Kino_John Wick

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Manchmal reicht ein bloßer Name, um einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Wie bei John Wick - einem Ex-Auftragskiller für den Mob, der aus der Rente zurückkehrt, als ihm der Sohn eines alten Weggefährten den Hund tötet. Keanu Reeves brilliert in diesem ebenso vergnüglichen wie kurzweiligen GunKata-Film.    24.02.2015

Heutzutage mögen sich vielleicht nicht mehr viele Menschen daran erinnern, aber noch vor 15 Jahren war Keanu Reeves der größte Action-Star in Hollywood. Dank des Erfolgs von "The Matrix" avancierte der Schauspieler, der zuvor seinen größten Film-Hit mit Jan DeBonts "Speed" hatte, zu einem der bestbezahlten Darsteller in der Branche. Davon ist heute nichts mehr zu spüren.

Filme wie "Henry & Julie", "The Man of Tai Chi" oder "47 Ronin" gingen in der Rezeption unter - was sich über "John Wick" nicht gerade sagen läßt. Speziell in den USA wurde der Film positiv besprochen; auch finanziell gehört "John Wick" hinsichtlich Kosten und Ertrag zu Reeves´ erfolgreichsten Filmen seit Jahren. Und das grundsätzlich auch zu Recht.

 

In Chad Stahelskis Film spielt Keanu Reeves den titelgebenden Helden, einen ehemaligen Auftragskiller, der seine Profession für die Liebe zu seiner Frau (Bridget Moynahan) aufgab. Als die einer Krankheit erliegt und ihrem Gatten einen Hund als emotionalen Nachlaß hinterläßt, dieser bei einem nächtlichen Überfall jedoch von Einbrechern ermordet wird, greift Wick wieder zur Waffe.

Befeuert wird die Situation durch die Tatsache, daß der Einbrecher der Sohn von Mob-Boß Viggo (Michael Nyqvist) ist - und dessen Aufstieg in der Unterwelt verdankte sich einst der Arbeit von Wick. Während dieser sein Gold und seine Waffen ausgräbt, um womöglich ins letzte große Gefecht zu ziehen, setzt Viggo ein Zwei-Millionen-Kopfgeld auf Wick aus.

Das wiederum lockt auch Wicks ehemaligen Kollegen Marcus (Willem Dafoe) aus der Reserve, genauso wie die Nachwuchs-Killerin Perkins (Adrianne Palicki). Beide heften sich an die Fersen des namhaften früheren Mitstreiters, der innerhalb der Branche auch als "Baba Yaga" alias "Der schwarze Mann" bekannt ist - Namen, die Gegner wie Viggo und Konsorten schlucken lassen.

 

In seinen Grundzügen ist "John Wick" also ein simpler Rachefilm, in dem die Hauptfigur ihren Kummer und Schmerz ob des Todes der Gattin dadurch kanalisieren kann, indem sie Vergeltung für den Mord am Hund übt. Das mag manchem Zuschauer profan erscheinen - und das tut es in der Tat auch den Antagonisten im Film -, doch für John Wick ergibt es durchaus Sinn. Gar nicht einmal so sehr, weil die Figur wirklich an dem Hund hängt, der ein Geschenk der Ehefrau war; sondern weil sich durch den Tod des Tiers ein Ventil für die Hilflosigkeit eröffnet, die der Kampf- und Waffenexperte angesichts der Krankheit seiner Liebsten empfand. Der Hund ist somit in gewisser Weise nur Mittel zum Zweck: der "Trauerarbeit" des Protagonisten.

Nicht unähnlich ist die Beziehung zwischen Viggo und seinem Sprößling. An dem Buben liegt dem Vater zwar nicht sonderlich viel, aber John Wick ausliefern möchte der Mob-Boß ihn halt auch nicht. Weniger aus Liebe, sondern weil er das Kind vermutlich schlicht als eines seiner Besitztümer ansieht, das er sich von niemandem nehmen lassen will. Nicht einmal von John Wick.

 

Allzu tiefschürfend gerät der Film jedoch sowieso nicht. Ist John Wick erst einmal unterwegs, dann reiht sich bald ein Set-Piece an das andere. Eine gelungene und humorvoll abgerundete Home-Invasion-Szene geht beispielsweise nahtlos in eine choreographisch dichte und schweißtreibende Konfrontation in einem Nachtclub über. Zwischendrin wird kurz durchgepustet, ehe Wick wieder Fäuste und Kugeln sprechen läßt.

Dabei machen weder die Figur noch der Film Gefangene. In stylischer GunKata-Manier tritt und schlägt Wick um sich; die meisten seiner Gegner befördert er mit einem finalen Kopfschuß ins Jenseits. Als Folge wandelt sich die zuerst überhebliche Art von Viggos Sprößling schnell in nackte Panik, wenn sich zeigt, daß auch ein pensionierter John Wick immer noch "Baba Yaga" sein kann.

In den ersten 80 Minuten ist "John Wick" dabei ein packender und gelungener Action-Film alter Schule, der wenig falsch macht. Einen leichten Bruch gibt es wiederum in den letzten 20 Minuten, wenn ein paar der Figuren Entscheidungen treffen, die angesichts der Welt des Films und der vorherigen Ereignisse wenig naheliegend sind. Sie wirken vielmehr etwas gezwungen, um den letzten Showdown zu begründen. Nichtsdestotrotz ist "John Wick" eine der Überraschungen des Jahres.

 

Florian Lieb

John Wick

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2014

101 Min.

 

Regie: Chad Stahelski

Darsteller: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Willem Dafoe u. a.

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