Kino_Iron Man

Der eiserne Jungmann

Willkommen zur One-Man-Show des Robert Downey Jr.! In der neuen Comic-Verfilmung, die das Genre des Superhelden-Films um einen weiteren schillernden Charakter bereichert, darf Hollywoods Enfant terrible so richtig loslegen. The world is yours, Tony Stark!    25.04.2008

Das Marvel-Universum besteht aus unzähligen, mal mehr, mal weniger bekannten Superhelden. Peter Parker alias Spider-Man kennt jedes Kind, ebenso die Mutanten-Crew der X-Men oder den spinatgrünen Hulk. Iron Man - der Protagonist der jüngsten Verfilmung eines Marvel-Charakters - dürfte da eher schon ein Fall für Insider und Comic-Nerds sein. Doch damit ist jetzt Schluß. Mit Robert Downey Jr. in der Hauptrolle erhält der Eisenmensch auch auf der Leinwand seinen großen Auftritt. Und der fällt überaus unterhaltsam, selbstironisch und stilsicher aus.

Die Einführung ist kurz, aber prägnant. Der Zuschauer lernt Tony Stark (Downey), Chef des von seinem Vater gegründeten Firmenimperiums Stark Industries, als arroganten, übercoolen, zynischen Multimilliardär und Waffenfanatiker kennen. Mit dem Verkauf von tödlichen Raketen, Granaten und anderen explosiven Dingen verdient Tony mehr, als er jemals ausgeben könnte. Seine einfache Devise lautet: "Die besten Waffen sind jene, die man nur einmal einsetzen muß!" Ihn kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Selbst als sein Konvoi in Afghanistan beschossen wird, ist der Menschenfeind Tony noch zu Scherzen aufgelegt. Diese vergehen ihm erst, nachdem er von Rebellen entführt und in einer Höhle festgehalten wird.

Für seine Kidnapper soll Tony eine seiner tödlichen Raketen nachbauen. Doch statt den Anweisungen zu folgen, tüftelt Mr. Cool lieber an einer eisernen Superrüstung, die ihm den Weg in die Freiheit bahnen soll: die Geburtsstunde des Iron Man. Als er wieder zu Hause ist, plagt Tony dann sein doch vorhandenes Gewissen. Ihm wird plötzlich klar, was Waffen anrichten können, wieviel Leid und Tod sie über Unschuldige bringen. Zur Überraschung der Öffentlichkeit, seiner charmanten Assistenten Virginia "Pepper" Potts (Gwyneth Paltrow) und seines gerissenen Geschäftspartners Obadiah Stane (Jeff Bridges) kündigt er auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz den Ausstieg aus der Waffenherstellung an. Daß er sich damit nicht nur Freunde gemacht hat, muß Tony schon sehr bald feststellen.

 

Es scheint in Hollywood derzeit schwer angesagt zu sein, Filme zu drehen, die augenscheinlich als Pilot konzipiert worden sind. Nach Christopher Nolans "Batman"-Revival und Doug Limans "Jumper", der nur dann einen Sinn ergibt, wenn ihm noch weitere Sequels folgen, merkt man auch "Iron Man" überdeutlich seinen Prolog-Charakter an. Dazu paßt die Information, daß Robert Downey Jr. gleich einen Vertrag über drei "Iron Man"-Filme unterschrieben hat. Mit Teil eins, der unter der Regie von Jon Favreau entstand, geht Marvel ein beachtliches finanzielles Risiko ein. Immerhin schulterte der Konzern die 186-Millionen-Dollar-Produktion ohne die Mitwirkung eines großen Hollywood-Studios. Daß die Vorlage recht unbekannt ist und sich Hauptdarsteller Downey bislang nur sehr eingeschränkt als Box-Office-Magnet hervorgetan hat, kommt erschwerend hinzu.

Als Kinozuschauer würde man sich wünschen, daß soviel Mut auch belohnt wird - schließlich ist "Iron Man" eine echte Bereicherung für das an Highlights wie Rohrkrepierern nicht arme Genre des Superhelden-Films. Und das liegt vor allem an Robert Downey Jr. und seinen Kollegen Paltrow und Bridges. Favreau tat gut daran, den einzelnen Charakteren mit ihren schrulligen bis charmanten Ticks einen Großteil der Leinwandzeit zu überlassen. Die sicherlich flott inszenierten und tricktechnisch überzeugenden Action-Einlagen spielen hier nur eine Nebenrolle, wenngleich eine nicht unwichtige. Für Downey könnte sich der exzentrische Milliardär gar als Karrieresprungbrett erweisen. Der 43jährige gebürtige New Yorker zelebriert in der Rolle des Tony Stark Overacting in Perfektion. Sowohl das zynische Arschloch als auch den geläuterten Unternehmer nimmt man ihm ab, gerade weil beides stets mit einem unübersehbaren Augenzwinkern vorgetragen wird.

Selbstironie ist ohnehin eine der vielen Stärken dieser Produktion. Sei es bei Tonys Experimenten im heimischen Forschungslabor oder bei der Zurschaustellung seines Playboy-Images (im Privatjet fahren auch schon mal auf Knopfdruck Stangen aus dem Boden, an denen sich die Stewardessen als Go-go-Tänzerinnen versuchen können) - an liebevollen, spielerisch in den Plot eingebauten Details herrscht wahrlich kein Mangel. Neben Downey zeigen eine zum Anbeißen süße Gwyneth Paltrow und Charakterkopf Jeff Bridges, daß sie mit Spaß bei der Sache sind. Bridges, spätestens seit "The Big Lebowski" für nicht wenige ein Gott, scheinen Superschurken-Attribute wie Gier und Größenwahn förmlich auf der Stirn eintätowiert zu sein. Allerdings zieht auch er am Ende gegen die One-Man-Show des Robert Downey Jr. den Kürzeren.

Das nicht nur für eine Comic-Adaption außergewöhnliche Ensemble entschädigt für die zuweilen recht berechenbare Geschichte, die weitgehend der Logik vergleichbarer Produktionen folgt. Tonys Sinneswandel, sein Wandel zum Iron Man, das alles hat man so oder so ähnlich in anderer Verpackung schon des öfteren gesehen. Die Selbstexperimente und High-Tech-Basteleien erinnern an den letzten "Batman", der Widerpart des wahnsinnigen Geschäftsmanns an die "Spider-Man"-Reihe und Charaktere wie Norman Osborn und Dr. Octavius. Und das Duell Iron Man gegen Iron Monger greift wohl nicht ganz zufällig auf die kühl-metallene Ästhetik der "Transformers" zurück.

Wie gut dieser jüngste Marvel-Streifen insgesamt funktioniert, zeigt sich am Ende. Nachdem man nämlich für knapp zwei Stunden als Gast den aufregenden Mikrokosmos des Tony Stark erforschen durfte, stellen sich noch lange keine Ermüdungserscheinungen ein. Im Gegenteil: Irgendwie geht von diesem Spielplatz für kleine Jungs eine starke Faszination aus. Man möchte mehr über dieses Riesen-Ego erfahren, über seine exzentrischen Manierismen und seine revolutionären Ideen. Natürlich ist "Iron Man" dabei klar auf ein männliches Publikum zugeschnitten. Die scharfen Mädels, der technische Firlefanz, die explosive Action, all das dürfte vorrangig Männerherzen höher schlagen lassen. Aber allein um zu erfahren, wie es mit Tony und Pepper weitergeht, werden sich auch die Damen wünschen, daß Iron Man möglichst bald zu seinem zweiten Kinoabenteuer antritt.

Marcus Wessel

Iron Man

ØØØ 1/2

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USA 2008

118 Min.

Regie: Jon Favreau

Darsteller: Robert Downey Jr., Jeff Bridges, Gwyneth Paltrow u. a.

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