort und Stelle und in Wirklichkeit passiert ist. "Cloverfield" wirbelt also gleich in mehrerlei Hinsicht Staub auf. Daß Abrams und sein ausführender Regisseur Matt Reeves dieses Inferno auch dann noch in wackeliger YouTube-Ästhetik festhalten, wenn sie gleichzeitig ein gar nicht unbescheidenes Digitaltricktechnikarsenal abfeuern, mag zwar ein Wagnis oder gar ein Widerspruch sein, erfüllt aber den bereits angesprochenen Effekt der Unmittelbarkeit umso beeindruckender. Wenn das Monster etwa effektmächtig die Brooklyn Bridge zweiteilt, worauf diese ineinander zusammenklappt und alles darauf nach unten reißt, glaubt man für eine Sekunde, selbst den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Natürlich hat eine Konstellation, die einen so nahe am Geschehen und damit den handelnden (ergo laufenden und schreienden) Charakteren sein läßt, auch ihre Nachteile. Insbesondere, wenn die - und hier sind wir doch wieder bei der "Blair Witch" - bloß Reißbrettmännchen sind, die (sich) eigentlich nichts zu sagen haben, man aber in Abwesenheit anderer Figuren trotzdem all ihr Geplauder hören muß. So offenbart sich auch der zentrale Schwachpunkt von "Cloverfield": Wenn einmal gerade nicht die Hölle hereinbricht, nimmt sich der Film schlichtweg aus wie eine dieser alltagsbanalen MTV-Reality-Soaps. Besonders hart ist dies in den anfänglichen 15 Minuten, die den Film mit fadem Partygequatsche (schon verstanden, man will uns die Figuren näherbringen) beinahe gleich zu Beginn zu Fall bringen. In Anbetracht einer Nettolaufzeit von etwa 75 Minuten ist dies natürlich gleich eine doppelte Zumutung. Auch die Frage, ob man denn nun zu viel oder zu wenig vom Monster zu sehen bekommt, dürfte die Geister scheiden. War "Der weiße Hai" nicht gerade deshalb so angsteinflößend, weil man ihn nur sporadisch und kurz zu sehen bekommt? Hat einen aber nicht gerade das bei "Blair Witch" (schon wieder ...) so unendlich genervt?

 

Viel vom Erfolg oder Mißerfolg von "Cloverfield" wird nebstbei auch davon abhängen, ob der Hype oder doch eher der dadurch heraufbeschworene Backlash die Oberhand behalten werden. Gut möglich, daß die Internet-Revolution hier ihre Kinder frißt und das Publikum eindeutiger zweiteilt, als dies bei einer etwas konventionelleren Umsetzung und Vermarktung der Fall gewesen wäre. Fest steht: Das Rad des Monsterfilms wurde mit diesem letztendlich hochkalkulierten Vorhaben nicht (wie vielleicht erhofft) neu erfunden. Es hat sich allerdings auch schon lang nicht mehr so geschmeidig gedreht wie hier.

Christoph Prenner

Cloverfield

ØØØ 1/2

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USA 2008

85 Min.

Regie: Matt Reeves

Darsteller: Michael Stahl-David, Mike Vogel, Odette Yustman u. a.

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