Der Fall Chodorkowski
ØØ 1/2
Khodorkovsky
Deutschland 2011
111 Min.
Regie: Cyril Tuschi
Wenn sich George W. Bush für eine inhaftierte Person einsetzt, wirft das automatisch die Frage auf: Kann diese Person tatsächlich unschuldig sein? Jahrelang begleitete der deutsche Filmregisseur Cyril Tuschi den juristischen Fall des russischen Oligarchen Mikhail Khodorkovsky. Das Ergebnis ist ein journalistisch ungeschickt zusammengestellter Dokumentarfilm. 08.11.2011
Im Jahre 2002 war Mikhail Khodorkovsky der reichste Mann der Welt unter 40 Jahren, zwei Jahre später auch der reichste Russe. Zu dem Zeitpunkt war er jedoch bereits verhaftet worden. Als Grund für seine Verhaftung mutmaßt der deutsche Filmregisseur Cyril Tuschi unter anderem, daß Khodorkovsky bei einem Treffen mit Wladimir Putin keine Krawatte getragen hätte. In Wahrheit wurde dem Oligarchen, der seine Erdölfirma Yukos zu Rußlands finanzstärkstem Konzern machte, Betrug und Steuerhinterziehung vorgeworfen.
Zu Beginn inszeniert Tuschi daher ein Jugendlichen-Trio, das verdutzt die Kamera registriert, fragt, um was es geht und bei dem Namen "Khodorkovsky" schließlich herauspoltert, der habe Russland ja Geld gestohlen. Offensichtlich wurden russische Kinder nicht wie Tuschi selbst von ihren Eltern vor neoliberalen Kapitalisten wie Khodorkovsky gewarnt.
Man mag sich jetzt fragen, wieso Tuschis Eltern ihren Sohn als Kind vor neoliberalen Kapitalisten warnen oder warum zu Beginn diese Jugendlichen instrumentalisiert werden, um eine sperrige Einführung in "Der Fall Chodorkowski" zu geben. So wie man sich später fragt, warum Tuschi als weiteren Gesprächspartner eine DJane interviewt, die nebenher noch Zahnärztin ist (oder Zahnärztin, die nebenher noch DJane ist), die letztlich nochmals dasselbe sagt wie die Jugendlichen zu Beginn.
Womit bereits das große Manko von Tuschis Film angesprochen wäre: Seine journalistische Mangelhaftigkeit bezüglich der Umsetzung. Tuschis Film liefert Doppelungen, Bild-Bild-Kollisionen, Bilder ohne Informationsebene, unscharfe und verwackelte Einstellungen; und er kann sich für keine Darstellungsart wirklich entscheiden, ist einmal Dokumentation, dann wieder Filmfeature, weshalb er daran scheitert, eine dieser Formen zufriedenstellend zu repräsentieren.
Da geht Tuschi an manchen Stellen wie in einer Reportage vor, stellt sich und seine subjektive Sichtweise ins Zentrum, um dann wieder zur deskriptiven Dokumentation überzugehen, ehe er sich ins Feature verabschiedet und mit (ungemein häßlichen) Animationen versucht, unwichtige Szenen nachzustellen, zu denen er keine Bilder hat. Wenn Khodorkovskys Auftstieg beginnt und er in Geld zu schwimmen scheint, läßt Tuschi einen animierten Protagonisten wie Dagobert Duck in einem Pool voller Geld schwimmen.
Wenn von dem Bau seines Unternehmens die Rede ist, zeigen die Bilder einen Khodorkovsky, der im Fitneßcenter Body-Building betreibt, und als Putin langsam die Geduld mit dem oppositionellen Konkurrenten ausgeht, zeigt Tuschi eine Militärkolonne mit Raketentransport. Aussageinhalt: Es werden schwere Geschütze aufgefahren. Nachdem Khodorkovsky sich 2003 in den USA entscheidet, nach Rußland zurückzukehren - im Wissen, dort verhaftet zu werden -, zeigt die Animationssequenz ein Flugzeug, das an der Statue of Liberty vorbeifliegt, weil er mit dieser Reise die symbolisierte Freiheit hinter sich gelassen hat.
Damit’s auch der kleine Maxi kapiert. (Man stelle sich einmal vor, nur weil jemand in einem Dokumentarfilm sich für eine andere Person verbürgt, zeigt der Regisseur eine Hand, die sich auf eine Glut legt, um zu veranschaulichen, daß hier jemand seine Hand ins Feuer legt.) Ähnlich unsinnig ist Tuschis Zwang, Bildeinstellungen in Schwarzweiß beginnen zu lassen, um sie dann farblich zu saturieren - was wohl eine visuelle Brücke zwischen Damals und Heute darstellen soll.
Dazwischen erhält der Zuschauer Informationen wie die nicht belegte Behauptung, ein Drittel von Khodorkovskys Anhängern unterstützen ihn, da sie "finden, daß er gut aussieht". Später liefert Tuschi eine ähnlich sinnvolle Ergänzung, wenn er uns mitteilt, daß Boris Nemtsov, ein von Khodorkovsky unterstützter Putin-Gegner, "zum erotischsten russischen Politiker gewählt wurde".
Ebenso ärgerlich ist es, wenn Tuschi später die Chance erhält, Khodorkovsky am Rande seines Prozesses kurz zu interviewen. In wenigen Minuten gilt es die richtigen Fragen zu stellen, Informationen zu gewinnen und zu vermitteln. Das klassische Handwerkszeug eines guten Journalisten. Daher entscheidet sich Tuschi, den seit Jahren inhaftierten Oligarchen danach zu fragen, ob er im Gefängnis eigentlich meditieren würde oder nicht doch weinen? Also die wirklich wichtigen Fragen.
Wäre die stümperhafte Umsetzung des Filmregisseurs nicht (und hier liegt vielleicht das Hauptproblem: Daß ein Filmregisseur einen Dokumentarfilm drehen wollte), hätte aus "Der Fall Chodorkowski" tatsächlich ein richtig guter Film werden können. Dafür hätte Tuschi jedoch weniger Interesse am Sex-Appeal seiner Protagonisten zeigen müssen und dafür mehr am politischen Ränkespiel.
Schließlich ist - wie es ein Interviewter ganz gut beschreibt - Khodorkovsky allenfalls der Beste unter den Schlechten. Denn kaum jemand dürfte in Rußland zum reichsten Menschen unter 40 Jahren aufsteigen, wenn er nicht ein paar Leichen im Keller hat. Und wenn sich ein George W. Bush für einen einsetzt, ist das ebenfalls eher kontraproduktiv.
Unterm Strich gelingt es "Der Fall Chodorkowski" zwar, das politische System Rußlands bisweilen überzeugend zu dokumentieren; an den zahlreichen journalistischen Fehlern des Films ändert dies jedoch nichts.
Khodorkovsky selbst gibt im Gespräch mit dem Regisseur eine Anekdote zum Besten, die auch gut auf dessen journalistisch-dokumentarischen Ambitionen passen würde: Ein kluger Mann findet in schwieriger Lage immer eine Lösung, ein weiser Mann hingegen begibt sich erst gar nicht hinein. Möge sich Tuschi das zu Herzen nehmen.

Der Fall Chodorkowski
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Khodorkovsky
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111 Min.
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