Kino_Viennale 2012/Journal III

Me vs. The Mob

Im finalen Teil der EVOLVER-Festival-Berichterstattung müssen sowohl Woody Harrelson als auch Mads Mikkelsen mit einem ihnen feindlich gesinnten Umfeld fertig werden - freilich aus ganz unterschiedlichen Gründen. Hereinspaziert in "Rampart" und "Jagten".    12.11.2012

Du gegen all die anderen. Die grölende Horde vor der Haustür, haßbetankt und heugabelbewehrt. Darauf läuft es gerne einmal raus, wenn ein paar falsche Entscheidungen dann auch noch fundamental falscher gedeutet werden. Dave Brown weiß davon in Rampart das eine oder andere Schmählied zu singen. Nicht, daß er an seiner Situation auch nur irgendwie unschuldig wäre. Der von Woody Harrelson gespielte Officer hat sein Credo "I am not a racist. Fact is, I hate all people equally" nicht von irgendwoher; er lebt vor allem auch danach. Ein Vierteljahrhundert im Polizeidienst von Los Angeles hat seine Spuren bei Dave hinterlassen - und er seine Spuren in der Stadt. Keine noch so gravierende Verfehlung, aus der sich der (so oder so) schlagfertige Cop nicht von selbst wieder herauswinden hätte können. Selbst ein Mord an einem Serienvergewaltiger konnte ihm nie nachgewiesen werden, hängen blieb davon nur sein wenig schmeichelhafter Spitzname: "Date Rape". Als dann aber einmal eine Kamera (zufällig?) einen seiner Übergriffe festhalten kann und daraus ein von den Medien hochgejazzter Polizeiskandal zu entstehen droht, sitzen ihm Staatsanwaltschaft, Internal Affairs und öffentliche Meinung gleichermaßen im Genick - was Brown zu noch desperateren Methoden greifen läßt.

Regisseur Oren Moverman möchte seinen Antihelden dennoch nicht als ruchlosen "Bad Lieutenant" zeichnen. Er verleiht ihm beispielsweise einen zwar nicht zwangsweise normalen Familien-Background (Dave lebt in gutem Einverständnis mit zwei Schwestern zusammen, beides seine Exfrauen, mit je einer gemeinsamen Tochter), aber auch keinen, der von allzu desolaten Verhältnissen kündet. Daß dieser Dave Brown auch allgemein als weit komplexere, ja durchaus fragilere Figur erscheint, als man das nach den ersten Eindrücken noch annehmen mochte, ist zuvorderst einem so gut wie noch nie agierenden Woody Harrelson zu verdanken, der sich mit solch göttlicher Wucht und süßsaurer Selbstzerfleischung in seine Rolle wirft, als wäre es die letzte seines Lebens. Spätestens wenn sich diese James-Ellroy-Adaption - wohl eine der besten je dagewesenen - zum Ende hin auch noch komplett vom narrativen Erzählen verabschiedet und bis ins Besinnungslose berauscht in die dreckig-glitzernde Neon-Noir-Welt des nächtlichen L. A. abtaucht, kann man sein Glück kaum noch fassen.

 

Yours truly, angry mob. Nächstes Kapitel, nächster Schauplatz. Auch Mads Mikkelsen muß in seinem neuen Film Bekanntschaft mit aufgescheuchten Mitmenschen machen - wenngleich aus gänzlich anderen Gründen. Seine Figur Lucas in Jagten/The Hunt ist nicht Kieberer, sondern ... Kindergärtner in einem dänischen Kaff. Als er von einem kleinen Mädchen des sexuellen Mißbrauchs beschuldigt wird, brechen schnell die Dämme der Dorfgemeinschaft. Aus seinen eben noch verschworenen Kumpels werden hysterische Hexenjäger, Leib und Leben bedrohende Lynchjustizler. Regisseur Thomas Vinterberg weiß aus diesem Szenario, das in weit weniger fähigen Händen auch im Bewegtbild-Kellergeschoß des SAT-1-FilmFilms enden hätte können, einen Handschweiß hervorrufenden Thriller zu zimmern, bei dem man nie so ganz erahnen kann, ob gleich die schlimmstmögliche Katastrophe oder doch so etwas wie Läuterung und/oder Vergebung anstehen könnten.

Wiewohl im Hintergrund des öfteren die verwandten Thematiken einiger der größten dänischen Arthouse-Erfolge mitschwingen (Lars von Triers "Dogville", klarerweise auch Vinterbergs eigenes "Das Fest") nimmt "Jagten" seine sehr eigenen, nicht minder reizvollen Wendungen und stellt unterwegs furchtlos derart unangenehme Fragen, daß man sich schnell sicher ist, daß es darauf wohl gar keine angenehmen Antworten mehr geben kann. Diese Ratlosigkeit kennt denn auch kein passenderes Gesicht als jenes von Mads Mikkelsen, das eben einmal nicht wie handelsüblich für manische Ausbrüche aller Art verwendet wurde, sondern hier beim langsamen und leidenden Zerbrechen an der Grobheit der Welt da draußen beobachtet werden kann. Ein unerwartet starker Film.

Christoph Prenner

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